Un Amor – Eine Liebe fürs Leben

Weil Argentinien jetzt Papst ist, ist dem südamerikanischen Einwanderungsland in nächster Zeit gewiss wieder eine erhöhte Aufmerksamkeit garantiert. Vielleicht wird im Zuge dessen auch über die sehenswerten Produktionen der neuen argentinischen Filmemachergeneration gesprochen. Verkehrt wär’s nicht. Wie etwa über jene wehmütig-sensible Liebesgeschichte von Paula Hernández, die von leichter Hand von einer Dreiecksbeziehung erzählt und von dem, was von ihr mehr als 30 Jahre später geblieben ist.

Webseite: www.kairosfilm.de

Argentinien 2011
Regie: Paula Hernández
Mit: Diego Peretti, Alan Daicz, Elena Roger, Denise Groesman, Luis Ziembrowski, Augustín Pardella
99 Minuten
Verleih: KAIROS Film
Kinostart: 21.03.2013

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Es ist die Zeit, in der argentinische Jungs wegen eines gewissen Maradona nichts anderes im Kopf haben außer Fußball, Fußball, Fußball. Es ist allerdings auch die Zeit der Militärdiktatur. Möglicherweise beeinflusst durch deren Ereignisse verschwindet von einem Tag auf den anderen die damals etwa 16 Jahre Lisa aus dem Leben ihrer beiden damaligen Schulfreunde Bruno und Lalo und lässt sie, mehr oder weniger ohne ein Wort zu sagen, mit einer ganzen Menge an Erinnerungen an verspielte und verträumte Jugendtage zurück. Eines Tages, über 30 Jahre sind vergangen, steht Lisa in Buenos Aires unverhofft vor der Türe des inzwischen verheirateten Familienvaters Bruno. Auch was aus Lalo geworden ist, will sie wissen.

Das Wiedersehen im Heute und die Zeit der gemeinsamen Jugend setzt die 1969 in Argentinien geborene Regisseurin Paula Hernández einander gegenüber. Dabei atmen die Bilder der Jugendjahre in der im Nordosten Argentiniens gelegenen Provinz Entre Rios viel mehr Farbe, Frische und natürliches Licht und verströmen die jungen, noch kamera-unerfahrenen Schauspieler eine ansteckende Energie. Emotional berühren die Gefühle beim Wiedersehen in Entre Rios drei Dekaden später weitaus mehr, hier stehen mit Elena Roger, Diego Peretti und Luis Ziembrowski auch drei erfahrene argentinische Schauspieler vor der Kamera. Apropos emotional: auch in Paula Hernández vorangegangenem Film, dem vor zwei Jahren in unseren Kinos vorgestellten urbanen Roadmovie „Lluvia – Im Regen des Südens“ über die Einsamkeit in der modernen Welt, überzeugte eine besondere emotionale Erzählweise.

Fußball gespielt wird in „un Amor“ allerdings nur in der allerersten Szene des Films, angesagt ist im weiteren Verlauf eher Motorsport, den Lalo, schon als Jugendlicher ein passionierter Mechaniker, mit Leidenschaft betreibt. Heiraten will der wuschelige Lockenkopf die gemeinsame Freundin, den ersten Kuss und Sex aber gesteht sie dem eher schüchternden Bruno zu. Die gemeinsame Freundschaft macht das nicht gerade leicht. Gelungen an „Un Amor“ ist auf alle Fälle, wie Paula Hernández, die Vergangenheit wiederbelebt, wie sie sich sanft und einfühlsam ihren Figuren nähert, die vor allem ja als Erwachsene noch um die Gefühle von damals wissen und welche Bedeutung dies für ihr weiteres Leben, ihr Wünsche und Sehnsüchte hatte. Die Vorlage zu ihrem Film lieferte die Erzählung „Un amor para toda la vida“ (Eine Liebe für ein ganzes Leben) von Sergio Bizzio, einer bekannten Künstlerpersönlichkeit in Argentinien.

Der Schnitt von Gegenwart zurück in die Jugend erfolgt dabei meist in Momenten des gedanklichen Innehaltens der Erwachsenen, eben so, wie wenn plötzlich nochmal die Erinnerungen von einst vor den Augen sichtbar werden. Dazu passt in den Übergängen der begleitende Sound von Piano und sehnsüchtiger Gitarrenmusik. Die politische Stimmung in Argentinien zur damaligen Zeit schwingt allenfalls im Subtext mit, etwa wenn vom klapprigen R4, in dem Lisa mit ihren studentischen Eltern sitzt, nur noch die Rücklichter erkennbar sind. Ein Unterschied zu vielen ähnlich gelagerten Liebesgeschichten, in denen eine Frau zwischen zwei Männern steht, besteht darin, dass hier aus der Perspektive der Frau erzählt wird. Einer Frau, die im Rückblick sehr genau weiß, was sie an ihren Freunden hatte und ihnen dies nun nochmal sagen will. Den Segen des neuen argentinischen Papstes braucht sie dazu nicht.

Thomas Volkmann