Vorsicht Sehnsucht

Eine Tasche wird gestohlen, eine alltägliche, banale Begebenheit, die eine zufällige Kette von Ereignissen in Gang setzt, eine amour fou, einen Thriller, ein weiteres Spiel mit imaginierten und tatsächlichen Realitäten aus der unerschöpflichen Phantasie von Alain Resnais. Seinen 18. Film legt der inzwischen 87jährige Regisseur hier vor, ein verschachteltes, komplexes Werk, das im aktuellen Kino seinesgleichen sucht.

Webseite: www.schwarzweiss-filmverleih.de

OT: Les Herbes Folles
Frankreich 2009
Regie: Alain Resnais
Darsteller: Sabine Azéma, André Dussollier, Anne Consigny, Emmanuelle Devos, Mathieu Amalric, Michel Vuillermoz
Länge: 104 Min.
Verleih: Schwarzweiss Filmverleih
Kinostart: 22. April 2010
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Wie soll man anfangen, wo soll man beginnen, Alain Resnais neuesten Film zu beschreiben? „Vorsicht Sehnsucht“ ist so reich an Motiven, Verweisen, Andeutungen, stilistisch so vielfältig, faszinierend, mitreißend – und schwer zu fassen. Die Geschichte an sich, der reine Plot, ist schnell erzählt: der Pensionär Georges (André Dussolier) findet ein Portemonnaie und beginnt die Besitzerin Marguerite (Sabine Azéma) allein auf Grund ihres Fotos zu begehren. Irgendwann gibt die nach, trifft Georges, aber auch dessen Frau Suzanne (Anne Consigny), es entwickelt sich nicht wirklich eine Dreiecksbeziehung, die ebenso abrupt endet, wie sie beginnt.

Dieses karge Gerüst, herausgelöst aus einem Unterhaltungsroman von Christian Gailly, ist weniger der Grund für Resnais, diesen Film zu drehen, als Anlass, sich mit den Themen zu beschäftigen, die sein ganzes Werk bestimmen. Vom ersten Moment an ist ein Erzähler zu hören, ein reflektierter dazu, der nicht nur zusätzliche Informationen zum Gezeigten liefert, sondern die Geschehnisse auf der Leinwand kommentiert, in Frage stellt, versteckte Hinweise liefert. Einmal mehr geht es Resnais also um das Geschichtenerzählen, um die Möglichkeiten einer Erzählung, die wie zufällig diesen oder jenen Weg einschlagen kann.

Immer wieder sieht man in der ersten Hälfte des Films, in deren Fokus Georges steht, wie dieser sich eine Begegnung mit Marguerite ausmalt, wie er sich (Telefon-)Gespräche vorstellt, verschiedene Versionen durchspielt und wieder verwirft, wie die Realität mit der Fantasie verwischt. Gleichzeitig ist er von seiner Neugier bestimmt – die bisweilen mehr einer unbestimmten Obsession ähnelt –, vom Versuch, eine Alternativversion zu seinem eigentlich sehr harmonischem Leben mit Suzanne zu imaginieren.

Die zwei Frauen, die zwei Leben kontrastiert Resnais mit markanter Farbdramaturgie. Immer wieder setzt er grelle, klare Farben ins Bild: Ein sattgrüner Rasen, rotdurchtränkte Räume, kühles Blau, weiches Gelb. Klar zugeordnet ist keine Farbe einer bestimmten Frau, einem bestimmten Typ, es wird frei assoziiert, improvisiert, mit einer Leichtigkeit, die atemberaubend ist. Schwerelos bewegt sich die Kamera durch die Räume, fährt oft von ganz weit oben auf die Figuren herunter, fängt sie in fließenden Bewegungen ein, nutzt alle Möglichkeiten des Films, ohne zum Selbstzweck zu verkommen.

Vielleicht muss man „Vorsicht Sehnsucht“ (Der Originaltitel „Les Herbes Folles“, übersetzt „Die wilden Gräser“ trifft die Atmosphäre des Films viel besser) eher literarisch als filmisch verstehen. Man müsste diesen Film sehen können, wie man ein Buch liest, mit der Möglichkeit zurückzublättern, die subtil reichhaltigen Voice-Over Kommentare, die zudem von verschiedenen Personen stammen, noch mal zu hören, genau wahrnehmen zu können, zurückzublicken, um visuelle Dopplungen zu erkennen oder einfach um pointierte Dialogszenen noch mal sehen zu können. Ein enorm reichhaltiger Film, von betörender Eleganz, großer Komplexität, wie man sie von einem der letzten ganz großen Meister des Kinos erwartet kann.

Michael Meyns

Alain Resnais gilt als Großmeister des Kinos, und doch legt er hier einen Film vor, der rätselhafter und teilweise fraglicher nicht sein könnte – auch wenn es in Paris dafür Lob gab (z.B. in „Le Monde“).

Marguerite wird auf der Straße die Handtasche entrissen. Wenigstens hinterlässt der Dieb in einer Tiefgarage die Brieftasche.

Der Rentner Georges findet diese, und sofort setzt sich bei ihm ein Gefühl sonderbarer Neugierde in Bewegung. Zu gerne würde er die Inhaberin der Brieftasche sofort kennen lernen. Aber dann gibt er seinen Fund doch zuerst einmal bei der Polizei ab.

Marguerite bedankt sich telefonisch bei Georges. Für sie ist die Sache damit erledigt, für ihn nicht. Sowohl er als auch sie führt ein geordnetes Leben – sie ist Zahnärztin -, also kein spezieller Anlass, sich zu begegnen.

Und dann kommt es doch zu einem, sogar zu mehreren Treffen – im Kino, im Café, beim Spazierengehen.

Georges ist zwar die treibende Kraft, doch so recht weiß auch er nicht, wohin alles führen soll. Was für eine Sehnsucht ist das? Will er aus seinem Leben ausbrechen? Möchte er ein Abenteuer? Oder ist es einfach nur die (im zugrunde liegenden Roman vorgegebene) Beschreibung seiner allgemeinen Befindlichkeit?

Marguerite ist Hobbypilotin. Es kommt zu einem Flug – und zu Loopings. Wie wird das ausgehen?

Resnais hält sich nicht an eine rationale Vorgehensweise, an dramaturgische Regeln, an eine logische Handlung, an eine plausible Conclusio. „Die Freiheit und Phantasie“ des Regisseurs rühmt die führende französische Zeitung „Le Monde“. Wenn man so will! Eines ist der Film auf jeden Fall: das reichlich mysteriöse Experiment eines Meisterregisseurs. Und eher etwas für hartgesottene, unbeirrte Cineasten.

Resnais: „Der französische Originaltitel ‚Les herbes folles’ (Die verrückten Gräser) passt zu den Charakteren, die vollkommen irrationalen Impulsen folgen und damit an jene Gräser erinnern, die mitten in der Stadt im Asphalt oder in ländlichen Gemäuern Wurzeln schlagen, eben dort, wo sie niemand erwarten würde“.

Thomas Engel