Unter Bauern

Noch gibt es sie, die Zeitzeugen von Überlebensgeschichten aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Ludi Boekens Drama „Unter Bauern – Retter in der Nacht“ basiert auf den Erinnerungen der Jüdin Marga Spiegel (gespielt von Veronica Ferres), die mit ihrer kleinen Tochter zwischen 1943 und 1945 auf einem westfälischen Bauernhof Unterschlupf fand. Erzählt wird ihr Überleben mehr aus Sicht der Retter, die Inszenierung ist eher leise und in einem dokumentarischen Ton gehalten.

Webseite: www.unterbauern-derfilm.de

Deutschland 2009
Regie: Ludi Boeken
Mit: Veronica Ferres, Armin Rohde, Margarita Broich, Martin Horn, Luisa Mix, Veit Stübner, Lia Hoensbroech
90 Minuten
Verleih: 3L
Kinostart: 8.10.2009

 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

„Unter Bauern – Retter in der Nacht“ beginnt mit Kampfhandlungen im schlammigen Gelände, mit Szenen aus dem Ersten Weltkrieg. Der jüdische Pferdehändler Menne Spiegel (Armin Rohde) kämpft hier auf deutscher Seite, rettet mit seinem Einsatz das Leben einiger Kameraden und wird dafür mit dem Eisernen Kreuz belohnt. Einen Krieg später interessieren diese Verdienste nicht mehr, gehört Spiegel mit seiner Familie zu jenem Personenkreis, das in Deutschland nicht mehr erwünscht ist und mit der Deportation und Vernichtung rechnen muss.

Menne Spiegel bittet seinen ehemaligen Kriegskameraden, den Bauern Heinrich Aschoff (Martin Horn), seiner Frau Marga (Veronica Ferres) und der Tochter Karin unter falschem Namen Unterschlupf zu gewähren. Spiegel selbst wird vom Bauern Pentrop (Veit Stübner) versteckt. Angst, entdeckt zu werden, müssen alle Beteiligten haben. Während Mutter und Tochter sich mit neuer Identität halbwegs am Leben auf dem Bauernhof beteiligen können, fällt vor allem Menne Spiegel das Unsichtbarsein extrem schwer.

Der niederländische Regisseur Ludi Boeken, 1998 Produzent des mit einer anderen Holocaust-Überlebensgeschichte befassten „Zug des Lebens“ (Radu Mihaileanu), will „Unter Bauern“ mit einem größeren Gewicht aus der Perspektive der Retterfamilien erzählen. Gerade an den Aschoffs zeigt sich dabei der Spagat zwischen Vaterlandstreue und persönlicher moralischer Verantwortung. Sohn Klemens ist stolz darauf, wie einst der Vater in den Krieg ziehen zu können, Tochter Anni (Lia Hoensbroech) gefällt sich als Mitglied im Bund Deutscher Mädel und teilt Anfangs noch die Sicht des nazitreuen Hitlerjungen Erich, in den sie sich heimlich verliebt hat. Die Gefahr entdeckt zu werden – von diesen beiden Figuren geht sie noch am ehesten aus.

Dramatische Klippen werden jedoch schnell umschifft, respektive einfach und unspektakulär abgehakt und kehrt die eher einem dokumentarischen Grundton gehorchende Inszenierung schnell ins ruhige Erzählen zurück. Immer wieder betont sie das rationale, vernünftige und zutiefst menschliche Verhalten der Bauern, die sich von ihren eigenen moralischen Wertvorstellungen leiten denn von politischen und ideologischen Parolen blenden lassen. Auch Anni begreift mit der Zeit, welcher Wahnsinn hinter den ewigen Lügen der Propaganda steckt.

Etwas übertrieben wenn nicht gar unnötig ist indes, wie Boeken zum Ende hin auf die Tränendrüse drückt. Mit der Nachricht von Klemens Tod an der Front verstärkt er das Geschenk des Überlebens für die Spiegels und betont den Preis, den dieser Krieg die Aschoffs gekostet hat. Und als wolle er seinen zwar ehrwürdigen, insgesamt aber eher undramatischen Film rechtfertigen, zeigt er zum Abspann die mittlerweile 87-jährige Überlebende Marga Spiegel und ihre couragierte Retterin Anni Aschoff am Set der Dreharbeiten im westfälischen Münsterland. Spätestens hier wird dann auch deutlich, dass Veronica Ferres und die echte Marga Spiegel zumindest äußerlich nicht viel gemeinsam haben. Mit ihr in der ersten Reihe könnte dieser Film aber doch die Aufmerksamkeit erreichen, die sich die Produktion von ihr verspricht.

Thomas Volkmann

Westfalen 1943. Die Stadt Ahlen wird von den Juden „gesäubert“. Die Nazi-Verbrecher haben schon die Synagoge niedergebrannt, nun sollen die Menschen deportiert werden. Die Züge fahren nach Osten. Was dort geschieht, weiß man.

Die Spiegels können der Gefangennahme noch entfliehen. Marga Spiegel kommt mit ihrem Töchterchen Karin in der Familie des Bauern Aschoff unter, fromme Menschen, denen die Nächstenliebe wichtiger ist als der „Führer“. Marga lebt dort unter falschem Namen, arbeitet in der Landwirtschaft mit. Sie gilt als „Ausgebombte“ von Münster, bis die Aschoff-Tochter, ein strammes BDM-Mädel, die Wahrheit erfährt. Doch sie lässt sich belehren, freundet sich daraufhin sogar mit Marga an.

Menne Spiegel, Margas Ehemann, findet unterdessen bei einem alten Freund und Kriegskameraden von 1914-18 Unterschlupf, verliert aber wegen der totalen Isolierung und der Trennung von seinen Lieben fast den Verstand.

Immerhin kann so das Kriegsende erreicht werden, auch wenn davor ein Schrecken nach dem anderen durchgemacht werden muss: Spitzel, Verdacht, Polizeikontrollen, SS-Razzien mit Todesfolge, Bombennächte, Angst vor dem Entdecktwerden, ewiges Versteckspiel, brutale Trennung, Tod des Aschoff-Sohnes an der Front und anderes mehr.

Endlich im Frühjahr 1945 die Ankunft der Amerikaner. Noch einmal ist die Gefahr für Menne Spiegel groß. Dass er Jude und nicht SS-Angehöriger ist, glauben die Eroberer erst, als er beweisen kann, dass er beschnitten ist.

„Unter Bauern“ schildert wahre Begebenheiten der Kriegsjahre. Marga Spiegel und Frau Aschoff treten tatsächlich am Ende dieses Films persönlich auf und bestätigen somit alles.

Das Geschehen ist umfassend dargestellt und wurde von dem niederländischen Regisseur Ludi Boeken meist spannend und Anteilnahme erweckend inszeniert. Margarita Broich als Frau Aschoff fällt durch ihr gutes Spiel auf, aber auch die übrigen Hauptdarsteller wie Veronika Ferres (Marga Spiegel), Armin Rohde (Menne Spiegel) oder Martin Horn (Bauer Aschoff) vermögen zu überzeugen.

Die Aschoffs haben den Spiegels das Leben erhalten. Sie waren die „Retter in der Nacht“.

Ein wichtiger Film mehr, der beweist, dass nichts vergessen werden darf und dass der Humanismus über den Dingen steht.

Thomas Engel