Uferfrauen – Lesbisches L(i)eben in der DDR

Lange Jahre hielt sich das Gerücht, dass es Lesben in der DDR leichter hatten als in der BRD. Dass dem nicht so wahr, ist inzwischen klar und wird von Barbara Wallbrauns Dokumentation „Uferfrauen – Lesbisches L(i)eben in der DDR“ bestätigt. In ihrem ersten Langfilm porträtiert die Regisseurin sechs Frauen, die auf ihre Erlebnisse und Erfahrungen in der DDR zurückblicken.

Webseite: www.uferfrauen.de

Dokumentation
Deutschland 2019
Regie & Buch: Barbara Wallbraun
Länge: 115 Minuten
Verleih: déjà-vu film
Kinostart: 2. April 2020

FILMKRITIK:

Das anders sein, anders leben gerade in einem Staat, der sich als „sozialistischer Einheitsstaat“ verstand, nicht gern gesehen wurde, versteht sich von selbst. Jede Form der Abweichung wurde in der DDR mit Argusaugen beobachtet und von der stets präsenten Staatssicherheit verfolgt und im schlimmsten Fall sanktioniert.
 
So auch Lesben. Zwar war in der DDR Homosexualität an sich geduldet, aber besonders Verhältnisse zwischen einem Erwachsenen und einem Minderjährigen, also auch zwischen etwa einer 19- und einer 17-jährigen, waren oft Anlass zur strafrechtlichen Verfolgung. Opfer dieser Gesetze wurden auch einige der sechs Frauen, die Barbara Wallbraun für ihre Dokumentation gesucht und vor die Kamera geholt hat. Meist im höheren Alter, die jüngste Protagonistin wurde 1966 geboren, die meisten schon in den 50er Jahren. Auch die Gelassenheit des Alters, der Rückblick auf Ereignisse, die schon viele Jahrzehnte zurückliegen, mag zum leisen Ton des Films beitragen, der auf unspektakuläre Weise von Lebenserfahrungen berichtet.
 
Ganz normale Leben haben sie geführt, Frauen wie Sabine, Carola oder Elke, die in Berlin, in Rostock oder auf dem Land aufwuchsen, bis sie früher oder später entdeckten, dass sie sich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlten. Von ersten Begegnungen, ersten Küssen und Liebschaften berichten die Protagonistinnen, Erzählungen, die sich kaum von dem unterscheiden dürften, was ihre Altersgenossinnen im Westen erlebten.
 
Viele von ihnen lebten dann auch mehr oder weniger lang nach den Normen einer vor allem heterosexuellen Gesellschaft, in der die aus Mann, Frau und Kindern bestehende Familie, die Norm ist. Manche bekamen Kinder und trennten sich erst spät von ihren Männern, so wie auch im Westen viele Lesben und Schwule heterosexuelle Beziehungen führten, bis sich die gesellschaftlichen Verhältnisse zu ändern begannen und es leichter wurde, offen homosexuell zu leben.
 
Doch nicht immer ging es so glimpflich ab, die dauerhafte Überwachung durch die Stasi belastete manche Beziehung, zerstörte sie im Extremfall sogar, wie eine der Protagonistinnen berichtet, deren ältere Freundin wegen Unzucht mit Minderjährigen inhaftiert wurde. Solche schmerzlichen Erinnerungen sind jedoch die Ausnahme, meist ist „Uferfrauen – Lesbisches L(i)eben in der DDR“ von einer leicht melancholischen Stimmung geprägt, die der Rückblick auf lange zurückliegende Ereignisse, auf die erste Liebe, die ersten Enttäuschungen mit sich bringt.
 
Michael Meyns