Tuyas Hochzeit

"Tuyas Hochzeit", der Gewinner des Goldenen Bären der Filmfestspiele Berlin 2007, spielt in China. Der Film handelt nicht von den Boom Towns, in denen der Kapitalismus geradezu explodiert, sondern von der weltabgewandten Seite des Landes. In der inneren Mongolei kämpft eine Familie ums Überleben. Auch hier machen sich die rasanten Veränderungen in dem Riesenreich bemerkbar. Regisseur Wang Quan’an schildert in eindringlichen bis grotesken Bildern die Erosion der ländlichen Lebensweise – ein stilles Drama in einer abgeschiedenen und atemberaubend schönen Gegend dieser Welt.

Goldener Bär Filmfestspiele Berlin 2007

Webseite: www.arsenalfilm.de

China 2007
Regie: Wang Quan’an
Buch: Lu Wie, Wang Quan’an
Darsteller: Yu Nan, Bater, Senge, Peng Hongxiang
Länge: 92 Minuten
Verleih: Arsenal Film
Kinostart: 23. August 2007

PRESSESTIMMEN:

Für die sanfte Tragikomödie gab es in diesem Jahr den Goldenen Bären, nicht unverdient. (…) Überwältigend intensiv!
Der Spiegel

Kunstvoll-ungekünstelte Schönheit.
FAZ

Phantastisch – eine Entdeckung!
ARD Titel Thesen Temperamente

In jeder Szene Kino!
Kölner Stadtanzeiger

Leinwand-Magie!
Leipziger Volkszeitung

Ein faszinierender Film.
IN München

Lakonische Tragikomödie mit rauem Charme.
TIP Berlin

Pressestimmen auf film-zeit.de hier…

FILMKRITIK:

Die Familie ist bei den Nomaden kein jederzeit aufkündbares Vertragsverhältnis. Ohne die Familie ist das Überleben schlicht nicht möglich. Das stellt die Hirtenfrau Tuya (Yu Nan) ziemlich schnell fest, nachdem sich ihr Mann Bater (Bater) beim Brunnenbau so schwer verletzt hat, dass er bei der täglichen Arbeit nicht mehr mit anpacken kann. Alles lastet nun auf Tuyas Schultern: die Aufzucht der Schafe wie der zwei Kinder, der beschwerliche tägliche Wassertransport, die Haushaltspflichten. Als Tuya zusammenklappt, kommt das Paar überein, dass es nur eine paradoxe Lösung gibt, um die Existenz der Familie zu sichern: die Scheidung. Der Steppen-Funk funktioniert gut. Ein Kandidat nach dem anderen macht Tuya seine Aufwartung, und je länger die Brautschau dauert, desto wohlhabender werden die Interessenten. Die junge Hirtenfrau entscheidet sich für einen alten Schulkameraden, der im Ölgeschäft viel Geld gemacht hat. Ihr Mann bekommt im Gegenzug einen Platz im Pflegeheim. Doch das ist nicht das Ende der Geschichte, sondern nur eine Zwischenstation. Aber da ahnt man schon, dass der Gang der Ereignisse keinem Happyend zusteuert, sondern nur einem Arrangement, das den harten Gesetzen des Nomadenlebens entspricht.

„Tuyas Hochzeit“ wirkt zunächst wie ein Familiendrama vor exotischer Kulisse. Von der Anmutung sehr ähnlich wie „Die Geschichte vom weinenden Kamel“ und „Die Höhle des gelben Hundes“ der mongolischen Regisseurin Byambasuren Davaa. Allmählich tritt jedoch hervor, dass Wang Quan’an eine Gesamtschau auf die Entwicklung seines Landes unternimmt und dabei zu einem klaren Ergebnis kommt: Die freigesetzten kapitalistischen Kräfte zerstören das einfache, aber moralisch integre Nomadenleben. Das vermittelt sich nicht so leicht, weil das zerstörerische Kraftfeld – die Stadt – nicht sichtbar, sondern nur spürbar ist. Einem Nachbarn Tuyas läuft die Frau weg. Sie geht in die Stadt, wo das Leben leichter sein soll. Geschäftemacher tauchen auf, die die Nomaden übers Ohr hauen, und auch die Heiratskandidaten aus der Stadt sind nur auf ihren Vorteil bedacht. 

Demgegenüber stehen die Normen und Werte der Hirten, ohne deren Einhaltung das Nomadentum zusammenbräche. Man weiß nicht recht, ob Tuya ihren Mann liebt, aber sie ist loyal ihm gegenüber, was unter den Lebensbedingungen der Steppe vielleicht noch wertvoller ist. Quan’an inszeniert das Lob der guten Tat ohne Pathos und mit den Grautönen, die dem Leben Eigen sind: Auch Tuya hat eigene Interessen und Gefühle, die sie aber mit dem Fortbestand der Gemeinschaft vereinbaren will. Quan’ans Realismus unterscheidet ihn von Davaa, die zwar dasselbe Thema in ihren Filmen behandelt, aber die Mythen des Nomadenvolks in den Vordergrund rückt und damit Gefahr läuft, folkloristisch zu wirken. 

Das Ensemble in „Tuyas Hochzeit“ setzt sich fast ausschließlich aus sehr talentierten Laien zusammen. Nur Tuya-Darstellerin Yu Nan ist Profi. Die zarte Schauspielerin plustert sich zu einer solch robusten und durchsetzungsfähigen Viehhirtin auf, dass man nur staunen kann. 

Volker Mazassek 

 
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Tuya ist Mongolin, Nomadin, Viehzüchterin. Und auch Mutter. Ein Schicksalsschlag hat sie getroffen, als ihr Mann Bater bei der Wassersuche in der Steppe beide Beine verlor. Die Kinder, der Haushalt, die Herde müssen versorgt werden. Das schafft Tuya nicht mehr.

Das Ehepaar kommt überein, sich scheiden zu lassen. Wenn Tuya einen neuen Mann findet, wird er für alle, auch für Bater, sorgen müssen. Doch mit den Kandidaten ist das so eine Sache. Die, die sich vorstellen, kommen so gut wie nicht in Frage. Einer will Bater sofort ins Heim abschieben. Tuya lässt so etwas nicht mit sich machen. 

Sehrt anschaulich, mit langem Atem und in typischen Bildern wird das alles gezeigt: das mongolische Nomadenleben, die Weite der Steppe und Berge, die Arbeit mit den Tieren, Tuyas Nöte, die Suche nach einer Lösung, Baters Krankheit, die Schwierigkeiten mit den nicht in Frage kommenden oder den eventuell in Frage kommenden Heiratskandidaten, Tuyas Entschlossenheit.

Immerhin erhielt dieser Film bei der Berlinale 2007 den Goldenen Bären zugesprochen. Das heißt schon etwas. Zumindest für Zuschauer, die an dem Thema und an den Schauplätzen der Mongolei interessiert sind.

Thomas Engel