Vorwärts immer!

Eine Komödie um die letzten Tage der DDR ist Franziska Meletzkys „Vorwärts Immer!“, eine Verwechslungskomödie inklusive doppeltem Erich, die sich über die Führer des DDR-Regimes lustig macht – manchmal klamaukig, manchmal mit Witz und Originalität und manch überraschender Wendung.

Webseite: www.facebook.com/vorwaertsimmer

Deutschland 2017
Regie: Franziska Meletzky
Darsteller: Jörg Schüttauf, Josefine Preuß, Jacob Matschenz, Devid Striesow, Marc Benjamin, André Jung, Hedi Kriegeskotte, Alexander Schubert,
Länge: 100 Minuten
Verleih: DCM
Kinostart: 12. Oktober 2017

FILMKRITIK:

Ost-Berlin, Oktober 1989. Während auf den Straßen der Protest gegen das Regime immer lauter wird, finden im Theater die Proben für ein neues Stück statt. Im Mittelpunkt Otto Wolf (Jörg Schüttauf), begnadeter Imitator des Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker, der Gang und Nuscheln des ungeliebten Führers perfekt imitieren kann. Ein Talent, das bald zu unerwartetem Nutzen kommen soll, denn Wolfs Tochter Anne (Josefine Preuß) hält sich an diesem Montag ausgerechnet in Leipzig auf. Nicht, um an der immer größer werdenden Montagsdemonstration teilzunehmen, sondern um mit der Hilfe des jungen Revoluzzers August (Jacob Matschenz) einen West-Pass zu bekommen. Denn Anne will rübermachen, will die DDR hinter sich lassen. Nicht zuletzt weil sie schwanger ist, ausgerechnet von Matti (Marc Benjamin), Sohn des staatstreuen Schauspielers Harry Stein (Devid Striesow), der Ottos größter Konkurrent ist.
 
Da Honecker in seiner Verzweiflung an diesem Montag chinesische Methoden angeordnet hat, will sagen: Die Demonstrationen mit Panzer und Schießbefehl auflösen, sehen die Schauspieler um Wolf nur eine Möglichkeit: Wolf soll in der Rolle Honeckers den Schießbefehl zurücknehmen, doch dafür muss er in das Parteibüro. Und dort läuft ihm auch noch seine Frau Margot über den Weg.
 
Als Doppelgänger eines Diktators den Lauf der Geschichte ändern. Unweigerlich denkt man da an Chaplins „Der große Diktator“, der ebenso wie Lubitschs „Sein oder Nichtsein“ Vorbild für „Vorwärts Immer!“ gewesen ist, zwei große Klassiker also, die mit den Mitteln der Komödie über Diktaturen erzählen. Wobei zumindest Chaplin seinen Film im Nachhinein bereut hat: Im Wissen um die Ausmaße der Verbrechen des Nationalsozialismus hätte er seinen Film nicht gedreht hat er nach dem Krieg gesagt.
 
Ohne nun das Nazi und das DDR-Regime vergleichen zu wollen stellt sich im Laufe von „Vorwärts Immer!“ dennoch ein ums andere Mal die Frage des Umgangs mit einer Diktatur, die enorm viel Leid verursacht hat. Gerade weil die Führungsriege des Regimes, von Honecker über Krenz, von Mielke bis Schabowski, aber auch Statsi-Agenten, die Regimegegner verfolgen, als dümmliche Knallchargen dargestellt werden, die man kaum ernst nehmen kann.
 
In Momenten problematisch wirkt diese Banalisierung eines Unrechtsregime wohl vor allem deswegen, da „Vorwärts Immer!“ lange nicht über seine fraglos hübsche Grundidee hinausgeht, sich lange auf offensichtliche Komik verlässt und mit Mitteln einer Art Sketchrevue – die den Fernsehhintergrund von Autoren und Regie überdeutlich erkennen lässt – groben  Klamauk in den Mittelpunkt stellt. Erst zum Ende, wenn sich die Geschichte in Honeckers Landsitz Wandlitz zuspitzt, der echte auf den falschen Erich trifft und auch noch Margot zwischen ihnen steht, gewinnt die Komödie Witz und Originalität. Vor allem aber das Maß an Absurdität, das von Anfang an nötig gewesen wäre. Allzu lange bewegt sich „Vorwärts Immer!“ bis dahin zu vorsichtig dahin, um als wirkliche Satire zu überzeugen und wirkt dadurch oft wie eine etwas fragwürdige Banalisierung einer Diktatur.
 
Michael Meyns