Ungeduld des Herzens

„Die Ungeduld des Herzens“ ist der einzige Roman von Stefan Zweig (1881-1942), der ansonsten bedeutende Novellen verfasste. Seine Werke sind geprägt von Figuren, denen er psychoanalytisch begegnet, so auch den Protagonisten dieses Romans, den Lauro Cress als sein Langfilmdebüt umgesetzt hat. Im Fokus steht eine Liebe – oder vielleicht auch weit weniger als das.

 

Über den Film

Originaltitel

Ungeduld des Herzens

Deutscher Titel

Ungeduld des Herzens

Produktionsland

DEU

Filmdauer

104 min

Produktionsjahr

2025

Produzent

Gandolfo, Lorenzo

Regisseur

Cress, Lauro

Verleih

W-FILM Distribution

Starttermin

05.02.2026

 

Isaac ist Soldat. Als er mit seinen Kumpels bowlen geht, lernt er Ilona kennen, spricht aber auch mit ihrer Schwester Edith. Er bemerkt nicht, dass sie querschnittgelähmt ist. Als er sie hochziehen will, fällt sie zu Boden – den Rollstuhl sieht er erst später. Wenig später sucht er Edith auf, um sich bei ihr zu entschuldigen. Eine Gemeinsamkeit haben sie: die Liebe zu Motorrädern. Edith sitzt im Rollstuhl, weil sie mit ihrem Motocross-Rad einen Unfall hatte. Isaac nähert sich Edith an, schläft aber auch mit ihrer Schwester. Er ist sich nicht sicher, warum er tut, was er tut. Aus Mitleid? Oder doch aus Zuneigung? Auf jeden Fall wird sein Handeln für Edith zunehmend verletzlicher.

Es ist Mitleid, das ihn antreibt, aber auch der Irrglaube, dass er helfen könnte, Edith zu heilen. Etwas, das nicht gänzlich undenkbar scheint, wie er merkt, als sie im Streit mit ihrem Vater davon erzählt, dass eine Therapie eine zwanzigprozentige Chance hat, sie zu heilen. Aber ihr Vater möchte davon nichts hören, Isaac beflügelt es jedoch. Weil er sich gut fühlen will, wenn er ihr helfen kann, gesund zu werden? Oder weil er es wirklich für sie tun will, ohne Eigennutz?

Die Adaption des Romans wurde in die Moderne verlegt. Es spricht für Zweigs zeitlose Erzählung, dass das problemlos geht. Der Film dringt dabei tief in die Psyche seiner Figuren ein, erzählt von einer Beziehung, die nur oberflächlich gut ist, aber auch von Verletzungen, die man sich gegenseitig beibringt, ob man will oder nicht.

Cress, der das Skript zusammen mit Florian Plumeyer geschrieben hat, hat seine Hauptrollen mit relativen Newcomern besetzt und ein glückliches Händchen bewiesen. Giulio Brizzi und Ladina von Frisching liefern differenzierte, in jeder Minute glaubwürdige Darstellungen ab. Es ist, als würden sie mit ihren Figuren verschmelzen.

Die Inszenierung ist gelungen, vor allem ist es aber die Geschichte, sind es die Figuren, die reizen, die gefallen, für die man sich auch mal schämt. Weil sie Menschen aus Fleisch und Blut sind und Ecken und Kanten haben. Hier ist keiner gut und keiner schlecht, sie sind alles und nichts – die volle Bandbreite menschlicher Emotionen und Erfahrungen. Dabei gelingt es, ein tiefgehendes Psychogramm zu erschaffen. Einerseits eines jungen Mannes, der mit allem und jedem flirtet, der auf der Suche nach einem Platz im Leben ist und von Mitleid getrieben wird, ohne dass er seine Gefühle ganz und gar versteht. Andererseits einer jungen Frau, die von Heilung träumt, wenigstens aber davon, ein klein wenig Normalität zurückzubekommen. Beide kreisen umeinander, tun einander gut und dann auch wieder nicht. Denn im Kern geht es um mehr, um das Gefühl von Männlichkeit, um die Angst vor dem Versagen, um die Täuschung, der man selbst erliegt. Weil wir alle die Fähigkeit haben, unseren eigenen Lügen zu glauben. Wenn wir es nur genug wollen.

 

Peter Osteried

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