Der kolumbianische Film „Un Poeta“ wirkt roh und kraftvoll, direkt und ehrlich in seiner Betrachtung eines Mannes, der sich selbst der größte Feind ist. Weil er sein Talent und seine Fähigkeiten überschätzt, aber erwartet, dass die Welt beider gewahr wird und sie schätzt. Er ist ein Poet, aber ein trauriger.
Über den Film
Originaltitel
Un poeta
Deutscher Titel
Un poeta
Produktionsland
DEU,COL,SWE
Filmdauer
123 min
Produktionsjahr
2025
Regisseur
Soto, Simón Mesa
Verleih
jip film & verleih gbr
Starttermin
12.03.2026
Oscar (Ubeimar Rios) ist ein mittelmäßiger, aber von seiner Berufung tief überzeugter Lyriker mittleren Alters, der finanziell am Boden liegt, noch immer mit seiner alternden Mutter (Margarita Soto) zusammenlebt und zu seiner fast entfremdeten Tochter (Alisson Correa) kaum noch einen Zugang findet. Dass sie in ihm vor allem einen bemitleidenswerten Verlierer sieht, trifft ihn ebenso wie die Ignoranz seiner Verleger, die seinen vor Jahren erschienenen Gedichtbänden kaum noch Aufmerksamkeit widmen. Für Oscar ist das nicht nur eine Frage des Egos: Er glaubt ernsthaft an die gesellschaftliche Bedeutung von Poesie – und daran, dass ihre Sichtbarkeit auch sein eigenes Leben retten könnte. Dass er außerdem ein Alkoholproblem hat, macht die Sache nicht leichter.
Rios spielt diesen Man mit einer wunderbaren Mischung aus Stolz, Verletzlichkeit und selbstverschuldeter Tragikomik. Er ist ein Mann, der sich das Leben selbst schwer macht. Als er droht, auf der Straße zu enden, nimmt Oscar schließlich widerwillig eine Stelle als Lehrer an. Doch genau dort begegnet er Yurlady (Rebeca Andrade), einer 15-jährigen Schülerin aus prekären Verhältnissen, die über ein echtes lyrisches Talent verfügt. Oscar erkennt die Chance, ihr zu helfen: Er will sie an der von seinen Verlegern betriebenen Dichterschule unterbringen und ihr den Weg zu einem Poesiefestival ebnen, bei dem sie Aufmerksamkeit und vielleicht sogar ein Preisgeld gewinnen könnte. Natürlich geht es dabei auch um ihn selbst – um eine Form der stellvertretenden Erfüllung, um den späten Glanz eines Erfolgs, der ihm selbst versagt geblieben ist.
Daraus macht Autor und Regisseur Simón Mesa Soto einen Film, der abseits üblicher Konventionen und Erwartungen erzählt ist, der tatsächlich davon lebt, dass man Oscar gleichsam verflucht und bemitleidet, weil seine Existenz so unerträglich scheint, er selbst es aber auch ist. Die Schuld sucht er anderswo, und sei es das Leben selbst, das es auf ihn abgesehen hat. Das könnte düster und deprimierend sein, wird hier aber in einer Mixtur aus Melancholie und trockenen Humor kunstvoll miteinander verbunden. Oscar ist keine tragische Figur im großen Sinn, sondern eher ein trauriger Clown: Einer, über den man lacht, und doch zugleich bemitleidet.
Die Figuren werden nie bloßgestellt, egal, wie sie sich benehmen. Selbst peinlichen Momenten wird die Schärfe genommen, weil alles auch immer sehr menschlich ist. Was Soto gelingt, ist ein filmisches Gedicht.
Dass „Un Poeta“ bereits Preise und Nominierungen bei Festivals sammeln konnte – darunter der Jurypreis in der Reihe „Un Certain Regard“ in Cannes 2025 –, überrascht nicht. Simón Mesa Soto ist ein kleines, feines Independent-Juwel gelungen: klug, witzig, berührend. Man muss übrigens selbst nichts für Lyrik übrighaben, um von der Schönheit dieses Films gepackt zu werden.
Peter Osteried







