Viva la Liberta

Na Bravo: Endlich einmal wieder ein kleines, feines Meisterwerk aus Bella Italia, der einstmals so großen, seit Jahren chronisch schwächelnden, Filmnation. Das zauberhafte Politmärchen erzählt vom Chef der linken Oppositionspartei, dem Umfragewerte und Intrigen das Leben vermiesen. Als er spontan verschwindet, soll sein Zwillingsbruder heimlich die Rolle übernehmen, um einen Skandal zu verhindern – das eineiige Double freilich entwickelt ein Eigenleben, läuft zur Höchstform auf und wird wie ein Messias gefeiert. Flotte Dramaturgie, liebenswerte Figuren, pfiffige Dialoge sowie ein meisterhafter Hauptdarsteller machen aus der guten alten Doppelgänger-Nummer eine gelungene Politsatire. Selbst Fellini leibhaftig gibt sich da ein zorniges Stelldichein!

Webseite: www.viva-derfilm.de

Italien 2013
Regie: Roberto Andò
Darsteller: Toni Servillo, Valerio Mastandrea, Valeria Bruni Tedeschi, Michela Cescon, Anna Bonaiuto
Filmlänge: 94 Minuten
Verleih: Arsenal
Kinostart: 27. Februar 2014
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PRESSESTIMMEN:

FILMKRITIK:

„Ich bin dann mal weg!", sagt sich Enrico Oliveri, Chef der mächtigen Oppositionspartei. Bei Nacht und Nebel fährt er spontan zu seiner Ex-Geliebten Danielle nach Paris. Die schlechten Umfragewerte und das ewige Gezänk haben Enrico zermürbt. Auf den kleinen Abschiedsbrief reagiert sein engster Berater Andrea Bottini mit Panik. Wie soll man mit einem abgetauchten Spitzenpolitiker noch Wahlen gewinnen? Um den drohenden Skandal zu verhindern, hat Stippenzieher Bottini eine rettende Idee: Giovanni, der Zwillingsbruder von Enrico, soll die Stelle des Verschollenen heimlich übernehmen. Der exzentrische Philosoph, der seit 25 Jahren keinen Kontakt mehr zu seinem Bruder hatte, lässt sich auf das Doppelgänger-Spielchen ein – und findet schnell Gefallen an der neuen Rolle. Gleich sein erstes Interview mit dem "Corriere della Sera" sorgt für Aufsehen und bringt es zur Titelgeschichte. Denn statt der üblichen Phrasen und ewigen Textbausteine hagelt es plötzlich erfrischende Wahrheiten wie „Angst ist die Musik der Demokratie.“ Als er wenig später vor Funktionären eine Rede halten soll, wirft Giovanni das ausgeklügelte Manuskript zum Schrecken seines Assistenten in den Papierkorb – "ich werde improvisieren" erklärt er fröhlich und wird wiederum mit unbequemen Wahrheiten sein Publikum begeistern. „Nie gab es klarere Worte“ jubelt die Presse entzückt, vom Volk wird falsche Enrico gefeiert wie nie zuvor. Der echte Politiker vergnügt sich derweil im fernen Paris mit seiner Ex-Geliebten, schwelgt in Nostalgie und amüsiert sich bestens mit einem prominenten Regisseur, dem neuen Mann seiner Verflossenen.
Unterdessen sorgt der Furor von Giuseppe für immer mehr Furore. Der Präsident möchte ihn treffen, ohne Zeugen. „Sie wurden ein Licht für uns“ schwärmt die Finanzministerin, mit der er alsbald barfuss Tango tanzt. Als er bei einer Kundgebung zu "mehr Leidenschaft" aufruft und Italien "von der Angst befreien" möchte, kennt der Jubel der Massen keine Grenzen. Selbst der abgebrühte, machtbesessene politische Gegner sieht sich am Ende seines Intrigen-Lateins.

„Ich mag keine Filme mit Handlung“ sagt der französische Cineasten-Snob im Film einmal. Beim realen Regisseur Robert Andò ist das anders. Der einstige Assistent von Francesco Rosi, Federico Fellini und Francis Ford Coppola verfilmt seinen eigenen Roman in der Tradition des italienischen Politfilms. Palaver, Amore und Gesellschaftskritik der leichfüßigen Art. Ein Politiker jenseits des Phrasendreschers wird bereits schon für seinen Mut zu unbequemen Wahrheiten dankbar wie der neue Heilsbringer empfangen, wenn er als Linker gar Brecht-Gedichte auswendig kann, umso besser – bei Gerhard Schröder hat das poetische Potential einst bekanntlich nur bis Rilke gereicht.

Über Doppelgänger im Film wurden schon ganze Bücher geschrieben. Wie ulkig das gute alte Dubletten-Spiel zur Komödie taugt, haben ein Louis de Funès oder Dieter Hallervorden bestens beweisen. Dass dies nicht nur klamottig gelingt, zeigt Hauptdarsteller Toni Servillo, der seine Doppelrolle ganz entspannt nach dem Motto "weniger-ist-mehr" ausfüllt und damit umso mehr Effekt erzielt. In seiner Heimat wurde die rundum vergnügliche Polit-Satire für zwölf italienische Filmpreise nominiert, darunter Bester Film, Bestes Drehbuch und Bester Hauptdarsteller – na Bravo!

Dieter Oßwald