Vivaldi und ich

Das Drama ist nicht nur klug ausgedacht und mit teils wunderschönen Bildern aus dem alten Venedig in Szene gesetzt, sondern es erzählt auch eine Geschichte, die Ihren Reiz immer stärker durch das Zusammenwirken von Handlung und Musik entfaltet. Es geht um ein junges Mädchen im Venedig des 17. Jahrhunderts: Cecilia wurde als Violinistin im Waisenhaus ausgebildet und findet mit Antonio Vivaldi als Lehrmeister zu ihrer wahren Bestimmung. 

 

 

Über den Film

Originaltitel

Primavera

Deutscher Titel

Vivaldi und ich

Produktionsland

FRA,ITL

Filmdauer

111 min

Produktionsjahr

2025

Regisseur

Michieletto, Damiano

Verleih

X Verleih AG

Starttermin

21.05.2026

 

Das musikalische Coming-of-Age-Drama ist das Kinodebüt von Damiano Michieletto, der bisher vor allem durch seine Operninszenierungen bekannt wurde. Unter seiner Regie gibt es zwar auch ein paar typische – und typisch melancholisch schöne Venedig-Bilder, aber vor allem einen gewissen rebellischen Charme, der sich durch die gesamte Geschichte zieht. Im Zentrum steht die junge Cecilia (Tecla Insolia). Sie ist fast noch ein Kind, aber gilt bereits als hochbegabte junge Violinistin. Kurz nach ihrer Geburt wurde sie, so wie die meisten anderen Mädchen im Waisenhaus, von ihrer Mutter im kirchlichen Ospedale della Pietà abgegeben. In diesem Waisenhaus wird Musik ganz großgeschrieben, aber die Mädchen, die sie spielen, müssen sich hinter Masken verstecken oder sie musizieren, unsichtbar fürs Publikum, auf dem Balkon, hoch über den Zuhörern. Wer hier lebt, muss hart arbeiten, und das gilt für alle Mädchen. Ein Instrument zu erlernen, gilt als Privileg, doch das eigentliche Ziel für alle hier ist die Ehe, ein arrangiertes Geschäft zu einem möglichst hohen Kaufpreis, der von den taffen Nonnen ausgehandelt wird. Die meisten Mädchen betrachten die Ehe als willkommene Gelegenheit, dem strengen Regiment des Waisenhauses zu entkommen, aber das gilt nicht für Cecilia. Ihr bedeutet die Musik sehr viel, doch als verheiratete Frau dürfte sie nicht mehr musizieren. Als der neue Maestro auftaucht, ein Mönch namens Antonio Vivaldi (Michele Riondino), der künftig als Musiklehrer und Dirigent im Waisenhaus arbeitet, beginnt Cecilia zu verstehen, dass die Musik ihr mehr bedeutet als alles andere im Leben – sie wird für Cecilia zum Symbol ihrer Freiheit.

 

Nach dem Roman „Stabat Mater“ von Tiziano Scarpa entstand „Vivaldi und ich“ als musikalisch durchkomponierte Emanzipationsfantasie. Zu Beginn begleitet die Musik ganz zart die Handlung, doch bald wächst sie an Bedeutung. Cecilia ist parallel dazu zu Beginn noch sehr kindlich, sie schreibt heimlich Briefe an ihre unbekannte Mutter auf Notenpapier. Durch Vivaldi und seinen Einfluss verändert sie sich, sie wird erwachsener und damit anspruchsvoller. Cecilia entwickelt einen eigenen Stolz und eine aus der Musik gewachsene Würde, was ihr aber im Waisenhaus eher schadet als nutzt. In den Bildern schwingen die Emotionen dieser Entwicklung mit und nach. Mit Cecilias gesteigerten Selbstvertrauen wird ihr Spiel immer virtuoser, und die Musik im Film wird lauter und kräftiger. Sie steigert sich gleichsam von Andante zu Allegro, und mündet in die „Vier Jahreszeiten“, eines der berühmtesten Werke von Vivaldi. Es ist eine langsame, eine ruhige Entwicklung, und Michieletto zeigt Cecilia in diesem Prozess als leise Stimme und eher zurückhaltend, so wie er auch Vivaldi nur nebenbei charakterisiert. Das ist natürlich eine sehr schöne Idee: ein Genie, das nicht die Hauptrolle spielt. Michele Riondino macht ihn zu einem attraktiven, geistvollen Mann mit viel Witz und schwacher Gesundheit, der offenbar nur von seiner Musik am Leben gehalten wird. Tecla Insolia spielt die Cecilia ganz bezaubernd – eine nur scheinbar zerbrechliche Elfe, die schließlich beginnt, sich gegen ihr Schicksal zu wehren, bis sie sich schließlich sogar gegen ihren Lehrmeister auflehnt. 

 

Das kluge Drehbuch spielt erfolgreich mit Erwartungen, Wünschen und Klischees – nicht nur, was Venedig und Vivaldi angeht. Der Film wirft auch einen kritischen Blick auf die Allmacht der Kirche und auf den Geschäftssinn des Klerus. Auch wenn sich „Vivaldi und ich“ der kitschigen Postkartenromantik verweigert, die man mit Venedig verbinden könnte, sind die Aufnahmen dennoch von manchmal traumhafter Schönheit, von der nebligen Lagune bis in die kleinen Kanäle. Aber Daria D’Antonios Kamera schweift auch durch prächtige Innenräume, die von der Macht der Kirche und des Geldes erzählen, und sie zeigt ebenso die düsteren Gewölbe, in denen die Mädchen schuften müssen. Sie sind in den Augen der Kirche nichts weiter als rechtlose Sklavinnen, die letztlich wie Vieh verschachert werden, um den Reichtum des Klerus zu mehren. Doch hier geht es nicht nur um weibliche Selbstbestimmung, sondern zusätzlich auch um die Kunst an sich – um Perfektion und um die Kraft, sich gegen alle Widerstände zu behaupten.

 

 

Gaby Sikorski

Mehr lesen

Neuste Filmkritiken

ℹ️ Die Inhalte von programmkino.de sind nur für die persönliche Information bestimmt. Weitergabe und gewerbliche Nutzung sind untersagt. Nachdruck nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Redaktion. Filmkritiken dürfen ausschließlich von Mitgliedern der AG Kino-Gilde für ihre Publikationen verwendet werden.