Unbekannte, Die

Lange ist es her, dass Giuseppe Tornatore mit „Cinema Paradiso“ zum Liebling des gediegenen europäischen Arthouse Kinos wurde. Sein letzter Film „Malena“ kam vor acht Jahren ins Kino, nun also das Comeback mit einem stilistisch überzeugenden Thriller voller Ambitionen. Denn nicht nur eine reine Genregeschichte will Tornatore in „Die Unbekannte“ erzählen, er vermischt auch noch Themen wie Prostitution, sexueller Missbrauch und gar Kinderhandel zu einem moralisch arg problematischen Film.

Ausgezeichnet mit vier Italienischen Filmpreisen 2007 und mit dem Publikumspreis des Europäischen Filmpreises 2007

Webseite: www.dieunbekannte.senator.de

OT: La Sconusciuta
Italien 2006
Regie: Giuseppe Tornatore
Buch: Giuseppe Tornatore und Massimo de Rita
Musik: Ennio Morricone
Darsteller: Xenia Rappoport, Michele Placido, Claudia Gerini, Margherita Buy, Angela Molina, Pino Calabrese
118 Minuten, Format: 1:2,35 (Scope)
Verleih: Senator
Kinostart: 22. Mai 2008

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Strukturell ist „Die Unbekannte“ ein klassischer Thriller. Die Titelfigur ist Irina (Xenia Rappoport), eine Frau aus dem Osten Europas, die eines Tages in einer italienischen Stadt auftaucht. Nur langsam wird man die Vorgeschichte der Frau erfahren, begreifen, was sie zu ihren zunächst irrational wirkenden Entscheidungen bringt. Obwohl sie offensichtlich viel Geld besitzt, setzt sie alles daran, bei einem ganz bestimmten Paar als Dienstmädchen zu arbeiten. Jedes Mittel ist ihr recht, selbst die schwere Verletzung ihrer Vorgängerin nimmt Irina billigend in Kauf, um den Job zu bekommen. Man ahnt schnell, dass das Ziel ihres obsessiven Handelns Tea ist, die kleine Tochter des Paares, die Irina auffallend ähnlich sieht. Bald macht sich Irina unentbehrlich, und wächst aus ihrer Rolle als Kindermädchen heraus zu einer Art Ersatzmutter, deren Pläne die eigentliche Mutter beunruhigen.

Diese Ebene des Films ist die überzeugendste. In langen Passagen ganz ohne Dialog, getragen nur von der Musik Ennio Morricones, zeigt Tornatore Irinas Handlungen. Geradezu generalstabsmäßig verfolgt sie ihren Plan, mietet sich im benachbarten Haus ein, forscht die Lebensgewohnheiten des Paares aus, durchsucht ihren Abfall, um später mit dem Wissen um die Lieblingsgerichte der Familie überzeugen zu können. Doch mit dieser reinen Thrillergeschichte, die im Stil an klassische Film Noirs erinnert, war es für Tornatore offensichtlich nicht getan. Die Motivation, die er für Irina kreiert, ihre Hintergründe, ihre Vergangenheit sind die zweite Ebene des Films, die in erst kurzen Erinnerungsfetzen, später in immer längeren Szenen Einzug in die eigentliche Handlung hält. Und was da, vor allem aber wie dies erzählt wird, ist – je nach Sichtweise – erschütternd, fragwürdig oder pure Exploitation. Denn in ihrem früheren Leben war Irina – eigentlich könnte man sagen natürlich – eine osteuropäische Zwangsprostituierte. Selbstverständlich ist dieses Schicksal viel zu vieler oft naiver Frauen aus ärmlichen Verhältnissen, die sich von Versprechungen und der Hoffnung auf ein besseres Leben einfangen lassen, keine Erfindung Tornatores.

Doch die Art und Weise, wie er das Schicksal Irinas schildert, wie er in grellen Bildern von sexuellem Missbrauch, den Perversionen ihres brutalen Zuhälter Muffa (Michele Placido in groteskem Make-Up) erzählt, ist äußerst problematisch. Denn es geht ihm anders als etwa Lukas Moodysson in „Lilya 4-ever“ nicht wirklich um das Schicksal dieser Frauen. Stattdessen nutzt er es, um der melodramatischen Thriller-Ebene Gehalt zu verschaffen, den Handlungen Irinas eine Dringlichkeit zu geben, die sie ansonsten nicht unbedingt hätten. Sicherlich hatte Tornatore nichts Böses im Sinn, doch solche Themen – zum Ende kommt gar noch der Handel mit Säuglingen dazu – auf diese Weise für eine Genre-Geschichte zu gebrauchen (je nach Sichtweise könnte man auch sagen missbrauchen), ist nie unproblematisch. Zumal Tornatores Qualitäten als Regisseur gewiss nicht in einer subtilen, zurückhaltenden Handschrift liegen. Letztlich ist „Die Unbekannte“ einerseits ein überzeugender Thriller, andererseits ein problematisches Sozialdrama. Welche Seite man in den Vordergrund stellt, muss jeder Zuschauer selbst entscheiden.

Michael Meyns 

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Eine italienische Kleinstadt. Eine junge Frau, Irena, kommt an. Sie hat etwas Geheimnisvolles an sich. Bruchstückhaft, in ganz kurzen Schnitten, erfährt man, dass sie eine furchtbare Vergangenheit mit Vergewaltigungen und Brutalität hinter sich hat. Sie mietet sich so ein, dass sie ein gegenüberliegendes Haus genau beobachten kann. Sie verschafft sich als Haushaltshilfe Zugang zu der Familie, die in diesem Haus wohnt und um die es ihr geht. Was kann Irena wollen?

Das Hauptaugenmerk gilt der kleinen Tea, Tochter der Goldschmiedfamilie Adacher, bei der Irena jetzt arbeitet. Langsam gewinnt sie das Vertrauen des Kindes. Doch wird sie, die „Unbekannte“, von ihrer Vergangenheit wieder eingeholt, sowohl von ihrem Peiniger als auch später von der Polizei.

Welche Folgen hatten die vielfachen Vergewaltigungen Irenas? Ist Tea vielleicht sogar ihr Kind, das die Adachers adoptiert haben? Will Irena das Mädchen entführen? Und wird sie sich für das ihr Angetane rächen? Dann wäre ihr Gefängnis sicher. Aber es gibt auch ein Leben danach. Und vielleicht wird dann Tea nicht weit sein.

Ein verwobener, verschachtelter, raffiniert montierter Thriller. Durchgehend hält Drehbuchautor und Regisseur Tornatore, der sein Handwerk sichtlich versteht, das Mysterium und die Spannung aufrecht. Realitätsbezogen ist die Geschichte keineswegs, es handelt sich um pures, toll inszeniertes und gefilmtes Kino.

Die russische Darstellerin Xenia Rappoport, die den „Krimi“ wesentlich trägt, und Michele Placido als Sexualverbrecher spielen eindrucksvoll. Die Musik stammt von keinem Geringeren als Ennio Morricone. Das spricht wohl für sich selbst.

Raffiniertes, teils rührendes, teils grausames und immer spannendes, mehrfach preisgekröntes Unterhaltungskino um eine lange Zeit mysteriös erscheinende „Unbekannte“.

Thomas Engel