Vom Schaukeln der Dinge

Beatrix Schwehms Portrait über den Schauspieler und Kabarettisten Rudolf Höhn ist eine wunderbare Auseinandersetzung mit einer ganz besonderen Persönlichkeit. Die Dokumentation begleitet ihn bei dem alltäglichen Umgang mit seiner Parkinson-Erkrankung, ist dabei niemals Betroffenheitskino, sondern immer kraftvoll und überaus inspirierend.

Webseite: www.ventura-film.de

Deutschland 2005
Regie: Beatrix Schwehm. Mit Rudolf Höhn u.a.
80 Min.
Verleih: Ventura
Kinostart: 16.11.2006

PRESSESTIMMEN:

Porträt des 58-jährigen Schauspielers Rudolf Höhn, der vor zehn Jahren an Morbus Parkinson erkrankte und seinen Beruf in erlernter Form an den Nagel hängen musste. Höhn machte aus der Not eine Tugend: Heute ist er Pressesprecher seines geliebten Rugby-Clubs und leitet ein erfolgreiches Theaterensemble aus behinderten Darstellern. Der faszinierende Dokumentarfilm zeigt einen durchaus widersprüchlichen Menschen, der seinem Schicksal die Stirn bietet, und kann damit auch anderen Betroffenen Lebensmut vermitteln.
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FILMKRITIK:

Zu Anfang wird man mit einem fast surreal anmutenden Bild konfrontiert. Eine Karawane kostümierter Personen zieht einem noch unbekannten Ziel entgegen. Wir sehen Rugby-Spieler, Pastoren, Kleinwüchsige, Rollstuhlfahrer und fragen uns, was diese bunt gemischte Gruppe wohl zusammengeführt hat. Und im Laufe der Dokumentation verstehen wir, sie alle verweisen auf das facettenreiche Leben des Rudolf Höhn.

Gegen den Willen der Eltern entscheidet sich Rudolf Höhn für die Schauspielerei und er wird erfolgreich. Neben zahlreichen Engagements an Theatern tritt er als Kabarettist auf, unter anderem beim „Scheibenwischer“, er schreibt sein eigenes Theaterstück „Was brennt länger oder warum schreit ihr Kind“, es kommt zu 250 Aufführungen in Deutschland und wird von Publikum wie Kritik gefeiert. 1997, mit 49 Jahren, diagnostiziert man bei ihm Parkinson. Sein Leben ändert sich nun radikal, er verliert immer häufiger die Kontrolle über seinen Körper, besonders für einen Schauspieler ein schwer zu verkraftender Verlust.

Rudolf Höhn verfasst einen Brief an den Theaterleiter der Bremer Shakespeare Company, zu dessen Ensemble er gehört, als er erfährt, dass er an Parkinson leidet. Er streicht alles Emotionale raus, informiert nur trocken über seine Krankheit und hofft, am Theater bleiben zu dürfen, zwar nicht mehr als Schauspieler, aber gerne als Kartenabreißer. Wie plötzlich das Leben eine Wendung nehmen kann, wie gnadenlos es einem den Boden unter den Füßen wegzureißen vermag, das drückt dieser Brief in seiner Nüchternheit aus. Das lässt einen betroffen zurück, daran erinnert sich der Theaterleiter und das spürt der Zuschauer. Wie geht man mit einem um, den es so hart getroffen hat? Wie begegnet man seinem Verlust?

„Vom Schaukeln der Dinge“ verharrt jedoch nicht im Gefühl der Ohnmacht, sondern passt sich dem Rhythmus Rudolf Höhns an, der „hat sich nämlich selbst rausgeholt“, wie eine Schauspielkollegin erzählt. Er gründet eine Theatergruppe für Menschen mit Behinderung: "Pschyrembel", benannt nach dem Medizinerstandardlexikon. Schon ein Experiment für die Bremer Shakespeare Company, die sich aber darauf einlässt. Rudolf Höhn ist in den Proben streng, auch mal cholerisch. Sein Interesse gilt der Körpersprache, dem Körper an sich, seine Möglichkeiten will er ausloten und ausschöpfen. So knüpft er auch Kontakt mit zwei Pastoren. Zunächst glaubt man, er suche ein theologisches Streitgespräch, naheliegend für den scharfzüngigen Kabarettisten. Aber weit gefehlt, Höhn verbessert ihre Ausdrucksweise im Gottesdienst. Das kommt so überraschend, dass man unwillkürlich darüber lachen muss.

Immer wieder vergisst man Höhns Leiden, auch wenn es stets in Erscheinung tritt, vielmehr nimmt man zunehmend seinen Blick auf die Dinge ein, lässt sich gerne von ihm verblüffen und überrumpeln: von seinen scharfzüngigen Kommentaren, seinem intelligentem Humor, der gnadenloser Resolutheit und der Melancholie, wenn er seine Kindheit im Elternhaus noch einmal revue passieren lässt oder ihn die „unverschämte Gesundheit der Rugbyspieler“ fasziniert.

Beatrix Schwehm zeichnet subtil und auf eine kluge zurückhaltende Weise das Portrait eines ungewöhnlichen Menschen, der es gelernt hat im Rhythmus des Schaukelns der Dinge zu leben.

Alexandra Kaschek