Wanda

Lange Zeit in Vergessenheit geraten, gilt „Wanda“ heute als Meistwerk des unabhängigen Films und US-Autorenkinos. Als der unangepasste Mix aus Sozialdrama, Doku und Roadmovie 1970 veröffentlicht wurde, nahm fast niemand Notiz von Barbara Lodens erstem – und einzigem – Langfilm. Durch die Wiederaufführung nach über einem halben Jahrhundert erfährt die Produktion jene Aufmerksamkeit und Würdigung, die sie verdient. „Wanda“ erzählt kompromisslos ehrlich und betont schlicht von einer Frau am Rand der Gesellschaft, die zwischen sozialer Isolation und zutiefst toxischen Beziehungen ums Überleben kämpft.

 

Über den Film

Originaltitel

Wanda

Deutscher Titel

Wanda

Produktionsland

USA

Filmdauer

107 min

Produktionsjahr

1970

Regisseur

Loden, Barbara

Verleih

Grandfilm GmbH

Starttermin

09.04.2026

 

Seitdem Wanda (Barbara Loden) beschlossen hat, ihren Mann und die Kinder zu verlassen, treibt sie ziellos durchs ländliche Pennsylvania. Ohne Job stürzt sie sich von einer Beziehung in die nächste. In einer Kneipe trifft sie eines Tages auf den Kleinganoven Mr. Dennis (Michael Higgins). Eine Begegnung, die Wandas Leben von Grund auf verändert. Gemeinsam versuchen sie, sich eine Existenz aufzubauen – bis ein Banküberfall mit tragischem Ende ihre Pläne zunichtemacht.

Über 55 Jahre nach ihrer Entstehung kommt die sozialkritische Indie-Perle runderneuert in 4K in die Kinos. In Deutschland lief „Wanda“ in den letzten Jahrzehnten vereinzelt nur im Rahmen von Retrospektiven sowie auf wenigen ausgewählten Festivals. Der für ein Budget von rund 100 000 Millionen Dollar realisierte Film ist in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich. Als er 1969 gedreht wurde, waren Regisseurinnen im männlich dominierten US-Filmgeschäft noch eine absolute Ausnahme. Barbara Loden übernahm bei „Wanda“ nicht nur Regie – sie schrieb auch das Drehbuch und spielte die Hauptrolle. Eine an Originalschauplätzen in Pennsylvania und Connecticut gedrehte One-Woman-Show, in der Loden ihre eigenen Visionen vollends verwirklichen konnte.

„Wanda“ entstand außerdem zu einer Zeit, in der Schauspielerinnen oft die fürsorgliche Ehefrau und Mutter oder, im Gegenteil dazu, eine verführerische, geheimnisvolle Femme fatale spielten. Die titelgebende Hauptfigur in „Wanda“ ist nichts davon. Sie ist mit sich und ihrem Leben überfordert. Wanda lässt sich durch den immer gleichen Alltag aus Kneipen- und Kinobesuchen, flüchtigem Sex und Spaziergängen durch die karge Bergbauregion und die trostlosen Kohlehalden ihrer Heimat treiben.

Dennoch ist sie keine schwache, rein passive Figur, denn sie trifft eine mutige und selbstbewusste Entscheidung, durch die sie schließlich gesellschaftlich und sozial an den Rand gedrängt wird: Sie verlässt ihre Familie. Weil sie es so will und es in ihrem bisherigen Leben als Frau am Herd nicht mehr aushält. Wanda verweigert sich der ihr durch die Gesellschaft zugeschriebenen „Hausfrauen“-Rolle.

Tragischerweise manövriert sie dieser Entschluss über Umwege dann doch wieder in die Abhängigkeit. Ihre Mittellosigkeit und soziale Isolation zwingt Lodens Antiheldin dazu, sich auf obskure Typen einzulassen, die sie beschimpfen, klein halten und mit abfälligen Bemerkungen überziehen. „Du hast nie etwas zustande gebracht“, muss sie sich von Mr. Dennis anhören, der Wanda immerzu abwertet und kritisiert. Barbara Loden ist phänomenal als psychisch labile, unterdrückte und instinktiv handelnde Wanda. Mit ihrem virtuosen, von roher Präsenz geprägten Spiel führt sie einen an die Grenze des Erträglichen. Aufseiten des Betrachters entsteht ein Gefühl der Ohnmacht: Man kann nicht eingreifen, möchte Wanda aus ihren toxischen Beziehungen aber unbedingt befreien.

„Wanda“ ist ein ruhig erzählter, minimalistisch wirkender Film, auf den man sich bewusst einlassen sollte. Minutenlang folgt Loden der Protagonistin durch ihren Alltag, oft geht sie durch Panoramaaufnahmen dabei richtiggehend „auf Distanz“ zu ihr. Ferner setzt die 1980 im Alter von nur 48 Jahren gestorbene Regisseurin auf lange Passagen ohne Dialoge. Auch auf Hintergrundmusik verzichtet sie fast völlig, stattdessen hört man die natürlichen Umgebungsgeräusche.

Dieser Umstand sowie die Tatsache, dass Laiendarsteller zum Einsatz kamen und viele Szenen improvisiert wirken, verleihen „Wanda“ etwas Dokumentarisches. Dazwischen findet Loden aber immer wieder den Mut für surreale, fast verstörende Regie-Einfälle. Etwa wenn sie Wanda und Mr. Dennis einen abgeschieden gelegenen, religiösen Themenpark besuchen lässt, in dem es vor ominösen Besuchern und seltsamen Nachbildungen biblischer Motive und Themen nur so wimmelt.

 

Björn Schneider

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