Varda par Agnés

Diese Dokumentation, in der die Filmemacherin und Künstlerin AgnésVarda einen Blick auf ihr Leben, vor allem aber ihr Werk zurückwirft, ist ihr letztes Werk geworden. Sie verstarb 90jährig im März dieses Jahres. Wäre dies nicht so, man kann sicherlich davon ausgehen, dass dies nicht ihr letzter Film geblieben wäre, hat Agnés Varda doch stets den besonderen Blick für das Banale gehabt und aus diesem etwas Bedeutsames gemacht. Das gilt auch für diesen Film, der nicht nur ein Lehrstück in Sachen französischer Kino-Historie ist, sondern auch zeigt, wie die Vertreterin der Nouvelle Vague sich immer wieder selbst erfand und neuer Technik aufgeschlossen gegenüberstand.

Webseite: www.filmkinotext.de

Varda par Agnés
Frankreich 2019
Regie: AgnésVarda
Buch: AgnésVarda, Didier Rouget
Länge: 115 Minuten
Verleih: Film Kino Text Filmverleih / Die FilmAgentinnen
Kinostart: Januar 2020

FILMKRITIK:

Als Agnés Varda ihren ersten Film inszenierte, da wusste sie nicht, was sie tat. Sie hatte keine Ausbildung an einer Filmschule genossen, hatte keine Praktika bei Filmemachern auf sich genommen, aber was sie hatte, war eine Vision. Sie schrieb schnell und drehte noch schneller, immer auf den Moment gerichtet, darauf, die Flüchtigkeit dessen einzufangen und eine Geschichte voranzutreiben, die sich vor ihrem geistigen Auge längst entfaltet hatte.
 
In „Varda par Agnés“ zeigt sie Ausschnitte ihrer Filme, erklärt ihren Ansatz, der immer auch den Mitteln der Dokumentation verpflichtet war, und zeigt sich selbst im Gespräch mit ihren Künstlern, aber auch bei Vorträgen vor interessiertem Publikum. Sie kann dabei unmöglich ihr ganzes Schaffen abdecken, springt zeitlich hin und her, führt aber tief in die Gedankenwelt rund um ihre Filme ein, so etwa den Ansatz, bei „Cleo – Zwischen 5 und 7“ nicht nur Szenen zu haben, die dokumentarisch wirken, sondern in Echtzeit zu erzählen, wobei der Fokus auch auf dem Nichtigen liegt. So zeigt Varda ihre Hauptfigur hier, wie sie die Treppen herunterkommt und eine Straße entlangläuft. Das sind für sich genommen sehr einfache Szenen, aber sie zeigen auch Vardas Ansatz, der hier darin bestand, nicht mit filmischen Mitteln zu betrügen. Der Zuschauer erlebt, wie er selbst die Welt auch wahrnimmt – in einer durchlaufenden Einstellung mit dem Fortschreiten der Zeit, die mit jedem Gang und jedem Weg nun einmal einhergeht.
 
Varda erweist sich aber auch als spielerische Filmemacherin. Sie zeigt die Sequenz eines Kurzfilms, in dem Wiederholung als Stilmittel benutzt wird, und wiederholt dies in der Dokumentation auch. Immer wieder werden so Ideen recycelt. Ein Konzept, das Varda schätzt, wie sie mit ihren Filmhütten zeigte, in denen alte Filmrollen zu Torbögen wurden und Filmstreifen um eine Hütte herum angebracht sind, so dass man mit dem sie beleuchtenden Licht die Bilder sehen und Schauspielern wie Catherine Deneuve so nah wie selten zuvor sein kann.
 
Der Film befasst sich aber nicht nur mit Vardas filmischen Werk, sondern auch mit den Jahren 2000 bis 2018, in dem sie zu einer Art Performance-Künstlerin wurde, mit Hilfe einer digitalen Kamera aber auch Dokumentation verwirklichte, die in der Form mit den klobigen Filmkameras, einem Mann mit Tonangel und anderen Assistenten so nicht möglich gewesen wären. Sie übte damit auch weiterhin ihren Blick für unorthodoxe Bilderwelten und erweist sich in dieser Dokumentation als brillante Erzählerin, der man gerne noch länger zuhören würde. Das geht nun nicht mehr, aber ihre Filme, die kann man nun wieder oder neu entdecken. 
 
Peter Osteried