Verräter wie wir

Geldwäsche, Gangster und Geheimdienst: Die neue, fesselnde John-le-Carré-Verfilmung nimmt die skrupellosen Machenschaften der Finanzszene unter die Lupe. Dabei knüpft der brisante Spionagethriller ein raffiniertes Netz, um das intellektuelle englische Paar Perry und Gail. Unversehens geraten die beiden zwischen Russenmafia und Geheimdienst. Regisseurin Susanna White inszeniert die Spionagewelt des 21. Jahrhunderts, in der die klaren Grenzen des Kalten Kriegs längst verwischt sind, wie einen virtuosen Agentenfilm der alten Schule. Trotzdem geizt ihr Roadmovie nicht mit Action und Schauwerten zwischen Marrakesch, Paris und London. Zudem überzeugt ihr Schauspielensemble aus talentierten Newcomern und Hollywoodgrößen wie Ewan McGregor, Stellan Skarsgård und Bond-Star Naomie Harris perfekt.

Webseite: www.studiocanal.de

Großbritannien, 2015
Regie: Susanna White
Drehbuch: Hossein Amini
Kamera: Anthony Dod Mantle
Darsteller: Ewan McGregor, Naomie Harris, Stellan Skarsgård, Damian Lewis. Jeremy Northam, Khalid Abdallah
Länge: 107 Minuten
Verleih: Studiocanal
Kinostart: 7. Juli 2016

FILMKRITIK:

Dima (Stellan Skarsgård), der Maestro der Geldwäsche, ein Virtuose der Verwandlung von Schwarzgeld in solides Kapital und Paganini der Finanzmanipulation möchte aussteigen. Ein Bär von einem Mann ist der Moskauer, hart und sentimental gleichzeitig, mit Tattoos, die seine Haut in einen Bildersaal verwandeln. Oszillierend zwischen Champagner in den überschwänglichen und Wodka in den melancholischen Momenten seines Lebens. Und andere hat das finanzielle Superhirn einer russischen Mafia-Zelle eigentlich nicht, nachdem er mit fünfzehn den brutalen Liebhaber seiner Mutter erschoss.
 
Marrakesch, rosafarbene Stadt am Fuße des verschneiten Atlasgebirges. Enge Altstadtlabyrinthe voll exotischer Fremdartigkeit. Magischer Fluchtpunkt sinnlicher Lebendigkeit, Sehnsuchtsort unter Palmen. Der Zauber der alten, orientalischen Berberstadt soll die Beziehung des smarten Oxford-Dozenten Perry (Ewan McGregor) retten. Seine Frau, die erfolgreiche Anwältin Gail (Naomie Harris) kann ihm seinen Seitensprung jedoch noch nicht verzeihen. Frustriert lässt er sich nur zu gern von dem extravaganten Russen Dima auf eine wilde Party einladen. Doch sein neuer Freund hat nur eines im Sinn.
 
Er sucht über den arglosen Perry Kontakt zum britischen Geheimdienst MI 6. Sein Deal: Brisante Informationen über das Geldwäschesyndikat und das Bankensystem, die bis in höchste Regierungskreise reichen. Im Gegenzug verlangt er von den Briten Asyl für sich und seine Familie. Der Abtrünnige setzt dabei auf das berühmte Fair-Play Englands. Zurück in London führt Perry den Auftrag aus. Prompt verstrickt sich das Paar im undurchsichtigen Ränkespiel internationaler Spionage und schmutziger Politik. Und selbst Geheimdienstler, wie der gediegene MI6-Agent Hector (Damien Lewis) müssen am Ende feststellen, dass sie nach einer nervenaufreibenden Jagd von London über Paris und Bern zum Spielball der Staatsräson und der Kumpanei der Mächtigen werden.     
 
Regisseurin Susanna White inszeniert den rasanten Spionagethriller, über die Korrumpierbarkeit des Westens und die Zerbrechlichkeit der Demokratie, streckenweise wie einen virtuosen Agentenfilm der alten Schule. Schließlich brachte Altmeister Le Carré, einst selbst für den britischen Geheimdienst tätig, den Realismus in das Genre. Er lieferte den Gegenentwurf zu glamourösen James-Bond-Phantasien vom Spion als Lebemann. Trotzdem geizt ihre Neuverfilmung des Klassikers nicht mit spannungsgeladener Action und exotischen Schauplätzen wie die Berberstadt Marrakesch oder das atemberaubende Panorama alpiner Bergwelt.
 
Als charismatischer Moskauer Geldwäschefürst und „Ehrenkrimineller“ verblüfft Stellan Skarsgård den Zuschauer mit seinem Familiensinn trotz Mafia-interner Diadochenkämpfe. „Ich mag Figuren, die Erfahrungen mit den düsteren Seiten des Lebens gemacht haben“, verrät er. Der schwedische Superstar hat Glück. Denn er zählt zu den wenigen Schauspielern, die abgründige Charaktere darstellen können, ohne darauf festgelegt zu werden. Neben preisgekrönten Dramen wie „Good Will Hunting“ spielte der hochgewachsene Skarsgård in Blockbustern wie der „Fluch der Karibik“ oder „Mamma Mia“. Als Professor Selvig gehört er seit seinem Auftritt in „Thor“ zum Marvel-Comic-Universum.
 
Aber auch Ewan Mc Gregor wirkt in seiner Rolle authentisch. Schließlich ist der
Sänger, Sternenkrieger, Weltumrunder  und Shooting Star der 90er-Jahre vieles, nur nicht langweilig. Abenteuerlustig reiste der 45jährige als Unicef-Botschafter mit seinem Freund Charley Boorman mit dem Motorrad drei Monate rund um den Globus. Meisterhaft beherrscht der Schotte den Spagat zwischen Hollywood-Mainstream und Independent-Filmen. Schon als Jedi-Ritter verkörperte er das Gute. Während er dafür als Superschurke in der Dan-Brown-Verfilmung „Illuminati” einen Publikumshit landet.
 
Diese Frau hat Power: Naomie Harris begeisterte in „Spectre“ und „ Skyfall“ als starke Miss Moneypenny. Sie machte die 007-Vorzimmerdame wieder cool und verwandelte ihre Figur in eine furchtlose Frau. Denn ein klassisches Bond-Girl war die Britin mit jamaikanischen Wurzeln nie. Selbstbewusst und stark sind ihre Auftritte. So auch in "Fluch der Karibik" als Meeresgöttin Tia Dalma. In „Mandela – Der lange Weg zur Freiheit“ überzeugte die 39jährige als Winnie Mandela, Nelson Mandelas Exfrau.
 
Seine mitreißende Intensität verdankt das Spionage-Roadmovie auch Kameramann Anthony Dod Mantle, einem der innovativsten und einflussreichsten Bildgestalter des europäischen Gegenwartskinos. Für seine rasanten Verfolgungssequenzen in den Slums von Mumbai „Slumdog Millionär“ wurde der technikbegeisterte Visionär nicht umsonst mit dem Oscar ausgezeichnet. Bereits mit seiner Kameraarbeit für den ersten Dogma-Film „Das Fest“ sorgte die kalkulierten Rauheit seiner Bilder international für Aufsehen.
 
Luitgard Koch