Verblendung

In Dänemark und Norwegen avancierte die Verfilmung des Weltbestsellers von Krimiautor Stieg Larsson bereits zum Blockbuster. Komplexe Protagonisten, eine furchtbare Wahrheit und die Melancholie der schwedischen Wälder verdichten sich beim ersten Teil seiner Millenium-Triologie zu einem düsteren brisanten Polit-Thriller der Spitzenklasse. Mit dem populären schwedischen Schauspieler Michael Nyqvist und der Newcomerin Noomi Rapace fand der dänische Regisseur Niels Arden Oplev ein authentisches Dreamteam für die Besetzung seiner Hauptfiguren.

Webseite: www.verblendung-derfilm.de

Schweden / Dänemark / Deutschland 2009
Regie: Niels Arden Oplev
Darsteller: Michael Nyqvist, Noomi Rapace, Lena Endre, Sven-Bertil Taube, Peter Haber, Peter Andersson, Ingvar Hirdvall
Drehbuch: Nikolaj Arcel, Rasmus Heisterberg
Länge: 152 Minuten
Verleih: NFP marketing & distribution
Kinostart: 1.10.2009

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Wirtschaftsjournalist Mikael Blomkvist (Michael Nyqvist) ist am Ende. Das Gericht verurteilt den leidenschaftliche Enthüllungsreporter wegen Verleumdung. Grund: Seine Story über die dubiosen Machenschaften des korrupten Finanzhais Wennerström (Stefan Sauk). Nur deshalb lässt sich der Workaholic überreden, vor Antritt seiner Gefängnisstrafe eine Auszeit zu nehmen und abzutauchen. Doch plötzlich erhält der Medienprofi einen dubiosen Auftrag. Der alte Industriemagnat Henrik Vanger (Sven-Bertil Taube) bittet ihn sich mit dem mysteriösen Verschwinden seiner Lieblingsnichte Harriet vor 39 Jahren zu befassen.

Ihr Großonkel glaubt bis heute beharrlich an Mord, obwohl die Polizei ihre Leiche nie fand. Außerdem ist er felsenfest davon überzeugt, dass ihr Mörder immer noch frei herumläuft. Denn jedes Jahr an ihrem Geburtstag schickt ihm ein Unbekannter eine getrocknete Blume in einem Bilderrahmen. Nachdem der 82jährige sein Leben lang erfolglos versuchte, Licht in das Dunkel von Harriets Verschwinden zu bringen, sieht Vanger – den eigenen Tod vor Augen – in Mikael Blomquists Recherchetalent seine letzte Hoffnung.

Bald stellt sich heraus, dass die Verschwundene sogar Blomquistes geliebte Babysitterin war. Aber je tiefer Mikael sich in die Geschichte der einflussreichen Vanger-Clans vergräbt, desto verworrener wird das Bild, das sich ihm bietet. Erst als ihn die mit Piercings und Tattoos geschmückte freakige Computerhackerin Lisbeth Salander (Noomi Rapace) bei seinen Nachforschungen unterstützt, kommt er schließlich dem perversen Familiengeheimnis auf die Spur. Abgründe tun sich auf. Ein Alptraum, der ihm beinah das Leben kostet. Gemeinsam mit der findigen privaten Ermittlerin lüftet er den Schleier, um einen frauenhassenden, fantatischen, rechtsextremistischen Serienmörder.

Dogma war gestern. Ebenso wie der Einsatz verwackelter Handkamera, um Authentizität zu vermitteln. Dem versierten dänischen Regisseur Niels Arden Oplev gelingt die cineastische Meisterleistung diesen Meilenstein des Krimi-Genre ohne experimentelle Ästhetik, technische Spielereien, traditionell kantig und trotzdem fesselnd umzusetzen. Bestimmt keine leichte Aufgabe, bei der filmischen Adaption des immerhin 750 Seiten starken spektakulären Bestsellers. Vorbilder für seinen beklemmenden Thriller mit Überlänge waren dem 48jährigen dabei das rasante Neo-Noir-Actiondrama „Nikita“ von Luc Besson, der perfekt inszenierte oscarprämierte dämonische Psychohorror von „Das Schweigen der Lämmer“ sowie die fiebrige Serienkillersuche „Zodiac“.

Mit Lisbeth Salander schuf bereits der tragisch verstorbene schwedische Autor Larsson eine ungewöhnliche Figur. Auch im Film ist die tätowierte zähe, unberechenbare Punk-Lady, brillant verkörpert von der Newcomerin Noomi Rapace, die wahre Hauptdarstellerin: Eine junge Frau, die psychische Misshandlungen erlitt, sich aber total weigert, die ihr zugedachte Opferrolle zu übernehmen. Kompromisslos wie eine moderne Amazone siegt die zähe 26jährige am Ende.

Larsons ausnahmslos brisante, äußerst gewalttätige und moralische Thriller, ganz im Geist des engagierten Krimischriftstellerduos Per Wahlöö und Maj Sjöwall, siedeln zum Großteil im politischen Milieu an. Diesem Themenkreis entzieht sich auch die spannende Verfilmung nicht. Die unglaublich dichte Story wartet mit sozialkritischen, gesellschaftspolitischen und psychologischen Hintergrund auf, ohne langatmig zu wirken.

Luitgard Koch

Die schwedische Konzernfamilie Vanger. Von Harmonie keine Spur. Im Gegenteil. Brüder, Söhne, Töchter und Enkel misstrauen und befehden einander.

Das Schlimmste: Harriet ist seit mehr als 20 Jahren spurlos verschwunden. Sie war der Liebling von Henrik, schenkte ihm jedes Jahr zum Geburtstag schön eingerahmt eine gepresste Blüte.

Henrik ist jetzt über 80. Aber das Verschwinden von Harriet lässt ihm keine Ruhe. Er heuert den Investigationsjournalisten Mikael Blomkvist an. Ein letzter Versuch.

Blomkvist erhielt gerade, weil er einen korrupten Unternehmer entlarvte, zu Unrecht eine Haftstrafe aufgebrummt. Das interessiert die extravagante und kompromisslose Computerhackerin Lisbeth Salander brennend. Sie will herausfinden, was hinter dem Blomkvist-Justizirrtum wirklich steckt.

Eher unbeabsichtigt treffen die beiden aufeinander. Nach einer gewissen Zeit machen sie sich gemeinsam – zuletzt sehr gemeinsam – auf die Suche nach Harriet. Es ist ein äußerst kompliziertes und langwieriges Puzzle-Geschäft. Doch dann entdecken sie die perverse Wahrheit. Sie ist grausamer, als man es sich vorstellen kann. Ein Funken Freude ist aber auch dabei.

Eine verzwickte, jedoch interessante Familiengeschichte, eine minutiöse, oft durch Fehlschläge gekennzeichnete Suche nach der Realität, eine subtile Charakterzeichnung und ausgezeichnetes Spiel der beiden extrem unterschiedlichen Protagonisten Lisbeth Salander und Mikael Blomkvist, eine Romanhandlung ohne Ende, eine routinierte Regie, insgesamt ein sehr brauchbarer Thriller, der allerdings gegen Schluss auch in eine Räuberpistole abrutscht.

Trotzdem: interessant und spannend.

Thomas Engel