Von Menschen und Göttern

Mit der in den neunziger Jahren erfolgten und bis heute nicht aufgeklärten Ermordung der Trappisten-Mönche von Tibhirine befasst sich Xavier Beauvois’ „Von Menschen und Göttern“. In meditativen Bildern und im Rhythmus der choralen Gebete des Ordens erzählt Beauvois eine ergreifende Geschichte, in der Mut, Mitmenschlichkeit und religiöse Toleranz als fundamentale Werte allgegenwärtig sind. Bei den Filmfestspielen von Cannes gab es dafür den „Großen Preis der Jury“. „Von Menschen und Göttern“ wird von Frankreich zudem in das Oscar-Rennen um den „Besten fremdsprachigen Film“ geschickt.

Webseite: www.vonmenschenundgoettern-derfilm.de

OT: Des Hommes et des Dieux
F 2010
Regie: Xavier Beauvois
Drehbuch: Etienne Comar, Xavier Beauvois
Produzent: Etienne Comar
Darsteller: Lambert Wilson, Michael Lonsdale, Olivier Rabourdin, Philippe Laudenbach, Jacques Herlin, Xavier Maly, Jean-Marie Frin, Abdelhafid Metalsi
Laufzeit: 120 Minuten
Kinostart: 16.12.2010
Verleih: NFP
 

PRESSESTIMMEN:

Ein Film-Wunder. Eigentlich ein unmöglicher Film, aber es gibt ihn, und er ist eiens der wichtigsten, bewegendsten Kinoereignisse des Jahres.
Süddeutsche Zeitung

Ein Filmwunder…
ARD Tagesthemen


…ein großer, unbedingt sehenswerter Film …tief berührend.
ZDF Heute Journal


FILMKRITIK:

Das Atlas-Gebirge erstreckt sich von Marokko im Westen über Algerien bis nach Tunesien. Es ist eine schroffe, zugleich faszinierende Landschaft, geprägt von kleinen Dörfern und Siedlungen und einer mühsamen, meist nicht sonderlich ertragreichen Landwirtschaft. In dieser felsigen Umgebung erscheint das malerische, liebevoll gepflegte Kloster der Trappisten-Mönche von Tibhirine wie ein kostbares Refugium der Ruhe und des Friedens. Tatsächlich ist das Dorf unterhalb des Klosters mit diesem über die Jahrzehnte gewachsen. Zwischen den Mönchen und der einheimischen Bevölkerung besteht ein sehr freundschaftliches Verhältnis. Die Geistlichen bieten ihre Hilfe bei medizinischen Problemen und anderen, auch zwischenmenschlichen Nöten an, im Gegenzug werden sie regelmäßig zu Familienfesten und anderen Feierlichkeiten eingeladen.

Doch diese friedliche Idylle ist bedroht. Seitdem islamistische Rebellen immer wieder die Gegend um das Kloster aufsuchen und dabei zuletzt sogar eine Gruppe kroatischer Gastarbeiter ermordeten, spüren die Mönche, dass auch ihr Leben ernsthaft in Gefahr ist. Die Behörden legen ihnen dann auch nahe, Tibhirine möglichst bald zu verlassen. Die Gemeinschaft unter der Leitung des engagierten Abts Christian (Lambert Wilson) ist gespalten. Ein jeder fühlt sich hin- und hergerissen zwischen der Angst vor dem, was da auf sie zukommen mag, der Verpflichtung, den Menschen gerade in dieser schwierigen Lage beizustehen und dem mutigen Bekenntnis, sich nicht von Terroristen die eigenen Entscheidungen diktieren zu lassen.

Regisseur Xavier Beauvois erzählt eine tragische und zugleich wahre Geschichte über eine Gemeinschaft, die auch im Angesicht einer konkreten Bedrohung ihre Prinzipien von Solidarität und Nächstenliebe nicht vergisst. Das bis heute nicht gänzlich aufgeklärte Verbrechen an den Trappisten-Mönche von Tibhirine, die im Jahr 1996 vermutlich von fanatischen Islamisten verschleppt und umgebracht wurden, lehrt viel über Mut, Willenstärke und Mitmenschlichkeit. Und es zeigt, was passiert, wenn Hass und Verblendung Überhand nehmen. Trotz seines brisanten Themas vermeidet Beauvois’ gerade zum Ende hin hochemotionaler Film vorschnelle Schuldzuweisungen und Erklärungen. Auch wird der Islam keineswegs mit den Gräueltaten der Terroristen gleichgesetzt. „Von Menschen und Göttern“ lässt vielmehr klar erkennen, dass die Religion von manchen nur als Vorwand für ihre Interessen missbraucht wird. Letztlich sind die Mönche – und nicht nur sie – Opfer eines blutigen Krieges zwischen der korrupten algerischen Regierung und religiösen Fanatikern.

Beauvois wählte für seine in gewissen Momenten durchaus auch hoffnungsvolle Geschichte die wohl beste, weil passgenaueste Form. Das asketische, karge Leben der Mönche, ihr streng nach sieben Stundengebeten ausgerichteter Tagesablauf, all das fand in der Narration und Bildästhetik seine filmische Entsprechung. Die zahlreichen, wiederkehrenden choralen Gebete und Gesänge erzeugen hierbei wie die übrigen Alltagsbeobachtungen einen beinahe kontemplativen Erzählrhythmus, dessen schroffe Unterbrechung mittels Gewalt und Terror umso mehr erschüttert.

Wie schon in Philip Grönings Dokumentation „Die große Stille“ über das Kartäuserkloster „La Grande Chartreuse“ öffnet die authentisch nachgestellte Ruhe des Klosterlebens das Tor zu einer anderen, den meisten von uns fremden Welt. Ob die von Beauvois zum Ende hin forcierte Anlehnung an das letzte Abendmahl zwingend notwendig gewesen wäre, darf indes bezweifelt werden. Die emotionale Aufdringlichkeit dieser mit Tschaikowskys Schwanensee unterlegten Szene, in der aus ehrbaren Männern plötzlich Martyrer gemacht werden, ist jedoch nicht mehr als ein kleiner Makel an einem ansonsten nahezu perfekten Film.

Marcus Wessel

Maghreb –Algerien. Weitab gelegen von jeglicher Zivilisation in bergigem Wüstengebiet liegt ein katholisches Trappistenkloster. Neun Mönche sind da versammelt. Sie sind in erster Linie Gottesmänner, aber sie helfen auch den Bewohnern des nahe gelegenen Dorfes. Behandelt doch beispielsweise der Mönchsarzt zuweilen über hundert Patienten am Tag. Doch nicht nur das. Die Mönche sind mit den muslimischen Dorfbewohnern auch gut befreundet und verkaufen auf deren Markt ihren Honig.

Mehrmals am Tag treffen sie sich zu Gebet und Gesang.

Dann arbeiten sie – als Gärtner oder in der Küche. Und sie meditieren. Sie bereden miteinander, was ihnen wichtig erscheint.

80er, 90er Jahre. Die Mudschaheddin kämpfen gegen die Regierungsgewalt im Lande. Und gegen alle Andersgläubigen, von ihnen „Ungläubige“ genannt. Denn sie sind fanatische, extremistische Muselmänner.

Es dauert denn auch nicht lange, bis das Kloster überfallen wird. Dieses Mal geht es noch gut, weil der Abt den Rebellen so entschieden entgegentritt. Doch die Ruhe ist dahin. Manche Mönchsbrüder hat die Angst befallen. Sie wollen das Kloster verlassen. Andere bleiben aus religiös-humanistischen Gründen standhaft. Wieder andere werden überlegen, was sie tun sollen.

Letztlich bleiben sie doch. Der Glaube und der Gemeinschaftssinn haben den Sieg davongetragen.

Tragisch endet das Leben der meisten von ihnen gleichwohl. Denn sie werden von den Rebellen als Geiseln genommen – und 1996 ermordet.

Denn es handelt sich bei diesem Film um die Nachbildung einer wahren Geschichte.

Grand Prix der Jury von Cannes 2010. Das sagt doch einiges. Tatsächlich handelt es sich um einen großartigen Film: über endgültige Frömmigkeit, über tiefen Humanismus, über die Festgefügtheit einer Gemeinschaft, über das Zusammenleben zwischen Christen und Andersgläubigen und nicht zuletzt über die unbedingte Notwendigkeit des Kampfes aller gegen extremistisch-terroristische Ideologie und « Religiosität ».

Man kann jedem nur empfehlen, diesen beachtlichen geistigen Entwurf in Filmkunsttheatern und Programmkinos in sich aufzunehmen.

Thomas Engel