Ufo in her eyes

Die Welt ist vielleicht doch nur ein Dorf. Denn auch wenn der neue Film von Xiaolu Guo ("She, A Chinese") in einem abgelegenen Flecken in Süd-China spielt und in eine dem Mitteleuropäer fremde Welt führt, führen die Credits nach Hamburg: Der Film wurde von NDR/Arte produziert, unter anderem der Filmförderung Hamburg-Holstein finanziert, und ausführender Produzent ist niemand anderes als Fatih Akin. Vielleicht hält man sich als Zuschauer an solchen Äußerlichkeiten fest, weil man sich in diesem Film tatsächlich zunächst fremd fühlt, den es aber zu entdecken lohnt. Das liegt an der teilweise surrealen Inszenierung, an den unbekannten kulturellen Codes – und an Udo Kier, der wie ein Alien als amerikanischer Geschäftsmann durch die chinesische Landschaft taumelt.

Webseite: ufo.pandorafilm.de

Deutschland/China 2011
Regie, Buch: Xiaolu Guo
Darsteller: Shi Ke, Udo Kier, Mandy Zhang, Massela Wei, Dou Li
Länge: 110 Minuten
Verleih: Pandora Film
Kinostart: 26. April 2012

PRESSESTIMMEN:

Diese surreale Polit-Fabel über ein chinesisches Dorf im Wirtschaftswunderwahn wurde zwar vor Ort gedreht, auf die Beine gestellt aber von Fatih Akins Produktionsfirma mit Hilfe europäischer Fördergelder. So eine schräge Kapitalismus-Satire wäre wohl auch kaum durch die chinesische Zensur gekommen.
KulturSPIEGEL

FILMKRITIK:

Kwok Yun ist Ende 30, unverheiratet und kinderlos. In der chinesischen Provinz ein unhaltbarer Zustand, der Kwok Yun im Dorf zur Außenseiterin macht. Noch dazu hat sie ein Verhältnis mit dem Schuldirektor, der seinerseits mit einer griesgrämigen, dicken Frau unglücklich verheiratet ist. Nach einem Schäferstündchen in den Reisfeldern passiert es: Kwok Yun findet einen merkwürdigen Kristall, hält ihn in die Sonne – und glaubt plötzlich, am Himmel ein merkwürdiges Flugobjekt zu sehen. Ein UFO? Kwok Yun berichtet der Dorf-Vorsteherin Chief Chang von ihrer Beobachtung. Die hält es für ihre Pflicht, die Parteiführung zu benachrichtigen. Prompt kommt es zu einer Untersuchung, für die im Dorf herumgeschnüffelt wird. Chief Chang entwickelt derweil einen eifrigen Geschäftsgeist und will die angebliche UFO-Sichtung dazu nutzen, das Dorf zum Touristenmagneten zu machen. Ein amerikanischer Geschäftsmann (Udo Kier), den Kwok Yun nach einem Hitzschlag versorgt hatte, zückt sein Scheckbuch und finanziert den Bau eines pompösen Hotels. Kwok Yun selbst soll von der Außenseiterin zur Heldin aufsteigen. Entgeistert verfolgt sie die hektischen Aktivitäten, die ihre Beobachtung auslösen.

Xiaolu Guo, für ihr Fiction-Debüt "She, A Chinese" 2009 in Locarno mit dem Goldenen Leoparden ausgezeichnet, hat mit ihrem zweiten Spielfilm eine durchgedrehte Groteske geschaffen; einen Film, der vom Zuschauer erobert werden will. Denn die Verfilmung ihres eigenen Romans ist sperrig und entwickelt ihren Charme nur langsam. Es lohnt sich aber, geduldig zu bleiben und der anfangs wirr wirkenden Geschichte zu folgen.

Vor allem der wilde Mix der Filmsprache hält den Zuschauer zunächst auf Distanz, wird aber zunehmend zur treibenden Kraft von "UFO In Her Eyes". Guo vermischt elegische Naturaufnahmen mit Handkamera, Farbe mit schwarzweiß, die genaue Beobachtung der Dokumentation mit surrealen Elementen – etwa wenn die Kamera den Blick von Fasanen, Büffeln und Gänsen auf das Geschehen einnimmt. Vieles wirkt improvisiert wie bei einem No-Budget-Film, auch das Spiel der teils aus Laiendarstellern bestehenden Besetzung passt dazu.

Immer stärker schält sich aus diesem scheinbaren Durcheinander eine ätzende Satire heraus, die das Problem der Wanderarbeiter genauso aufs Korn nimmt wie die allmächtige kommunistische Partei und vor allem den Turbokapitalismus, der sich unter ihrer Protektion in China ausbreitet und stärker noch als der Kommunismus die Menschen von ihren kulturellen Wurzeln und Identitäten abzuschneiden droht. Der Film mündet in einer hysterischen Party, in der ein völlig betrunkener Udo Kier lallend den Segen des Geldes beschwört, während die Dörfler dazu im Regen tanzen. Ein dreckiger Witz, der bei der chinesischen Zensur auf kein Verständnis stieß: "UFO IN Her Eyes" wurde verboten.

Oliver Kaever

In China ist der Fortschrittsunterschied zwischen dem flachen Land und den städtischen Regionen noch sehr groß. Das spürt auch die gut dreißigjährige Kwok Yun, die in einem armen Dorf lebt und sich weiß Gott Besseres wünscht. Sie ist unverheiratet, hat aber mit dem örtlichen Schuldirektor ein Verhältnis.

Eines Tages arbeitet sie auf dem Reisfeld. Da glaubt sie eine Himmelserscheinung, ein helles fliegendes Objekt, ein „Ufo“ zu sehen und fällt vor Schreck in Ohnmacht. Als sie wieder erwacht, liegt neben ihr ein unbekannter Mann, ein Amerikaner, der verwundet ist und den sie pflegt. Doch ziemlich rasch ist der wieder verschwunden.

So etwas muss in China natürlich den Behörden gemeldet werden. Die Dorfvorsteherin hört Kwok Yun aufmerksam zu und gibt alles sofort weiter an die nächst höhere Stelle. Eine für ein kleines Dorf derartige Sensation löst eine Kettenreaktion aus, auch eine mediale. Delegationen treffen ein, Touristen kommen, es wird viel und groß gebaut, die Reisfelder verschwinden, die Karpfenteiche ebenfalls. Stadtflair, nein Großstadtflair wird angestrebt. Das kleine Nest wird ins 21. Jahrhundert versetzt. Fortschritt, Fortschritt heißt die Parole. Globalisierung muss sein! Wirtschaftsfieber herrscht. Kommunistischer Kapitalismus ist Trumpf. Was dabei aus der verdutzten Kwok Yun wird, muss man abwarten.

Die Romanautorin und Regisseurin Xiaolu Guo zeigt das alles in abwechselnd schönen, teils dokumentarischen Bildern komödienhaft, mit einem Augenzwinkern, mit feinem ironischem Gespür. Sie nimmt die chinesische Hierarchiestruktur, die Bürokratie, den vermeintlichen Fortschritt, das Verlangen der Menschen nach Größerem auf den Arm und hat damit einen spitzbübischen, durchaus originellen und angenehm unterhaltenden Film geschaffen – der, was das Massenverhalten und die Psychologie betrifft, viel tiefer geht, als oberflächlich zu vermuten wäre. Und noch etwas: Was die Medien aus einem verhältnismäßig banalen Ereignis machen, machen können.

Sehr gut übrigens die chinesische Darstellerin Shi Ke, die die Rolle der Kwok Yun verhalten aber überzeugend spielt.

Man kann diesen feinen Spott über den Größenwahn der Menschen – beileibe nicht nur in China – in Filmkunsttheatern und Programmkinos auf jeden Fall gebrauchen.

Thomas Engel