Unter Schnee

Auch in ihrem jüngsten Film setzt Ulrike Ottinger ihre Beschäftigung mit Asien, seinen Menschen und Traditionen fort. Der Titel „Unter Schnee“ ist dabei wörtlich zu nehmen, ist der an der Nordküste Japans gelegene Schauplatz des Films doch weite Teile des Jahres durch tiefen Schnee von der Außenwelt abgeschnitten. Mit eingewobenen fiktiven Szenen dokumentiert Ottinger Leben und Traditionen der Bewohner, die sich zu einer spannenden Reise in eine unbekannte Welt formen.

Webseite: www.realfictionfilme.de

Deutschland 2011
Regie, Buch: Ulrike Ottinger
Dokumentation
Länge: 103 Minuten
Verleih: Real Fiction
Kinostart: 15. September 2011

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Oftmals beschäftigte sich die deutsche Regisseurin Ulrike Ottinger im Laufe ihrer langen Karriere mit Asien, zuletzt vor drei Jahren in der Dokumentation „Die koreanische Hochzeitstruhe.“ Aus dieser Beschäftigung entstand auch ihr jüngster Film „Unter Schnee, der unmittelbar durch die Lektüre des berühmten Buches „Schneeland Symphonie“ entstand, mit dem der Autor Bokushi Suzuki auch über Japan hinaus bekannt wurde. Schauplatz dieser Dokumentation ist Echigo, eine Provinz an der Nordküste der japanischen Hauptinsel Honshu, die ungeschützt der aus dem benachbarten Russland herüberwehenden kalten Luft ausgesetzt ist. Oft bis tief ins neue Jahr hinein sind die kleineren Orte der Provinz schneebedeckt und von der Außenwelt nur schwer zu erreichen. Ein Grund, warum die Traditionen hier so hoch gehalten werden.

Konsequenterweise beginnt der Film also mit der beschwerlichen Annährung: Lange Einstellungen schneebedeckter Berge, aufgenommen aus dem Shinkansen – dem japanischen Pendant zum ICE – bringen den Zuschauer und die Protagonisten dem Ziel näher. Protagonisten insofern, als sich Ottinger nicht darauf beschränkt, eine unmittelbare Dokumentation zu drehen, sondern eine fiktive Klammer einfügt. Von zwei Darstellern des traditionellen Kabuki-Theaters wird hier erzählt, die sich auf den Weg in ein Dorf machen, durch Schneeverwehungen stampfen und dabei vom Weg abkommen. Ein Fuchs lenkt sie auf eine falsche Fährte und so müssen sie die Nacht in einer abgelegenen Hütte verbringen, wo einer der Beiden in eine schöne Frau verwandelt wird.

All das erzählt eine bedächtige Erzählerstimme, begleitet von Klängen der traditionellen dreisaitigen Shamisen, einer Art Laute. Lose ist diese Geschichte, nicht immer zwingend, zwischen die Dokumentaraufnahmen eingeflochten, die den Film bestimmen. Auch hier folgt Ottinger weniger einer klaren Linie, als einer losen Form, lässt sich scheinbar unbestimmt durch die Region treiben, fängt hier eine Neujahrszeremonie in einem shintoistischen Tempel ein, zeigt dort ein amüsant-bizarres Ritual wie das „Bräutigamwerfen.“ Auch dies eine lange zurückreichende Tradition, bei der Bewohner eines Dorfes, einen Bräutigam aus einem Nachbardorf im wahrsten Sinne des Wortes in den Schnee werfen dürfen, da die Braut aus ihren Reihen stammt, also praktisch „gestohlen“ wurde.

Solche und ähnliche Rituale, lang zurückreichende Traditionen zeigt Ottinger mit großer Neugier. Einen Kontext liefert nur die Erzählerstimme der fiktiven Ebene, die mit dem verzauberten Pärchen durch die schneebedeckten Dörfer zieht und als Vertreter der Zuschauer fungiert. In seiner mäandernden Atmosphäre, geprägt von wunderbaren Aufnahmen, unterlegt von traditioneller japanischer Musik, ist „Unter Schnee“ ein Dokumentarfilm, der sich wohltuend von den Konventionen des Genres abhebt und eine ganz eigene, poetische Sprache findet.

Michael Meyns

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