Violinissimo

Drei junge, hochtalentierte Geigen-Solisten nehmen an dem renommiertesten internationalen Wettbewerb für klassische Musik in Hannover teil. Die Höhen und Tiefen, die sie dabei durchlebten, nicht nur im musikalischen Sinne, verarbeiteten Radek Wegrzyn und Stephan Anspichler zu einem interessanten und sehenswerten Dokumentarfilm, der vom NDR mitproduziert wurde. Kindheit, Jugend, Karrieregang, Hoffnungen und Träume der Protagonisten haben sie dabei durch geschickte Montage herausgearbeitet und sensibel in Szene gesetzt.

Webseite: www.salzgeber.de

Deutschland 2011
Regie und Buch: Radek Wegrzyn, Stephan Anspichler
Länge: 82 Min.
Verleih: Edition Salzgeber
Kinostart: 5. April 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Der Joseph Joachim Violinwettbewerb in Hannover ist der höchstdotierte Musikwettbewerb der Welt und findet alle drei Jahre statt. Zu gewinnen sind insgesamt 140.000 €, dem Gesamtsieger kommen 50.000 € zu, nebst Spitzenauftrittsmöglichkeiten und CD-Einspielungen. Dazu gibt es als Leihgabe für drei Jahre eine Stradivari. 35 sorgsam ausgesuchte Teilnehmer aus aller Welt treten dafür an. Der Film begleitet drei Teilnehmer beim letzten Wettbewerb im Jahr 2009.

Da ist das Wunderkind Clara-Juin Kang, südkoreanischer Abstammung, in Mannheim geboren und hat schon im Alter von drei Jahren mit dem Geigen- und Pianospiel angefangen. Ein Jahr später wurde sie als jüngste Schülerin aller Zeiten an der Mannheimer Musikhochschule aufgenommen.

Solenne Paidassi aus Frankreich hat mit vier Jahren das Geigespiel gelernt, war mit zehn Solistin beim Sinfonietta Orchester Nizza und im Jahr darauf am Genfer Konservatorium.

Itamar Zormann stammt aus Tel Aviv und begann als Sechsjähriger mit dem Violinunterricht am israelischen Konservatorium. Während seiner Militärzeit bekam er einen Ausnahmestatus und wurde Erster Geiger beim Armee-Streichquartett.

Ungewöhnliche Biographien – weit, weit weg von den üblichen Musik-Casting-Shows im Fernsehen. Aber man ahnt, wie brutal das Vorankommen im Klassik-Business ist, daß erheblich mehr gefordert wird als Talent, Können, Willen und Leidenschaft. Eigentlich unmöglich aus diesem hochkarätigen Teilnehmerfeld herauszuragen und doch glauben diese kleinen Genies daran. Der Film offenbart, wie verletzlich und zweifelnd sie sind und wie dick die Maske sein muß, die jeder Teilnehmer mehr oder weniger vor sich herträgt. Auf die Ausdrucksweise kommt es letzlich an und auf das Outfit. Das kann auch zum Ausscheiden führen. Ohne auf Kleinigkeiten zu achten, würden die Juroren wohl zu keiner Entscheidung kommen können. Krzysztof Wegrzyn, künstlerischer Leiter des Wettbewerbs, ist übrigens der Vater von Regisseur Radek Wegrzyn. Deshalb die Nähe und das Gespür für die Protagonisten mit ihren Befindlichkeiten. Radek leuchtet die Höhen und Tiefen aus und bringt die Violinisten dazu, auch zu ihren Schwächen zu stehen. Visuell umgesetzt mit Szenen abseits der Bühne, in denen sie alles abfallen lassen können und über ihre Einsamkeit, die ohne Zweifel mit Erfolgsdruck korrespondiert, reden können. Das ist das große Verdienst von "Violinissimo", alle Schattierungen, geschickt geschnitten, zu zeigen und gleichzeitig faszinierende Musik vorzuführen, die man nicht alle Tage zu hören bekommt. Aber, soviel sei gesagt, die Teilnehmer müssen erkennen, daß es vielleicht eine größere Erfüllung bedeutet, vor Menschen zu spielen, die nicht die Möglichkeit haben, in teure Konzerte zu gehen.

Das durchorganisierte, kalte Wettbewerbsgeschehen wird von Auftritten der jungen Violinisten in der JVA Celle und einem Krankenhaus konterkariert. Organisiert wurden die Aktionen durch die Stiftung LiveMusicNow und das Publikum ist dankbar. Ihren Weg werden Clara, Solenne und Itamar jedenfalls weitergehen – genauso wie Radek Wegrzyn und Stephan Anspichler, die als Dokumentarfilmer erst am Anfang ihrer Karriere stehen.

Heinz-Jürgen Rippert

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