Vaterlosen, Die

In ihrem Debütfilm „Die Vaterlosen“ erzählt die junge österreichische Regisseurin Marie Kreutzer auf amüsant, melancholische Weise von den Spätfolgen der Hippieära. Nach dem Tod des Patriarchen Hans, finden sich seine vier Kinder auf dem Bauernhof ein, der früher ihre Heimat war. Die verdichtete Situation lässt langsam alte Streitigkeiten aufleben, die zum Ende des idealisierten Zusammenlebens führten. Ein feinfühliges, dichtes Drama.

Webseite: www.dievaterlosen.at

Österreich 2011
Regie, Buch: Marie Kreutzer
Darsteller: Johannes Krisch, Marion Mitterhammer, Andreas Kiendl, Andrea Wenzl,
Emily Cox, Philipp Hochmair, Pia Hierzegger
Länge: 105 Minuten
Verleih: Thimfilm
Kinostart: 4. August 2011

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Familienfeste, Hochzeiten, Beerdigungen sind mit ihrer verdichteten Zeit, dem reduzierten Ort und den durch die besondere Situation positiv wie negativ gereizten Emotionen ein aus offensichtlichen Gründen beliebtes Filmsujet. So bleibt es nicht aus, dass man während Marie Kreutzers „Die Vaterlosen“ an ähnliche Filme denkt, Thomas Vinterbergs „Das Fest“ natürlich, aber auch Stefan Krohmers „Sie haben Knut“, der zudem von einer ähnlichen Zeit und vergleichbaren Idealen erzählt. Es geht um das Leben in einer Kommune, jene untrennbar mit den 68ern verbundene Lebensform, die die alten, damals verpönten Familienstrukturen auflösen sollte. Längst sind diese Versuche vergangen, die Verlogenheit ihrer Ideologie entlarvt, aber der utopische Gedanke fasziniert immer noch. Und so bemüht sich Kreutzer in Rückblenden, die politischen-gesellschaftlichen Hoffnungen anzudeuten, die mit der Idee der Kommune verbunden waren, spart besonders in der Gegenwartsebene aber nicht an Kritik.

Anlass für das Zusammentreffen der Kinder, ist der Tod des Patriarchen Hans (Johannes Krisch). Er lebt mit seiner jungen Lebensgefährten auf dem Bauernhof, der in den 70er Jahren eine jener utopischen Kommunen war, in denen ein neues Weltbild etabliert werden sollte. Nun hat Hans seine diversen Kinder – von diversen Frauen – an sein Sterbebett gerufen. Doch nur Niki (Philipp Hochmair), inzwischen Chirurg in München, schafft es rechtzeitig. Sowohl der zweite Sohn Vito (Andreas Kiendl), ein idealistischer Träumer, der seinen Platz im Leben sucht, als auch die Tochter Mitzi (Emily Cox), die studiert und seit einem Unfall an einer neurologischen Störung leidet, kommen zu spät. Und dann ist da noch Kyra (Andrea Wenzl), eine weitere Tochter, von deren Existenz Mitzi bislang nichts wusste. Während Vito sich in den Gedanken hineinsteigert, den (auch symbolisch) verfallenden Bauernhof zu restaurieren und die einstige Kommune wieder zum Leben zu erwecken, ist Mitzi vor allem an den alten Tagebüchern ihres Vaters interessiert. Dort hofft sie, Antworten auf die vielen offenen Fragen zu finden, die nach und nach auftreten: Vor allem das Ende der Kommune und der Ausstoß von Kyra und ihrer Mutter sind Antrieb des Films, der zum Ende allzu klare Antworten auf diese Fragen gibt. Über weite Strecken überzeugt Marie Kreutzers Film besonders in den Gegenwartsszenen als starkes Ensembledrama, in dem die besondere Situation langsam schwelende Konflikte zwischen den Geschwistern zu Tage treten lässt. Auf allzu offensichtliche Kritik am Kommune-Leben wird verzichtet, anfängliche Erwartungen an die Figuren geschickt unterlaufen. So ist „Die Vaterlosen“ ein vielschichtiges Drama, getragen von einem durchweg überzeugenden Schauspielerensemble, dass meist auch das etwas zu determinierte Drehbuch vergessen lässt. Ein gelungenes Debüt, das neugierig auf die nächsten Filme von Marie Kreutzer macht.

Michael Meyns

Ein abgelegenes Landhaus in Österreich. Hans lebt dort mit seiner Lebensgefährtin. Leben ist übertrieben, denn er ist dem Tode nahe.

Sein Sohn Niki, Arzt in München, kommt gerade noch rechtzeitig. Ein paar Worte können Hans und Niki noch wechseln, dann stirbt der Vater. Wesentliches über die Familie, die Kinder, das Nachher, die Hinterlassenschaft konnte oder wollte Hans nicht mehr sagen.

Nach und nach treffen die übrigen Kinder ein: Vito, Mizzi und sogar Kyra. Mit letzterer hat es eine besondere Bewandtnis. Sie wurde als ganz kleines wohl illegitimes Kind samt ihrer Mutter von Mizzi vor die Tür gesetzt und hat sowohl ihren Vater als auch ihre Brüder 20 Jahre nicht gesehen. Kein Wunder, dass ihr Erscheinen Erstaunen, Ablehnung und gleichzeitig Rührung auslöst.

Kyras Isolierung war weitgehend von Hans betrieben worden. Auf viele Briefe des Mädchens hatte er nicht ein einziges Mal geantwortet.

Lange zu bleiben hat keiner Lust. Sie wollen wieder weg, zurück in ihr Leben. Am Ende einigen sie sich doch darauf, bis zum Begräbnis zu bleiben.

Tage des Zusammenseins sind das aber nicht. Denn zu groß ist die Fremdheit, zu stark sind die charakterlichen Unterschiede, zu häufig sind die Gefühls- und Verbalspitzen gegeneinander, zu schmerzlich war der damalige Bruch, zu gegensätzlich sind die Interessen der einzelnen, zu disparat ist, wie jeder sich zu äußern wünscht.

Eine gewisse mögliche Vertrautheit zwischen Niki und Kyra endet abrupt, als sich herausstellt, dass Niki eine Mitschuld ans Kyras Rauswurf trifft. Außerdem gibt es ein offenbar schlimmes Geheimnis, zu dem die Geschwister sich jedoch in Schweigen hüllen.

Ein (rein filmisch einigermaßen gut montierter) Diskurs über Familie, Vergangenheitsbewältigung, Schuld, Annäherungsversuche, menschliche Distanz und Unfähigkeit zur Gemeinschaft.

Und so etwas wie ein Dialogexperiment.

Thomas Engel