Unsere große kleine Farm

Manchmal braucht es nur einen Anlass. Wie für John und Molly Chester, die schon immer von einer Farm mit natürlicher Landwirtschaft geträumt, aber in einem kleinen Appartement in Los Angeles gelebt haben. Als sie den Hund Todd zu sich nehmen, ändert sich ihr Leben, denn wenn sie tagsüber nicht da sind, bellt er in einer Tour. Darum beschließen sie, aufs Land zu ziehen und dort einen Neuanfang zu machen. Die sieben Jahre, die folgten, hat John Chester in seinem Dokumentarfilm „Unsere große kleine Farm“ festgehalten und damit einen Film abgeliefert, der von einem anderen, vielleicht besseren Lebensstil berichtet und den Zuschauer zum Träumen verleitet.

Webseite: www.prokino.de

The Biggest Little Farm
USA 2018
Regie: John Chester
Buch: John Chester, Mark Monroe
Darsteller: John Chester, Molly Chester
Länge: 91 Minuten
Verleih: Prokino
Kinostart: 11. Juli 2019

FILMKRITIK:

Der Kameramann John Chester nimmt einen Hund auf, der zusammen mit Hunderten anderen bei einer Frau lebte, die ihre Tiere immer mehr verwahrlosen ließ. Eigentlich ist das Appartement für John und Molly schon zu klein, mit dem Hund aber erst recht. Dennoch reift noch nicht gleich der Plan, ein ganz neues Leben anzufangen. Das passiert erst, als der Hund durchgehend bellt und man das Mietverhältnis der Chesters kündigt. Die beiden beschließen, ihren Traum wahrzumachen und eine Farm zu führen, die auf natürliche Landwirtschaft setzt. Einen Investor finden sie, das geeignete Stück Land auch, aber damit beginnt die eigentliche Arbeit erst, wobei sie von Alan York unterstützt werden, der ihnen beratend zur Seite steht. Der Film deckt einen Zeitraum von sieben Jahren ab, in denen man miterlebt, wie aus einem brachliegenden Stück Land ein kleines Paradies wird.
 
Dies ist keine typische Aussteigergeschichte. Vielmehr ist es die Geschichte zweier Menschen, die mit unendlicher Hingabe und Passion, aber auch mit einem gesunden Pragmatismus an eine Herausforderung herantreten, von der ihnen jeder abgeraten hat. Denn sie wollen eine Landwirtschaft, die nachhaltig ist. Keine Monokulturen, kein Ausbeuten des Bodens, sondern ein Miteinander mit der Natur. Dutzende Fruchtsorten werden angepflanzt, Schafe, Hühner, Enten, Hütehunde und ein Schwein gekauft. Damit einher werden Möglichkeiten erschaffen, aber auch Schwierigkeiten. Mit jeder neuen Diversifikation des Landes kommen auch neue Plagegeister, aber die Chesters haben im Grunde das natürliche Ökosystem nachempfunden – und somit auch natürliche Ressourcen. Wenn eine Schneckenplage auftritt, dann bekämpft man diese mit den natürlichen Feinden, den Enten, für die die schleimigen Tiere eine Delikatesse ist.
 
Es ist höchst interessant mitzuverfolgen, wie dieses Habitat entsteht, denn im Lauf der Jahre sind es nicht länger nur die Tiere, die die Chesters mitgebracht haben, die hier leben, sondern auch Wildtiere, die sich angesiedelt haben. Und so wie alle Pflanzen und Tiere der Farm erfüllen auch sie ihren Zweck in diesem Kreislauf des Lebens, in dem sich so manches Problem lösen lässt, wenn man nur genau genug darüber nachdenkt, was zu tun ist.
 
Aber manchmal ist man auch auf das Schicksal angewiesen. Das zeigt der Anfang des Films, der zum Ende der Dreharbeiten stattfand. Kalifornien wurde von riesigen Bränden heimgesucht und auch die Farm der Chesters war in Gefahr. Am Ende kehrt „Unsere große kleine Farm“ zu diesem Moment zurück und zeigt, wie sich das Problem auflöste – indem der Wind sich drehte.
 
Bemerkenswert ist auch, wie erfolgreich die ökologische Landwirtschaft eigentlich ist, ohne dass der Film predigen oder diese als die einzig wahre Form anpreisen würde. Aber als nach einer Dürre sturmflutartiger Regen einsetzte, wurde bei den Nachbarfarmen, die allesamt auf Monokulturen setzen, die Muttererde weggespült, weil sie nicht in der Lage war, all das Wasser zu binden und zum Grundwasser zu befördern. Dieses Problem hatten die Chesters nicht, weil ihre vor Diversifikation nur so strotzende Farm das Wasser ableiten konnte.
 
„Unsere große kleine Farm“ ist ein beeindruckender Film, der durchaus auch die Rückschläge zeigt, mit denen die Neu-Farmer zurechtkommen mussten. Vor allem aber überzeugt er, weil er zum Träumen von einem besseren, einem natürlicheren Leben einlädt – und weil er das in Bilder packt, die die berückende Schönheit dieser Landschaft ins rechte Licht setzen.
 
Peter Osteried