Vier Leben

Als Film das Gegenstück zu dem Stressleben, wie es heute gang und gäbe ist. Gemächlich, langsam, langatmig, den Betrachter zur Ruhe zwingend. Die Natur, der Lauf der Zeiten, der Tod, das neue Leben, das ist es, was hier gilt – in teilweise sehr schöne Bilder gekleidet, thematisch und dem Filmverlauf entsprechend gewählt.

Webseite: www.vier-leben-derfilm.de

Le quattro volte
Italien / Deutschland / Schweiz 2010
Regie: Michelangelo Frammartino
Mit: Giuseppe Fuda, Bruno Timpano, Nazareno Timpano u.a.
Länge: 88 min.
Verleih: NFP
Start: 30.6.2011

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Im tiefsten Süden Italiens. Das Leben ist unhektisch, die Dörfer sind halb verlassen. Nur die Natur und ihre über allem stehenden Gesetze bleiben lebendig wie immer.

Ein Ziegenhirt. Er ist krank, scheint nicht mehr viel Zeit zu haben. Seine Medizin ist kalabrischer, althergebrachter, freier nicht mitteleuropäischer Art: Staub aus der Kirche und Wasser.

Er stirbt. Seine Ziegen verweilen auch jetzt bei ihm. Er wird zu Grabe getragen. Alte Rituale spielen da noch eine große Rolle.

Doch das Leben geht weiter. Ein Zicklein wird geboren. Es ist noch sehr jung, als es auf die Weide soll. Es fällt in einen Graben, findet die Herde nicht mehr. Sein Maul ist abgebunden, offenbar weil es ja nicht Gras fressen sondern gesäugt werden soll. Wahrscheinlich muss es sterben.

Deshalb kein Leben mehr? Doch, natürlich. Aber eben auch Tod. Die Tanne, unter der das Zicklein ruhte, wird gefällt. Sie wird für ein Fest im Ort gebraucht (das bis in die Zeit der Langobarden zurückreicht). Dann, wenn alles vorbei ist, kaufen die Köhler das Holz. Etwas Neues entsteht, und wenn es nur Holzkohle ist, die die Menschen wärmt.

Der ganze Film ist strikt und streng. Ebenso majestätisch wie ungewohnt, ebenso ganz anders wie frappant.

„Der Mensch rückt in den Hintergrund, und das, was zuvor außerhalb des Fokus war, rückt in den Vordergrund . . . Die Tiere, die Pflanzen und das Reich der Mineralien sind mit der gleichen Würde gesegnet wie der Mensch“ (Regisseur Michalangelo Frammartino).

Der Hirte, das Zicklein, die Tanne, die Materie Kohle – „Vier Leben“.

Thomas Engel