Was haben Leonardo DiCaprio, Timothée Chalamet, Ethan Hawke und Michael B. Jordan gemeinsam? Die Top-Stars wurden beim BAFTA, dem britischen Oscar-Vorglühen, vom 33-jährigen Newcomer Robert Aramayo in den Schatten gestellt, der als Bester Hauptdarsteller auf dem Siegertreppchen stand. Den Nachwuchspreis bekam der Brite obendrein – das gab’s bislang noch nie bei dieser renommierten Award-Zeremonie. Erzählt wird die wahre Geschichte des jungen Schotten John Davidson, der am Tourette-Syndrom leidet. In den frühen 1980er-Jahren wird das auffällige Verhalten nicht als Krankheit erkannt. Für John wird das Leben zu einem einzigen Spießrutenlauf. Bis er in der Mutter eines Freundes einen rettenden Engel findet. Das Außenseiter-Drama kommt (fast) ohne Kitsch und falsche Töne aus. Statt Sentimentalitäten beherrschen Wahrhaftigkeit und feiner britischer Humor das exzellent gespielte, sehr bewegende Aufklärungsstück. Nicht nur ein Feel-Good-, sondern ein Feel-Better-Movie! Für Arthaus-Kinos ist dieser smarte Crowdpleaser wie ein Sechser im Lotto!
Über den Film
Originaltitel
I Swear
Deutscher Titel
Verflucht Normal
Produktionsland
GBR
Filmdauer
121 min
Produktionsjahr
2025
Regisseur
Jones (II), Kirk
Verleih
Wild Bunch Germany GmbH
Starttermin
28.05.2026
„Fuck the Queen!“ lautet einer der ersten Sätze. Anno 2019 soll John Davidson in der Festhalle des Holyrood Palace in Edinburgh mit dem „Order of the British Empire“ ausgezeichnet werden. Weil John am Tourette-Syndrom leidet, rutschen ihm bisweilen ganz unbewusst obszöne Schimpftiraden heraus. Ob die Queen amused war bei dieser Verleihung, ist nicht überliefert; sie wäre es gewiss gewesen, wenn sie dieses Meisterstück des britischen Kinos noch erlebt hätte. Ihr Volk jedenfalls ist völlig aus dem Häuschen: 87 % stimmten bei der ComScore-PostTrak-Publikumsumfrage mit „Exzellent“ – der höchste Wert, den je ein Film erreichte. Klar, dass damit locker die Nummer 1 der Kinocharts gestürmt wurde.
Nach der Ordensverleihung springt das Biopic in das Jahr 1983 zurück. „How Does It Feel“ fragen New Order auf dem Soundtrack. Für Teenager John Davidson (Scott Ellis Watson) lautet die Antwort: grauenhaft. Sein Tourette-Syndrom hat sich verschärft. Immer häufiger leidet er unter Tics – den unkontrollierten Zuckungen, unfreiwillig ausgestoßenen Lauten oder derben Flüchen. In der Schule wird John gemobbt und bestraft, seine Familie reagiert ohnmächtig. „Nimm ein heißes Bad!“, rät die überforderte Mutter. In den frühen 1980er-Jahren wird das auffällige Verhalten nicht als Krankheit erkannt; entsprechend verständnislos reagiert die Umgebung auf Johns Tics. „Suck my dick“, brüllt es aus ihm heraus, als er mit einem Mädchen im Kino sitzt. „Fucking shit“, antwortet er auf die Frage des Rektors, wie das Schulessen wäre. „Wenn es kein Scherz ist, sollten Sie in eine Anstalt!“, droht der Schulleiter.
13 Jahre später lebt John (jetzt: Robert Aramayo) noch immer bei seiner mittlerweile alleinstehenden Mutter (Shirley Henderson). Er ist ohne Job und ohne Freunde. Die starken Medikamente haben drastische Nebenwirkungen auf seine Stimmung. Dann meint es das Schicksal unvermittelt gut mit John. Er trifft zufällig seinen einstigen Schulfreund Murray und lernt dessen Mutter Dottie (Maxine Peake) kennen. Die Psychiatriekrankenschwester, die vor Kurzem eine Krebsdiagnose erhalten hat, wird zum rettenden Engel für John. „Ich habe noch sechs Monate zu leben. Da kann ich diesem Jungen helfen“, erklärt sie ihrer Familie. Sie akzeptiert mit großer Geduld alle Tics von John und findet sogar einen Job für ihn als Gehilfe des Hausmeisters im Gemeindezentrum. Das Bewerbungsgespräch mit Tommy (Peter Mullan) und seinem neuen Assistenten wird von Tics und Flüchen dominiert. Doch die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.
In der Erfolgskomödie „Vincent will Meer“ diente das Tourette-Syndrom als hübsche Comedy-Einlage, ebenso wie in „Ein Tick anders“. In der Doku „Tics – Mit Tourette nach Lappland“ ging es dann schon mehr ans Eingemachte. Mit der Verfilmung der Autobiografie „I Swear“ trifft „Lang lebe Ned Devine“-Regisseur Kirk Jones thematisch ins Schwarze: Wahrhaftigkeit und hoher Unterhaltungswert sorgen für eine Aufklärungskomödie der Spitzenklasse. Die Figuren sind mit psychologischer Präzision entwickelt, exzellent gespielt und verströmen enormes Empathiepotenzial. Dottie und Tommy, einfache und bescheidene Menschen, haben das Herz am rechten Fleck. Toleranz und Nächstenliebe sind für sie eine Selbstverständlichkeit. Auch John entwickelt sich zum Samariter, der seinen Leidensgenossen zur ganz großen Hilfe wird und die Sichtbarkeit dieser Krankheit erst möglich macht. Wenn er als Berater der Polizei auftritt, werden daraus sehr bewegende Szenen. Bei allem Drama sorgt britischer Humor vom Feinsten für den notwendigen Ausgleich: vom minutenlangen Tic-Battle im Auto mit einer anderen Betroffenen über die Erbsenattacke auf den Rektor bis zum „Fuck the Queen“-Ausruf bei der Ordensverleihung. Ob man darüber lachen darf? Im Abspann gibt der reale John Davidson die Antwort. Im Archivausschnitt erklärt er, dass er selbst bisweilen darüber lachen muss, was er so sagt.
Weniger lustig ging es bei der BAFTA-Verleihung zu. Dort hatte Davidson als Zuschauer neben anderen Schimpftiraden auch unbewusst das „N“-Wort benutzt. Wie verantwortungslos kann ein Veranstalter sein, neben einem Menschen mit Tourette-Syndrom sein Mikro zu platzieren? Wie unfähig ist eine BBC, die solche Sachen in der Ausstrahlung noch sendet? Immerhin folgte alsbald die kleinlaute Entschuldigung des Senders. Die Queen wäre wohl not amused gewesen.
Dieter Oßwald







