Un Homme qui crie – Ein Mann, der schreit

Sehr typisches afrikanisches Kino ist Mahamat-Saleh Harouns „Ein Mann, der schreit“, in guter wie schlechter Hinsicht. Stilistisch vom momentan so beliebten Minimalismus des internationalen Festivalkinos geprägt, erzählt der Film die berührende Geschichte eines Vaters aus dem zentralafrikanischen Staat Tschad, der seinen Sohn in den Bürgerkrieg schickt und zu spät erkennt, was er angerichtet hat.
Ausgezeichnet mit dem Preis der Jury auf dem Filmfestival Cannes 2010

Webseite: cineglobal

Tschad 2010
Regie, Buch: Mahamat-Saleh Haroun
Kamera: Laurent Brunet
Schnitt: Marie-Hélène Dozo
Musik: Wasis Diop
Darsteller: Youssouf Djaoro, Dioucounda Koma, Emile Abossola M’Bo, Marius Yelolo, Djeneba Kone
Länge: 92 Min.
Verleih: Cine Global Filmverleih
Kinostart: 7. April 2011
 

PRESSESTIMMEN:

Drama der leisen Töne: "Un homme qui crie – Ein Mann, der schreit" ist beeindruckendes Kino aus dem von jahrzehntelangen Bürgerkriegen geschüttelten Tschad mitten im Herzen Afrikas – eine Innensicht auf einen Mann und sein Land.
Spiegel.de (Die ganze Kritik hier…)

FILMKRITIK:

Adam, 55jähriger ehemaliger Schwimm-Meister des Tschads, arbeitet am Pool eines Luxushotels in D’Djamena, der Hauptstadt der zentralafrikanischen Republik. Ihm zur Seite steht sein Sohn Abdel. Als das Hotel die Besitzer wechselt, wird Adam quasi über Nacht seiner Position beraubt und muss fortan an der Schranke des Hotels arbeiten. Besonders schmerzhaft ist für Adam, dass nun sein Sohn seine Position innehat, ihm aber der Lebenstraum genommen wurde. Während dieser familiäre Konflikt sich langsam entwickelt, flechtet Regisseur Mahamat-Saleh Haroun nebenbei, oft im Hintergrund, zunächst kaum wahrnehmbare Hinweise auf den sich ausbreitenden Bürgerkrieg im Land ein. Mal sind es Militärposten, die Adam auf dem Weg zur Arbeit stoppen, mal eine Nachricht, die im Hintergrund im Radio zu hören ist. Bald aber wird der Bürgerkrieg unmittelbar das Schicksal der Protagonisten bestimmen. Auch Adam wird nur scheinbar freundlich darum gebeten, einen Beitrag zur Kriegskasse zu leisten. Geld hat er nicht und so trifft er die folgenschwere Entscheidung, die sein Schicksal fortan bestimmen wird: Er empfiehlt seinen Sohn zum Dienst an der Waffe, wohl wissend, dass dies wahrscheinlich dessen Tod bedeutet. Seine Position als Poolwärter hat Adam nun zwar wieder, nach und nach dämmert ihm aber, was er getan hat. Er macht sich auf den langen, mühsamen Weg an die Front, im verzweifelten Versuch, seinen Sohn zurückzubekommen, auch wenn es dafür zu spät erscheint.

Man merkt Mahamat-Saleh Harouns in Cannes ausgezeichnetem Film an, dass er mit europäischen Mitteln finanziert wurde. Seine kontemplative Erzählweise, die langen Szenen, in denen fast nichts passiert, in denen die Hauptfigur einfach nur bei banalen Handlungen beobachtet wird, entspricht ziemlich genau dem Minimalismus, der in den letzten Jahren besonders auf westlichen Filmfestivals zu finden war. Aus Afrika heraus ließe sich ein Film wie dieser allerdings auch nicht produzieren, abgesehen davon, dass es in Afrika praktisch keine Kinos gibt, die einen Arthouse Film wie diesen zeigen würden. Das Zielpublikum ist also notgedrungen kein afrikanisches, sondern ein westliches, am Schicksal Afrikas interessiertes. Diese Notwendigkeiten des Marktes sind nicht unproblematisch, momentan aber auch kaum zu ändern, zumal das Publikum für etwas anspruchsvollere Arthouse-Filme ohnehin nicht groß ist. So muss man sich vorerst meist mit europäisch geprägten afrikanischen Filmen begnügen, was im Fall von „Ein Mann, der schreit“ nicht das Schlechteste ist. Die Qualitäten, die Mahamat-Saleh Haroun vorzuweisen hat, würden auch westlichen Regisseuren gut zu Gesicht stehen. Vor allem die Präzision, mit der er die Gefühlswelten Adams zeichnet, beeindruckt, nicht zuletzt dank des exzellenten Hauptdarstellers Youssouf Djaoro. In jedem Fall also ein sehenswerter Film, auch wenn man sich bisweilen fragt, ob das hier afrikanisches oder europäisches Kino ist.

Michael Meyns

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