Vicky Cristina Barcelona

Woody Allens Europa-Drehtour geht weiter: Nach drei London-Filmen hat es ihn für „Vicky Cristina Barcelona“ nun nach Spanien verschlagen. Mit einer aufregenden Besetzung erzählt er von den amourösen Verwicklungen zweier Barcelona-Touristinnen (Scarlett Johansson und Rebecca Hall) mit einem spanischen Maler (Javier Bardem) und dessen Ex-Frau (eine impulsiv charmante Naturgewalt: Penélope Cruz). Mit durchweg Postkarten-tauglichen, bis ins Klischee übertriebenen Mittelmeer-Impressionen wird der Film dabei zur leichtfüßig amüsanten Fantasie um die bekannten Fragen der Liebe, die so sommerlich perlend bei Allen nie sexier gestellt wurden.

Webseite: www.concorde-film.de

Spanien/USA 2008
Regie und Buch: Woody Allen
Darsteller: Scarlett Johansson (Cristina), Rebecca Hall (Vicky), Javier Bardem (José Antonio), Penélope Cruz (Maria), Patricia Clarkson (Judy)
96 Minuten, Farbe
Verleih: Concorde
Start: 4. Dezember 2008

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Luftveränderungen tun Woody Allen offenbar gut. Entstanden bis vor einigen Jahren noch fast alle seine Filme in New York, verließ er 2005 den Big Apple, um in Europa zu drehen. Mit „Match Point“, damals sein erster Film in London und mit Scarlett Johansson, gelang ihm dort ein Volltreffer. Nach zwei weiteren, für seine Verhältnisse durchschnittlichen London-Produktionen hat der 72-jährige Regisseur für „Vicky Cristina Barcelona“ nun wieder einen Ortswechsel vorgenommen – und gibt damit seinem durchwachsenen Spätwerk abermals einen revitalisieren Impuls. In seinem ersten spanischen Projekt zeigt er diesmal im mediterranen Barcelona die amourösen Irrungen und Wirrungen der amerikanischen Touristinnen Cristina (Scarlett Johansson) und Vicky (Rebecca Hall) ein.

 

Die sind zwar beste Freundinnen, haben aber völlig gegensätzliche Vorstellungen, wenn es um die Liebe geht. Während die verlobte Vicky mit einem netten, aber soliden Amerikaner die Nummersicher bevorzugt, findet Cristina, dass zur wahren Liebe auch die ganz großen Gefühle, Leidenschaft und Schmerz gehören. Diese Vorstellungen der Mädchen werden schon kurz nach ihrer Ankunft in Barcelona auf die Probe gestellt, wenn sie in einem Restaurant José Antonio (Javier Bardem) begegnen. Der heißblutspanische Maler mit durchdringendem Blick schlägt ihnen Sekunden nach ihrer Bekanntschaft völlig direkt einen Dreier vor, bevor er zunächst Cristina um den Finger wickelt und ihm etwas später auch Vicky verfällt – große Gewissensbisse natürlich inklusive.

Sicherlich knistert es bereits bei dieser Konstellation, mit dieser Besetzung und der malerischen Kulisse schon von Anfang an. Dennoch fehlt es dem etwas lustlosen Off-Kommentar und den Dialogen zunächst noch etwas an Spritzigkeit, weshalb es eine Weile dauert bis der Liebesreigen richtig in Bewegung kommt. Regelrecht Feuer fängt die Leinwand aber, als sich die Zweierturtelei von Johansson und Bardem mit dem Auftritt von Penélope Cruz zur Ménage-à-Trois ausweitet. Als Ex-Frau des Malers entfacht sie eine Explosion an Impulsivität und Charme, bei der selbst Johansson einfach nur wie ein kleines blondes Ding daneben steht.

In eine Altherren-Fantasie gleitet diese Beinah-jeder-mit-jedem-Geschichte allerdings nicht ab. Allen belässt es stets bei den teilweise sehr sinnlichen Küssen, bevor abgeblendet und die Fantasie der Zuschauer angeknipst wird. Statt in schwülen Erotikszenarien vor stimmungsvoller Mittelmeerkulisse schwelgt Allen viel lieber in durchweg Postkarten-tauglichen Impressionen Barcelonas, die er genüsslich ins sonnendurchflutete Klischee übertreibt.

Für Allen selbst wäre ein Liebesdreier, wie er ihn sich für „Vicky Cristina Barcelona“ ausgedacht hat, eher abschreckend. „Es ist schließlich schwierig genug, eine Person zu  finden, mit der man zurechtkommt“, sagte der Regisseur auf den diesjährigen Filmfestspielen von Cannes, wo der Film begeistert aufgenommen wurde. Auf der Leinwand jedoch ist es der Stoff für eine leichtfüßig amüsante Fantasie um die bekannten Fragen der Liebe, die so sommerlich perlend bei Allen nie sexier gestellt wurden.

Sascha Rettig

Vicky und Cristina sind zu einem Sommerurlaub nach Barcelona eingeladen. Vicky ist die Zurückhaltendere und steht außerdem vor der Heirat mit Doug. Cristina ist charakterlich ganz gegensätzlicher Art. Sie will das Leben genießen und hat nichts gegen das eine oder andere Abenteuer.

Die Gelegenheit bietet sich rasch, denn bei einem Restaurantbesuch lädt der Maler Juan Antonio die beiden Mädchen kurzerhand zu einem Wochenendtrip nach Oviedo mit Schönheiten erkunden, guten Wein trinken und miteinander schlafen ein. Vicky protestiert heftig, Cristina lässt sich so etwas nicht zweimal sagen. Ihre Überredungskunst siegt, Vicky fliegt mit. In Oviedo wird Cristina plötzlich krank. Juan Antonio und Vicky sind allein unterwegs. Sie kommen sich näher, Intimstes nicht ausgeschlossen. Dann ist Cristina an der Reihe. Sie und Juan Antonio werden ein richtiges Paar. Vickys Hochzeit steht nichts mehr im Wege.

Aber jetzt geht das Drama erst richtig los. Denn Juan Antonios Exfrau Maria Elena taucht auf. Mit ihr war der Mann einst glücklich. Doch die Leidenschaft war positiv wie negativ derart radikal, dass die beiden letztlich nicht miteinander leben konnten – aber ohne einander offenbar auch nicht.

Was tun? Am besten eine Liebe zu dritt – natürlich nach vorausgegangener Enttäuschung und Eifersucht. Und dann geht der Sommerurlaub Vickys und Cristinas zu Ende. Was wird jetzt?

Woody Allen wie immer: geistreich, weitgehend unrealistisch, leicht und leichtfertig, ergötzlich, wahrscheinlich auch aus eigenen Erfahrungen sammelnd. Es ist wieder ein geglücktes Stück, zu dessen Gelingen natürlich auch die erstklassigen Schauspieler beitrugen: Javier Bardem als Juan Antonio (in jedem Film besser), Penelope Cruz als Maria Elena (explosiv wie immer), Rebecca Hall als Vicky (nobel und darstellerisch gut) sowie Scarlett Johansson (apart und gut). 

Thomas Engel