Vinzent

Ein verstörendes Arthaus-Gothic-Drama über die geheimnisvollen Erlebnisse eines geistig Verwirrten – mit Detlef Bothe, Anna Thalbach, Karin Baal u.a.

Webseite: www.vinzent-der-film.de

Deutschland 2004
Regie: Ayassi
Darsteller: Detlef Bothe, Anna Thalbach, Thomas Bestvater, Karin Baal, Bernd Tauber, Ingeborg Westphal, Cornelia Lippert
93 Minuten
Verleih: Kinostar
Start am 13.7.06

PRESSESTIMMEN:

FILMKRITIK:

Beim Sammeln von Unterschriften gegen Tierversuche betritt der geistig verwirrte Vinzent ein älteres Mietshaus. Unverhofft gerät er in eine Trauerfeier, glaubt später, hinter einem Fenster seine Freundin entdeckt zu haben. Rückfragen bei den Bewohnern aber bringen ihn nicht weiter. Im Gegenteil: so mancher im Haus scheint ein Geheimnis zu haben und nicht der zu sein, der er ist. Einer Auflösung verweigert sich der vom Berliner Werbefilmer Ayassi gedrehte Spielfilm, verstärkt das Rätselhafte der Handlung durch eine stilistisch anspruchsvolle Bildgestaltung. Die aber kann für den phasenweise dürftigen Inhalt kaum entschädigen.

 

Problematisch ist „Vinzent“ wegen seines Ansatzes, die Geschichte aus der Perspektive der nervlich angeschlagenen Titelfigur (Detlef Bothe) zu zeigen. Die Fragen, die sie sich stellt, sie beschäftigen auch den Betrachter. Wieso kennt ihn das Mädchen, das ihn offenbar auch schon erwartet hat und sich wundert, dass er nicht wie die Male zuvor ein Geschenk mitgebracht hat? Weshalb fragen ihn die Hausbewohner (u.a. Anna Thalbach, Karin Baal, Thomas Bestvater, Bernd Tauber), welches Tier er gerne sein würde? Warum weiß niemand von jenem Bewohner, an dessen Fenster er das Gesicht seiner Freundin zu erkennen glaubte? Und was ist dran an der Andeutung, Vinzent sei vielleicht gar schuld am Tod der Schwester des Mädchens?

Von Anfang an baut Filmemacher Ayassi eine geheimnisvolle Stimmung auf. Mit oft verzerrenden Objektiven fährt die Kamera die sich spiralförmig nach oben oder unten windenden Geländer im Treppenhaus ab (manchmal etwas zu oft), gerade so, als wolle sie sich in eine tiefere (Bewusstseins-)Ebene bohren oder wie der Sog eines Strudels wirken. Häufig wird das Geschehen im Treppenhaus auch wie durch den Türspion hindurch betrachtet, eine Anspielung wohl auch darauf, dass man sich immer von irgendwoher beobachtet fühlen muss. Auch wie Röntgenbilder wirkende Erinnerungsbilder sind zwischengeschnitten. Mit dem Aufzug geht es in labyrinthähnliche Kellergänge hinab, die Orientierung in diesem immer unheimlicher werdenden Haus (und damit auch der Geschichte selbst) geht irgendwann verloren.

Mit Alex de la Iglesias eher komödiantischem „Allein unter Nachbarn“ (2000) hat „Vinzent“ das geheimniskrämerische und spießbürgerliche Gebaren mancher Hausbewohner gemein, steht insgesamt aber Roman Polanskis „Der Mieter“ (1976) näher. In seiner Metaphorik schimmert wiederum das von David Lynch her bekannte düstere Spiel mit seltsamen Identitäten und trügerischen Wahrnehmungen bis hin zu Wahnvorstellungen durch, wobei Ayassi komplett auf Schock-, Horror- oder gar Splattereffekte verzichtet. Womöglich ist gerade diese Ausblendung der Grund dafür, dass etwas an diesem Film zu fehlen scheint. Sind wir diesbezüglich schon derart konditioniert?

Stilistisch interessant ist sicher auch noch die Einführung einer Comicebene. Doch auch hier bleibt offen, ob und wenn ja, welche Verbindung es zwischen dem „Creature Girl“ und der später auch von einem Kollegen („Rammstein“-Sänger Till Lindemann) gesuchten Tierschützerin gibt. Dass Ayassi ein Auge für ästhetische Bilder und Räume hat, daran besteht in Bezug auf dieses Arthaus-Gothic-Drama kein Zweifel. Als Geschichtenerzähler aber ist er noch entwicklungsfähig.

Thomas Volkmann