Vergiss mein Ich

Was passiert mit uns, wenn wir uns nicht mehr erinnern können, wer wir sind? Sind wir dann immer noch die gleiche Person wie vorher? Oder werden wir zu jemand völlig anderem? Und was ist mit den Menschen, die uns am nächsten stehen, wie reagieren sie auf unsere Metamorphose? Fragen wie diese stellt sich Regisseur Jan Schomburg in seinem zweiten Film. In der Hauptrolle liefert Maria Schrader eine Tour de Force.

Webseite: www.realfictionfilme.de

Deutschland 2014
Buch und Regie: Jan Schomburg
Darsteller: Maria Schrader, Johannes Krisch, Ronald Zehrfeld, Sandra Hüller, Paul Herwig
Länge: 95 Minuten
Verleih: Real Fiction Filmverleih
Kinostart: 1. Mai 2014
Verleih-Infos hier…

PRESSESTIMMEN:

"Angenehm irritierender, komischer bis ernster Film über Identität und eigene Geschichte."
KulturSPIEGEL

"Ein eindringliches Drama über das Vergessen der Identität. Und das Wiederfinden des Ichs. – Prädikat: besonders wertvoll."
Filmbewertungsstelle Wiesbaden

FILMKRITIK:

Es geschieht von einem Tag auf den anderen. Lena Ferben (Maria Schrader) kann sich an nichts mehr erinnern. Sie erkennt ihren Mann Tore (Johannes Krisch) nicht mehr, weiß nicht, wer ihre engsten Freunde sind. Auch ihr eigener Name, ihre Biografie, ihr bisher gelebtes Leben – alles weg. In der Notaufnahme diagnostiziert der Neurologe eine Hirnhautentzündung mit der Folge einer retrograden Amnesie. Tore versucht, Lena in ihr altes Leben zurückzuhelfen. Er erzählt ihr, wer sie war, was sie mochte, wie sie sich kennen- und lieben lernten. Aber weil die Erinnerung nicht zurückkehren will, lernt Lena all die Dinge, von denen sie hört und die sie liest, auswendig. Sie versucht, die alte Lena zu imitieren. Die neue Lena allerdings lässt sich auf eine Affäre mit einem ebenfalls liierten Fremden (Ronald Zehrfeld) ein.
 
Schon in seinem Debüt „Über uns das All“ interessierte sich Jan Schomburg für Fragen der Identität. Ging es dort um eine gefälschte Biografie, treibt er sein Erkenntnisinteresse in „Vergiss Mein Ich“ auf die Spitze, indem er einen radikalen Gedächtnisverlust in den Mittelpunkt stellt. Natürlich läuft Schomburg durchaus Gefahr, durch die Fokussierung auf ein medizinisch extrem seltenes Phänomen seiner Geschichte einen metaphorischen Charakter aufzuzwingen. Aber er macht glücklicherweise kein Thesen-Kino. Auch jetzt wieder ist Schomburg sehr nah dran an seinen Figuren und der Geschichte. Das macht er schon in den ersten, mit subjektiver Kamera gefilmten Szenen klar. Er nimmt die Prämisse und wendet sie äußerst sinnlich an. „Vergiss Mein Ich“ verströmt vom ersten Bild an echte Kino-Atmosphäre. Der Vorspann ist mit fast schon psychedelisch leuchtenden und wabernden Hirn-Scans sehr liebevoll gestaltet, die visuelle Sprache arbeitet gleichzeitig mit informativer Verknappung und sinnlicher Aufladung. Schomburg scheint in seiner Kadrage dem Wesen der Dinge auf den Grund gehen zu wollen.
 
Dabei steht natürlich Maria Schrader absolut im Vordergrund. Es ist schon erstaunlich, wie sie in ihrer Performance die verschiedensten Empfindungen vibrieren und anklingen lässt. Sie spielt stark mit den Augen und ist völlig überzeugend als jemand, der plötzlich im eigenen Leben und in der Welt überhaupt völlig fremd ist. Besonders gespenstisch geraten die Szenen, in denen sie die alte Lena fast überzeugend imitiert, um dann mittendrin unsicher abzubrechen. Der unüberwindbare Abgrund im eigenen Ich zeigt sich in solchen Momenten besonders wirkungsvoll.
 
Vielleicht richtet sich Schomburg etwas zu sehr in einem intellektuell geschützten Raum ein, den er dann mit recht freizügigen Sex-Szenen wieder aufzubrechen versucht. Er fragt danach, wieviele Teile unserer Persönlichkeit eigentlich aus gesellschaftlichen Normen bestehen, bleibt dabei selbst mit seinen filmischen Normen im konventionellen Rahmen. Ganz eigentlich aber, und das zeigt das Ende, stellt er damit die interessanteren Fragen. Das Finale, das mit auf spannende Weise mit Doppelbelichtungen arbeitet, lädt er stark ambivalent auf. Die Verunsicherung wird nicht aufgehoben. Vielleicht spielen wir alle am Ende eben doch nur eine Rolle.
 
Oliver Kaever