Vorne ist verdammt weit weg

Seit Jahren ist Frank-Markus Barwasser mit seiner Figur Erwin Pelzig auf deutschen Kabarettbühnen, im Radio und Fernsehen zu erleben. Nun versucht er seinen leicht tollpatschigen Charakter ins Kino zu bringen; mit durchwachsenem Erfolg. In Momenten gelingen pointierte, entlarvende Momente, oft jedoch spürt man die Schwierigkeit, ein komplexes Ganzes entstehen zu lassen, dass mehr ist als Füllmaterial zwischen einzelnen Szenen.

Webseite: www.vorne-derfilm.de

Deutschland 2007
Regie: Thomas Heinemann
Buch: Thomas Heinemann & Frank-Markus Barwasser
Darsteller: Frank-Markus Barwasser, Philipp Sonntag, Christiane Paul, Peter Lohmeyer, Tobias Oertl
Verleih: NFP
Kinostart: 27. Dezember 2007

PRESSESTIMMEN:

Erster Kinoauftritt eines Kabarettisten, bei dem es weniger um satirische Kritik an den Missständen als um positive Werte geht: ein sozialromantisches Märchen mit augenzwinkerndem Humor.
film-dienst

Eine verwegene Wirtschaftsposse, die von herrlich überdrehten Situationen und ihrem subversiv-naiven Helden lebt.
Der Spiegel

Weitere Pressestimmen auf film-zeit.de

FILMKRITIK:

Erwin Pelzig ist eigentlich ein netter, hilfsbereiter Mensch. Nur sind diese Tugenden gepaart mit einer gewissen Nachlässig- und Unachtsamkeit, die gute Absichten allzu oft in mehr oder weniger großen Katastrophen enden lassen. Gleich zu Beginn etwa versucht er nicht mehr, als seinem Nachbarn Johann Griesmaier (Peter Lohmeyer) bei der Autoreparatur zu helfen, und schon liegt das Auto auf Griesmaier und der im Krankenhaus. Hilfsbereiter Mensch der Pelzig ist, ist es selbstverständlich, dass er Griesmaiers Job übernimmt: Chauffeur des örtlichen Industriemagnaten Bieger (Philipp Sonntag). Nicht das Pelzig besonders gut Auto fahren könnte oder gar wüsste, dass man sich als Chauffeur nicht bei seinem Chef zum Kaffee einlädt. So nimmt die Abfolge von kleinen Katastrophen seinen Weg. Pelzig bekommt Einblicke in das Unternehmen Bieger, das Einkaufswagen herstellt. Doch ein schmieriger Unternehmensberater hat den Urlaub von Bieger Senior genutzt, um sich an Melanie, die Tochter des Hauses ranzumachen. Die Wirtschafts-Anglizismen sprudeln nur so aus dem Mund dieses windigen Vogels, der am liebsten die gesamte Produktion ins Ausland verlegen würde. Zu diesem Zweck versucht er Bieger Junior dessen Anteile an der Firma abzukaufen, was nicht schwer fällt: Der Junior ist ein rechter Depp und fühlt sich vom Vater nicht gewürdigt. Währenddessen macht Pelzig die Bekanntschaft der Edelprostituierten Chantal (Christiane Paul), die vor ihrer Umschulung – wie sie es nennt – als Wirtschaftsanwältin gearbeitet hat. So kommt es wie es kommen muss: Pelzig erkennt langsam, welches Komplott er entdeckt hat und versucht den Plan zu vereiteln. Nicht aus Liebe zu einem Unternehmer, sondern um Griesmaier den Job zu retten. Denn wenn es kein Unternehmen mehr gibt, wird auch kein Chauffeur mehr benötigt.

Man merkt, „Vorne ist verdammt weit weg“ hat sich viel vorgenommen. Über weite Strecken wirkt der Film wie eine Kabarettveranstaltung, deren gesellschaftskritische Aussagen mühsam mit halbwegs passenden Bildern unterlegt wurden. Auf wenig subtile Weise werden diverse echte und vorgebliche Auswüchse der Globalisierung gezeigt, allerdings selten über populistisches Stammtischniveau hinaus. Die Figuren, vom Wirtschaftsberater, über die verwöhnten Kinder bis zur sprichwörtlichen Hure mit dem Herzen aus Gold, verhalten sich exakt so, wie man das erwartet, was die Kritik an den gesellschaftlichen Zuständen in Deutschland nicht unbedingt überzeugender macht. Trotz allem ist Erwin Pelzig die Rettung des Films. Auch wenn nicht jeder Gag, jede Bemerkung trifft, verleiht Frank-Markus Barwasser seine Figur doch mit einem Charme, dem man sich nur schwer entziehen kann und deretwegen man die Schwächen des Films gelassener hinnimmt.

Michael Meyns