Vergissmichnicht

Egal, ob Sophie Marceau als „D’Artagnans Tochter“ Degenduelle ficht oder als Bond-Gegnerin verführt, der Star des französischen Kinos, punktet seit drei Jahrzehnten auf der Leinwand mit Charme und Esprit. Diesmal begegnet der Ex-Teeniestar aus „La Boum“ in der verspielt schillernden Komödie „Vergissmichnicht“ seinen Kindheitsträumen und meistert am Ende seine Midlife-Crisis. Von der knallharten Karrierefrau, die meistbietend Atomkraftwerke nach China verschachert, läutert sie sich zu einer zufriedenen Person mit ethischen Grundwerten. Trotz etwas zu idealistischem Happy-End gelingt Regisseur Yann Samuell ein beschwingter Arthousefilm mit Tiefgang, der überdies mit guter Kameraarbeit besticht.

Webseite: www.schwarzweiss-filmverleih.de

OT: L’âge de raison
Frankreich 2010
Regie: Yann Samuell
Darsteller: Sophie Marceau, Morton Csokas, Michel Duchaussoy, Jonathan Zaccaï, Emmanuelle Grönvold , Juliette Chappey, Deborah Marique ,Thierry Hancisse
Länge: 89 Minuten
Verleih: Schwarz-Weiss Filmverleih, Vertrieb: Die Filmagentinnen
Kinostart: 23. Dezember 2010

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

„Ava Gardner, Marie Curie, Maria Callas“, leise flüstert die smarte Businesslady (Sophie Marceau) im Aufzug die Namen berühmter Frauengestalten. Damit versucht sich die erfolgreiche Managerin der Atomlobby vor dem nächsten Meeting mit chinesischen Geschäftsmännern Mut zu machen. Immer noch kämpft Margret gegen Ängste. Obwohl sich das einstige Landei mit Ehrgeiz und Ellenbogen ihren Platz unter der Karrieresonne erobert hat, steht sie unter enormen Erfolgsdruck. Als freilich an ihrem 40sten Geburtstag in der Pariser Konzernzentrale der alte Notar Mérignac (Michel Duchaussoy) aus ihrem südfranzösischen Heimatdorf auftaucht und ihr einen Brief übergibt, verändert sich ihr Leben ziemlich. Denn ungläubig stellt die kratzbürstige Aufsteigerin fest: Sie selbst war die Absenderin.

Mit sieben Jahren schrieb sie diese Botschaften, um sich später an ihre Hoffnungen als kleines Mädchen zu erinnern. Konfrontiert mit ihren Kindheitsträumen gerät ihre festgefügte Erwachsenenwelt jedoch nach und nach bedenklich ins Wanken. Die Erotik der Macht verliert zunehmend an Faszination. Der Preis dafür scheint zu hoch. Zunächst widerwillig beginnt die temperamentvolle Egomanin ihre Reise in die eigene Vergangenheit. Was soll sie mit den Fragen eines kleinen Mädchens, ob sie sich treu geblieben ist? Deshalb landen die Briefe zunächst in ihrem Papierkorb. Sieben Briefe aus der Vergangenheit wird Monsieur Mérignac überbringen. Von Brief zu Brief kehren mehr Erinnerungen, auch schmerzhafte, an ihre Kindheit zurück: An den Vater, der die Familie verließ, die Geldsorgen der alleinerziehenden Mutter, an ihren jüngeren Bruder, an den tragischen Abschied von ihrer ersten großen Liebe Philibert (Jonathan Zaccaï).

Ex-Teeniestar, Sexsymbol, Autorin und französische Kino-Institution – seit „La Boum – Die Fete“: In der spielerischen Mischung aus Komödie und Drama, changierend zwischen der Lifestyle-Satire „Der Teufel trägt Prada“ und dem märchenhaften Kinohit „Der fabelhafte Welt der Amelie“, beweist Sophie Marceau erneut, dass sie den Imagewechsel zur ernsthaften Schauspielerin längst gemeistert hat. Ihre Frühreife machte die Tochter eines LKW-Fahrers einst zur ebenbürtigen Partnerin der größten männlichen Leinwand-Monolithen. Schon in „Der Bulle von Paris“ bietet sie Gérard Depardieu, dem Zentralmassiv des französischen Kinos, mühelos Paroli.

Tatsache ist, dass ihr Leben ein schwindelerregendes Tempo hat: Mit 14 ein Superstar, mit 16 César-Preisträgerin, mit 30 eine französische Institution, die Präsident Mitterand auf Staatsreisen begleitet. Weltweit bekannt wurde die inzwischen 44jährige Mutter eines Sohnes nicht nur als Partnerin von Mel Gibson in seinem preisgekrönten Historien-Epos „Braveheart“ sondern auch als Gegenspielerin von Pierce Brosnan im 19. Bond-Film „Die Welt ist nicht genug“. Auf dem Filmfestival von Montreal wurde ihr Regiedebüt „Parlez-moi d’amour“ als beste Regiearbeit ausgezeichnet. Aber auch auf der Bühne feiert das Multitalent Erfolge.

Der Reiz des Films liegt jedoch nicht zuletzt an der streckenweise rasanten Kamera, die manchmal auf ihre Hauptfigur zurast, um dann abrupt zu stoppen, sich um 180 Grad zu drehen, nicht selten schier undenkbare Perspektiven einnimmt, oder sich frei schwebend über den Dingen bewegt. Regisseur Yann Samuells kleine Ausflüge ins Comic-Genre – teilweise geprägt von moderner Clip-Ästhetik mit ihrem Vierzig-Sekunden-Rhythmus, inszenieren perfekt seine Freude an der Beherrschung von Raum und Zeit. Effektverliebt aber nie effekthascherisch dominieren bei dem 45jährigen Tempowechsel, Rückblenden und Trickaufnahmen im Stil einer Collage. Freimütig bekennt sich der Drehbuchautor, der aus einer Schauspielerfamilie stammt, zu den Einflüssen von Walt Disney.
Bereits in seinem Kinodebüt „Liebe mich, wenn du dich traust“, der wild-romantischen Geschichte einer amour fou aus der Kindheit, arbeitete er mit cartonhaften Animations-Sequenzen und exaltierten Kamerafahrten und –schwenks. Seine Fähigkeit Kindheit und Erwachsenenwelt zu vermischen und zwischen diesen Welten zu jonglieren zieht sich durch den ganzen Film. Und lädt schließlich dazu ein sich mit seinen eigenen Träumen aus der Kindheit zu konfrontieren und dabei vielleicht auch mit dem Konflikt zwischen großen Ambitionen und Prinzipientreue. „Die Kindheit wiederfinden", glaubt der poetische Filmemacher, „heißt auch seinen Ursprung wiederfinden“.

Luitgard Koch

Margaret ist eine resolute Geschäftsfrau. Ihre Arbeit besteht hauptsächlich aus Anweisungen an ihre Untergebenen. Das scheint wichtig zu sein, denn es gilt, den Chinesen ein Atomkraftwerk zu verkaufen.

Margaret heißt sie heute. Das klingt in ihren Ohren scheinbar moderner. Früher hieß die kleine Französin nämlich Marguerite.

Und genau darum geht es. Als Kind hatte Marguerite eine originelle Idee. Sie schrieb Briefe – an sich selbst. Hinterlegt wurden sie bei einem Notar. An ihrem 40. Geburtstag sollte er sie ihr aushändigen.

Und was stand in diesen neun, zehn Schreiben? Wie sie als kleines Mädchen dachte; was sie trieb; mit wem sie befreundet war; was sie werden wollte; mit welchen berühmten Frauen sie sich identifizierte; auch die Frage, ob ihr Leben gelingen würde; ob sie mit 40 dort angekommen sein würde, wohin sie gelangen wollte; wie ihre Midlife Crisis aussehen würde.

Jetzt ist sie 40. Der Notar bringt oder schickt die Briefe in gewissen Abständen einen nach dem anderen.

Marguerite durchlebt alles noch einmal: die Kindheit, die Spiele, das Größerwerden, die Liebe, die Nöte, die Enttäuschungen, den Verlust des Vaters, der die Familie verließ, den Wunsch, als erwachsene Frau Kinder zu haben und vieles mehr.

Das ist die Moral dieser Geschichte: nicht nur das business zählt, sondern auch das Vergangene, das damals weichere Herz, nicht das hektische, sondern das menschliche Erleben der Zeit.

Margaret bekehrt sich wieder zu Marguerite.

Phantasievoll in seinen Ideen und Bildern ist dieser Film – alles in allem ein Vergnügen. Eine solche Ausgangssituation taucht ja wirklich selten auf. Und der Regisseur breitet – technisch und virtuell gut gestaltet – ein Feuerwerk von Film aus. Zum Kinostart am 23. Dezember so etwas wie ein kleines Weihnachtsgeschenk.

Mit der Hauptdarstellerin hatte er Glück. Sophie Marceau hat sich zur beachtenswerten Schauspielerin entwickelt. Ihr zuzuschauen ist künstlerisch nicht uninteressant und zudem unterhaltsam.

Thomas Engel

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