Von einem der auszog – Wim Wenders’ frühe Jahre

Auspacken vor laufender Kamera. Als gäbe es kein Publikum. Und betont entspannt, wie es der Zeitgeist verlangt. Was sich im Fernsehen längst als Sendeformat etabliert hat, findet nun immer öfter als Künstlerporträt ins Kino. Hier erzählt Wim Wenders dem knapp dreißig Jahre jüngeren Marcel Wehn wie und warum er wurde, was er ist, beziehungsweise deutet es an. Es geht um seine ersten Filme bis zum Umzug nach Amerika im Jahr 1977. Auch die damaligen Mitstreiter reden, und dies auch so, als würde man ihnen auf dem Sofa gegenüber sitzen. Marcel Wehns Abschlussarbeit für die Filmakademie Baden-Württemberg besticht durch Nähe und Sprödigkeit.

Webseite: www.voneinemderauszog.de

D 2007
Dokumentarfilm
Regie: Marcel Wehn
Mit: Wim Wenders, Donata Wenders, Rüdiger Vogler, Bruno Ganz, Peter Handke u.a.
100 Min., HDV
Verleih: Arsenal
Kinostart: 24. Januar

PRESSESTIMMEN:

Sehenswert!
tip Berlin

Aus einem Guss: stilsicher, unaufgeregt und mit einem klaren Blick fürs Wesentliche.
Frankfurter Allgemeine Zeitung

Eine persönliche, sehenswerte Teilanalyse der deutschen Filmgeschichte.
Zitty Berlin

Erhellend, anrührend, persönlich eindringlich.
epd Film

Eine erhellende Dokumentation, die die Gunst der Stunde nützt und Wenders als Erzähler seiner selbst die Bühne überlässt (…) „nicht nur filmgeschichtlich interessant.
Filmdienst

FILMKRITIK:

Wim Wenders schweigt und denkt vor laufender Kamera. Haben seine Filme ein Hauptthema? Nein, eher einen Grundton: „Wie soll man leben? Wie kriegt man das auf die Reihe, dass man weiß, wofür man lebt?“ Wenders betrachtet die Fotos seiner früheren Mitarbeiter. Ihre Bilder hängen wie Wäsche auf der Leine in einem Ausstellungsraum. Zu jedem erzählt er etwas, umgekehrt erzählen die Porträtierten über ihn. Seine Frau Donata erklärt: „Er mag alles, was nicht grün ist. Sand, Beton, Wüste. Da fühlt er sich wohl, in verfallenen urbanen Landschaften.“ Sein ältester Freund Peter Handke meint: „Er nimmt sich Zeit, will authentisch sein. Seine warmherzige Einsamkeit zog mich an“. Die erste Jugendliebe sagt: „Wim war immer ein großer Schweiger“. Bruno Ganz schätzt an ihm gerade diese Eigenschaft. Und er äußert etwas skeptisch, dass Wenders immer seine jeweiligen Lebenspartnerinnen einsetzte, um mit ihnen einen Teil seines Lebens zu inszenieren. Wie ein Filmausschnitt aus „Alice in den Städten“ (aus dem  Jahr 1974) demonstriert: „Du hast dich selbst verloren“, sagt eine der Figuren, gespielt von seiner ersten Ehefrau, „deshalb die Reisen, Bilder, Geschichten, die du nur dir selbst erzählst.“ Die Stellungnahmen sind nicht zwangsläufig positiv: „Wir sind keine echten Freunde gewesen“, muffelt sein langjähriger Kameramann Robby Müller. Sie entzweiten sich während der Dreharbeiten zu „Bis ans Ende der Welt“.

Obwohl er sich als konfliktscheu bezeichnet, suchte sich Wim Wenders immer wieder neue Gebiete: „Ich hatte Heidenangst, dass ich irgendwie Routinier werde.“ Seine allerersten Super-8-Filme zeigen Familiennachmittage, die Industrielandschaft seines Geburtsortes und seine Schülerliebe. Er sollte Arzt werden wie sein Vater, brach dann sein Medizinstudium ab, um Malerei in Paris zu studieren, guckte sich dort in der Cinémathèque „im Zickzack durch die Filmgeschichte“, gehörte dann „als Versuchskaninchen“ dem ersten Jahrgang der Münchner Filmhochschule an, drehte dort mit 15.000 Mark einen zweieinhalbstündigen Film: „Ich bewies, dass man etwas machen kann, wenn man nur will.“

Regisseur Marcel Wehn fängt das heutige Straßenleben Münchens beiläufig und verlangsamt ein, als wolle er den frühen Wenders kopieren. Etwas hergeholt wirkt der Einfall, Wenders auf seiner Fahrt in ein Kaff namens Himmelreich in der Region Hannover zu begleiten. Nur der Name zog Wenders dort hin, die Enttäuschung bei der Ankunft ist groß.

So plätschert die Dokumentation dahin, sympathisch, ohne gefällig zu sein, bisweilen einsichtsvoll, bisweilen geheimnisträchtig. Marcel Wehn passt sich seinem  Objekt an. Er legt es nicht darauf an, die Zurückhaltung des Regisseurs Wenders „aufzubrechen“. Ohnehin sucht dessen Ehefrau Donata stellvertretend nach Antworten. Wehn lässt den Befragten Zeit zum Überlegen, hakt nur selten nach, ganz der sensible Gesprächstherapeut. Nicht so gemütlich wie Sydney Pollack in „Sketches of Frank Gehry“ und nicht so impertinent wie Anna Ditges in „Ich will dich – Begegnungen mit Hilde Domin“. Aber es ist einer der Filme, bei denen man erst nach Ende merkt, dass man sie schon lange vermisst hat.

DOROTHEE TACKMANN