Und dann der Regen – También la lluvia

Ist ein Film das Wichtigste auf der Welt? – Ein Team von Europäern, die in Bolivien einen Film über Kolumbus drehen, wird von der Realität eingeholt. Als es zu Unruhen kommt, müssen sich die Filmleute entscheiden, ob sie weitermachen, flüchten oder der unterdrückten indigenen Bevölkerung helfen wollen. Dafür müssten sie nicht nur den Film, sondern ihr Leben riskieren.
Bilder von atemberaubender Schönheit und Eindringlichkeit und ein „Film im Film“ mit geschickten Wechseln zu Szenen in der Gegenwart – all dies vereint in einer klugen Geschichte. Ein moderner Abenteuerfilm: bildgewaltig, anspruchsvoll und sehr, sehr spannend!

Webseite: www.und-dann-der-regen.de

Originaltitel: También la lluvia
Spanien/Frankreich/Mexico 2011
Regie: Icíar Bollaín
Drehbuch: Paul Loverty
Darsteller: Luis Tosar, Gael Garcia Bernal, Juan Carlos Aduviri, Karra Elejalde, Cassandra Ciangherotti
104 Minuten
Verleih: Piffl Medien
Kinostart: 29.12.2011

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Das spanische Filmteam rund um den Produzenten Costa und Regisseur Sebastián hat sich im Luxushotel prächtig eingerichtet, die Proben für den geplanten Spielfilm über Kolumbus laufen bereits. Alle sind bester Stimmung und voller Idealismus. Sie planen einen ambitionierten Film, der die Rolle der spanischen Eroberer und der Kirche kritisch beleuchtet. Das Budget ist knapp, deshalb hat man Cochabamba in Bolivien als Drehort gewählt: Hier sind die Löhne und die Nebenkosten niedrig. Produzent Costa geht mit branchenüblichem Zynismus ans Werk und hält die Geldgeber bei Laune, Regisseur Sebastián schwärmt von seiner Vision und begeistert alle mit seinen Ideen. Gegen Costas Willen besetzt er die wichtige Rolle des aufrührerischen Indios Hatuey mit Daniel, einem Einheimischen.

Bald zeigt sich, dass das scheinbare Paradies für Filmemacher an allen Ecken bröckelt: Der reizende Kolumbus-Darsteller ist ein Trinker, die indigenen Bewohner sind keineswegs so bescheiden und fügsam wie erhofft, und Daniel entpuppt sich als Anführer einer Revolte, die sich gegen die Privatisierung des Trinkwassers in Cochabamba zur Wehr setzt. Während die Dreharbeiten fortschreiten, werden die Parallelen zwischen den früheren Conquistadores und den Filmleuten offensichtlich. Es geht immer nur ums Geld – so sieht es jedenfalls aus, denn die europäischen Filmleute haben zwar idealistische Vorstellungen, aber mit der Umsetzung hapert es gewaltig, sobald die Lage kritisch wird. Die Demonstrationen in der Stadt eskalieren, Daniel wird verhaftet, und die Dreharbeiten sind gefährdet. Erst jetzt erkennen die Europäer die unbequeme Wahrheit: Sie können sich nicht mehr aus dem Konflikt heraushalten.

Vor dem wahren Hintergrund des „Wasserkrieges“ von Cochabamba im Jahr 2000 entwickelt sich eine brillant konstruierte Geschichte, in der es um Ausbeutung, Mut und Ideale geht. Haben die Menschen in den letzten 500 Jahren dazugelernt? Lassen sich Humanismus, Menschenwürde und Menschenrechte mit der Wirklichkeit vereinbaren, oder handelt es sich um Lippenbekenntnisse? Das sind die Themen dieses beeindruckenden Filmwerkes, das eine fiktionale Handlung mit historischen Tatsachen verknüpft, wobei sich monumentale Filmbilder mit beinahe dokumentarischen Szenen abwechseln. Das ist nicht nur geschickt gemacht, sondern vor allem hochgradig spannend. Die visuelle Umsetzung in Cinemascope-Bilder von überwältigender Schönheit und realistischer Direktheit ist der genialen Kameraarbeit des Alex Catalán zu verdanken.

Auch in der Gestaltung der Charaktere zeigt sich die Qualität dieses Films: Da ist die schillernde, ambivalente Persönlichkeit des Produzenten Costa. Luis Tosar spielt den pragmatischen Zyniker, der erkennen muss, dass es nicht immer ausreicht, mit Geldscheinen zu wedeln, um sich durchzusetzen. Intensiv und unpathetisch zeigt er den inneren Kampf zwischen Pflichtbewusstsein, Courage und Verständnis. Als Regisseur überzeugt Gael Garcia Bernal: ein überaus anziehender, charismatischer Künstler, der sich am Ende vor den Trümmern seiner Ideale wiederfindet. Juan Carlos Aduviri ist der indigene Hauptdarsteller Daniel, ein spröder Charakter voller Widersprüche, der auch die historisch verbürgte Gestalt des Hatuey mit ergreifender Präsenz erfüllt. Er stellt den entschlossenen Kämpfer für Recht und Gerechtigkeit ebenso überzeugend dar wie den besorgten Familienvater, der hin- und hergerissen wird zwischen der Aussicht auf eine gesicherte Zukunft und dem Verrat an seinen Landsleuten.

Insgesamt ist dies eine tolle Ensembleleistung, die Icíar Bollain, ehemalige Schauspielerin und mittlerweile etablierte Regisseurin anspruchsvoller Filmprojekte, einfühlsam und mit sicherem Blick fürs Wesentliche inszeniert hat. Dafür durfte sie zahlreiche Festivalpreise entgegennehmen, auch die stimmungsvolle Filmmusik und die Kamera wurden hoch dekoriert. Vollkommen zu Recht.

Ein beeindruckender Film mit überragenden Darstellern, einer faszinierenden, spannungsreichen Handlung und wunderbaren Bildern. Kurz und gut: grandioses Kino!

Gaby Sikorski

Bolivien in unseren Tagen. Der junge Regisseur Sebastian will einen Film über die Ankunft von Kolumbus in der Karibik drehen. Er hat sein Vorhaben nach Bolivien verlegt, weil der Dreh dort billiger ist und weil noch echte Indios als Schauspieler und Statisten mitwirken können.

Seine Betrachtungsweise ist nicht, Kolumbus als Eroberer und Held zu zeigen, sondern die Spanier als Unterdrücker, Goldräuber und Sklavenhändler zu entlarven – was sie damals in großem Maße auch waren.

Der Dreh geht einigermaßen gut voran. Ein Geistlicher liest den Eroberern die Leviten, verkündet, wie das Verhalten der Spanier wirklich ist. Er kommt nicht weit, wird nicht mehr lange leben.

Cochabamba. Den weitgehend in den Slums außerhalb der Stadt lebenden Indios wird der Zugang zum Wasser abgeschnitten. Nicht einmal Regenwasser sollen sie sammeln dürfen. Ein Privatkonzern spielt sich auf, will den ganzen Profit. Langsam kommt es zum Aufstand. Einer der Schauspieler des Kolumbus-Films, Daniel, wird zum Anführer.

Wie soll unter diesen Kriegsbedingungen und der allgemeinen Verwirrung die Filmarbeit weitergehen? Ist etwa der Ehrgeiz des Regisseurs wichtiger als die Rettung eines Kindes? Hat nicht Produzent Costa recht, der sich in letzter Sekunde für eine humane Lösung entscheidet?

Die beiden Situations- und Zeitebenen sind jetzt miteinander verzahnt. Das ist handlungsmäßig höchst effizient und Regisseur Iciar Bollain so gut wie hundertprozentig gelungen. Wer Schwächen sehen will – bitte.

Es entsteht eine Dramatik, die den Betrachter während des ganzen Films fesselt. Es ist schon eine Zeitlang her, dass aus Südamerika ein solch großartiger, quasi dokumentarischer, sozial wichtiger, kraftvoller und glänzend gespielter Film zu uns kam.

Das Verdienst geht auch auf das Konto der Darsteller: Luis Tosar als rechtzeitig die richtige Erkenntnis gewinnender Produzent Costa, Gael Garcia Bernal als um das Gelingen seines Projekts kämpfender Regisseur Sebastian und Juan Carlos Aduvirir in einer Doppelrolle (Zeitalter des Kolumbus und Gegenwart).

Eine filmisch großartige und sozial wichtige Produktion aus Südamerika.

Thomas Engel