Nader und Simin

Es regnete Bären: bester Film, bestes weibliches und männliches Darsteller-Ensemble. Die Jury zeichnete mit „Nader und Simin – eine Trennung“ einen Film aus, der bei der Berlinale 2011 alles überstrahlte. Asghar Farhadi taucht tief in den iranischen Alltag ein und zeichnet mit klaren Linien das Bild einer verfahrenen Lage. Das ist nicht nur aufschlussreich und kunstvoll gebaut, sondern berücksichtigt auch die Unterhaltungsbedürfnisse des Publikums. Dank Drehbuch und Timing schwingt sich die simple Trennungsgeschichte zu großem Kino auf, ein intensives Drama, spannend bis zum Schluss.

Webseite: www.alamodefilm.de

Iran 2011
Buch und Regie: Asghar Farhadi
Kamera: Mahmood Kalari
Darsteller: Leila Hatami, Peyman Moadi, Shahab Hosseini, Sareh Bayat, Sarina Farhadi
Länge: 123 Minuten
Verleih: Alamode Film
Kinostart: 14. Juli 2011
 

PRESSESTIMMEN:

Beiläufig großartig. Einer der besten Filme des Jahres.
Der Spiegel

Bis keine Emotion mehr entweichen kann: Der Berlinale-Sieger von Asghar Farhadi besticht durch die Dichte seines Erzählgewebes. Präzise und facettenreich erzählt er ein Familiendrama, das unter den vielen Kleinproblemen fast nebenbei abläuft. Ein Ausnahmefilm über den lebensfeindlichen Ayatollah-Staat Iran.
Süddeutsche Zeitung

Es geht um die Herstellung von Gerechtigkeit, um Lügen, die einen vielleicht vor dem Buchstaben des Gesetzes bewahren und um das, was an Wahrheit dazwischenliegt. Farhadi verknüpft diese Fäden meisterlich zum Familien- und Sozialpanorama, das allen involvierten Parteien gerecht wird, ohne ihre Widersprüche zu versöhnen. Herausragend.
Tip Berlin

Eine große, mitreißende Tragödie um eine zerbrechende Liebe, ein verlorenes Leben und die Frage, wie Moderne und Strenggläubigkeit im heutigen Teheran zusammengehen. Fast perfektes Kino.
KulturSPIEGEL

FILMKRITIK:

Er wolle mit seinem Film keine Antworten geben, sagt Asghar Farhadi, er möchte, dass das Publikum das Kino mit Fragen verlässt. Das sieht man sofort. Das Ehepaar Nader (Peyman Moadi) und Simin (Leila Hatami) sitzt in der Eröffnungsszene vor dem Scheidungsrichter. Beide breiten ihre Argumente aus. Den Richter sieht man nicht, man hört nur seine Off-Kommentare. Das Ehepaar spricht also zum Kino-Publikum, es fordert zum Zuhören auf und zur Stellungnahme. Das wirkt, den ganzen Film lang. Die Exposition hinterlässt beim europäischen Zuschauer aber auch den Eindruck: Aha, es gibt so was wie einen rechtsstaatlichen Interessenausgleich zwischen den Geschlechtern im Iran, und Frauen treten dabei sehr selbstbewusst auf. Man wird später sehen, dass dieser Eindruck Brüche bekommt. Es ist ein Beispiel dafür, dass Filmemacher in einer Diktatur wie der iranischen clever sein müssen, um ihre Werke durch die Zensur zu bringen. Farhadi beherrscht dieses Spiel offenbar. Es kommt sogar zu einem Schwur auf den Koran, die höchste Autorität, aber der ist so schillernd, dass er nicht als staatstragend durchgehen kann.

Interessanter ist die Frage, wie es so weit kommen konnte. Denn am Anfang ist da nur ein Paar, das sich trennen will, nichts Besonderes. Die Eheleute wollen mit ihrer elfjährigen Tochter ausreisen, weil sie „unter diesen Bedingungen“, wie es beiläufig heißt, nicht mehr im Iran leben wollen. Die Visa sind genehmigt, doch dann macht der Mann einen Rückzieher. Er will seinen Vater nicht zurücklassen, der an Alzheimer erkrankt und pflegebedürftig ist. Seine Frau zieht zu ihren Eltern zurück, die Tochter Termeh (Sarina Farhadi) bleibt beim Vater. Eine Allerweltsgeschichte, die überall spielen könnte. Nur dass sie im Iran, auch das macht Farhadi clever, katastrophal enden kann. Nader engagiert die streng gläubige Pflegerin Razieh (Sareh Bayet) für seinen Vater, die in ihrer Not einen großen Fehler macht und zwei Familien an den Rand des Abgrunds treibt. Aus einem losen Faden, den die Beteiligten aufgreifen, wird ein Netz, das sie alle gefangen nimmt.

In Farhadis Dialog-Film ist der Druck weniger sichtbar als spürbar: Bedrohungen, die von der Justiz ausgehen, von Rachegelüsten, religiösen Regeln und betonierten Geschlechterrollen. Niemand hat in dieser Gemengelage Unrecht. Farhadi verkündet keine Wahrheit, auf deren Seite er sich schlägt, sondern stellt Interessenlagen dar, die alle legitim, aber unvereinbar sind. Die Wünsche des liberalen Bürgertums und die religiösen Überzeugungen anderer Volksschichten passen nicht zusammen. Und der Staat moderiert keine Konflikte. Er unterdrückt sie und sanktioniert, was ihm nicht passt. Der Film erzeugt mit jedem Schritt vorwärts mehr Komplexität und mit jedem Baustein ändert sich der Blick auf das Geschehen und die Motive der handelnden Personen. Der Zuschauer muss seine Vermutungen – und Vorurteile – stets prüfen und revidieren.

„Nader und Simin“ ist eine Bestandsaufnahme. So sieht es aus, wenn Menschen in einem Gottesstaat leben, der ihnen nicht hilft, sondern sie in Schach hält. Dabei kommt die Frage auf: Wie könnte es anders sein? Weg mit den Mullahs, diese einfache – und westliche – Antwort verbietet sich in diesem Film. Dazu sind die Konflikte zu vielschichtig. Dass es keine einfachen Lösungen gibt, wird am Ende schmerzhaft deutlich. Da muss Tochter Termeh eine Entscheidung treffen, und das bringt das ganze Unglück auf den Punkt.

Volker Mazassek

Das Bild zweier iranischer Familien, die zwischen religiösen Zwängen und Freiheit, zwischen Tradition und Moderne, zwischen gesetzlichem Recht und persönlichem Rechtsempfinden hin und her gerissen werden.

Nader, Simin und die 11jährige Tochter Termeh bilden eine Familie. Simin allerdings will ausreisen, um ihrem Kind eine „bessere Zukunft“ zu sichern. Nader ist nicht einverstanden, weil er seinen an Alzheimer erkrankten Vater pflegen will. Die Scheidung droht. Der Richter ist gefragt. Die beiden Eheleute einigen sich nicht. Simin verlässt das gemeinsame Haus.

Nader braucht für den Vater eine Pflegerin. Razieh wird eingestellt, eine strenggläubige Muslimin; ihre kleine Tochter Somayeh begleitet sie. Rasch stellt sich heraus, dass sie sich nicht allein mit einem fremden Mann in einer Wohnung aufhalten will, aus religiösen Gründen auch nicht kann. Außerdem ist sie schwanger, was sie indes verschweigt.

Weil sie dringend zur gynäkologischen Untersuchung muss, lässt sie den alten Mann allein, bindet ihn fest. Als Nader heimkommt, liegt sein Vater bewusstlos am Boden. Erzürnt entlässt Nader Razieh, schubst sie zur Wohnungstür hinaus. Sie stürzt im Treppenhaus, verliert ihr Kind. Raziehs Mann Hodjat erfährt alles, und jetzt geht es vor den Untersuchungsbehörden und privat zwischen den beiden Familien (und sogar zwischen den Ehepaaren) los: der Streit um die Wahrheit, um die Schuld, um den „Mord“ an dem Kind, um die Lebensgefahr für den Vater, um Angst vor der drohenden Rache, um die Furcht vor der Strafe Gottes, um Recht und Unrecht, um den Verbleib Termehs, um zu zahlendes „Blutgeld“ und anderes mehr.

Geschickt sind Widersprüche und Zweifel, Lügen und Wahrheit im Drehbuch angelegt und verwoben. Autor und Regisseur Asghar Farhadi erhielt für seinen Film in Berlin (2011) den Goldenen Bären.

Sicherlich war die Auszeichnung auch politisch motiviert. Es geht jedenfalls nicht nur um Familien- und Eheprobleme, sondern insgesamt um die problematische, manche Tragödie auslösende Lage der iranischen Gesellschaft, die zwar modern geworden sein mag, die jedoch unter dem Zwang einer strengen Ideologie bzw. Religion leben muss.

Abgesehen davon handelt es sich um ein sehenswertes Drama.

Dazu tragen auch die hier weitgehend unbekannten aber exzellenten Schauspieler bei: Leila Hatami als Simin, Peyman Moadi als Nader, Sareh Bayat als Razieh sowie Shahab Hosseini als Hodjat.

Thomas Engel