Was bleibt

Hans-Christian Schmid gehört zum exklusiven Club deutscher Regisseure mit makelloser Filmgrafie. Dass er schlechtes Kino nicht kann, beweist der „Requiem“-Macher auch diesmal auf eindrucksvolle Art. Erzählt wird vom gemütlichen Familientreffen in einer vornehmen Villa, das immer bedrohlicher aus dem Ruder läuft. Die beiden erwachsenen Söhne haben ebenso ihre Geheimnisse wie die Eltern. Die Fassaden bröckeln, das Drama nimmt seinen Lauf. Mit psychologischer Präzision, punktgenauen Dialogen sowie exquisiter Besetzung gelingt Schmid eine famose Vermessung der Familienwelt.

Webseite: www.was-bleibt.pandorafilm.de

Deutschland 2012
Regie: Hans-Christian Schmid
Drehbuch: Bernd Lange
Darsteller: Lars Eidinger, Corinna Harfouch, Ernst Stötzner, Sebastian Zimmler, Picco von Groote, Egon Merten, Birge Schade, Eva Meckbach, Gerhard Hermann
Filmlänge: 85 Minuten
Verleih: Pandora
Kinostart: 13. September 2012

PRESSESTIMMEN:

Ein genau beobachtetes Psycho-Drama…
DER SPIEGEL

FILMKRITIK:

Es sollte ein gemütliches Familienwochenende werden. Der Schriftsteller Marko (Lars Eidinger) kommt mit seinem kleinen Sohn Zowie aus Berlin zu einem seiner nicht gerade häufigen Besuche bei den wohlhabenden Eltern auf dem Land. Sein jüngerer, in der Nähe wohnender Bruder Jakob (Sebastian Zimmler), ein Zahnarzt, ist mit seiner Freundin gleichfalls mit von der Partie. Dass Vater Günter (Ernst Stötzner) den Söhnen eröffnet, seinen Verlag zu verkaufen, ist die erste Überraschung des Tages. Weitreichender fällt die Enthüllung der Mutter (Corinna Harfouch) aus. Die seit Jahrzehnten unter Depressionen leidende Gitte verkündet, dass sie vor zwei Monaten ihre Psychopharmaka abgesetzt habe und fortan auf Pillen verzichten wolle.

Die Familie ist so schockiert wie besorgt. Derzeit geht es Gitte zwar augenscheinlich gut, aber was, wenn die Krankheit wieder Oberhand gewinnt? Marko findet die neue selbstbestimmte Freiheit seiner Mutter spontan prima – aber er wäre im Fall der Fälle ja auch weit weg im fernen Berlin. Sehr viel näher am Geschehen ist Jakob, dem die Idee ganz und gar nicht gefällt. Noch weniger ist Günter von den Plänen seiner Gattin begeistert. Die drohende Gebrechlichkeit von Gitte durchkreuzt nicht nur seine großen Reisepläne, auch ein gut gehütetes Geheimnis droht aufzufliegen. Den Lügengebäuden der Söhne droht gleichfalls der Kartenhaus-Kollaps. Die Ehe von Marko ist am Ende, sein erfolgloser Bruder ist praktisch pleite.

Bevor alle ihren persönlichen Offenbarungseid leisten, wird noch leidlich gestritten und gefeiert. „Brauche ich Kalendersprüche, dann lese ich einfach dein tolles Buch“ zischt der besorgte Jakob seinen Bruder an. Worauf der dem überambitionierten Softie entgegnet, mit seinem ewigen Helfersyndrom ja schon im Kindergarten fremde Kids mit frischen Windeln versorgt zu haben.

Bei einer kleinen Waffenpause der Streithähne setzt sich der Sohn ans Klavier, die Mutter singt und Papi stimmt mit ein zu „Du lässt dich gehen“ von Charles Aznavour. Die bewegende Tanzszene, die sich daraus entwickelt, bietet geradezu Klassikerqualitäten. Den Akteuren, ohnehin in Bestform-Modus, bereitet dieses Kabinettstückchen sichtlich Vergnügen. Die Harmonie hält freilich nicht lange vor. Denn plötzlich ist Gitte verschwunden. Nachdem auf einem Waldparkplatz ihr verlassener Renault R 4 gefunden wird, beginnen Familie und Polizei mit einer großen Suchaktion.

Was zum bräsigen Kammerstück à la „Kleines Fernsehspiel“ geraten könnte, fällt bei Schmid alles andere als altbacken und schwerfällig aus. Wie schon bei „Requiem“ und „Sturm“ gelingt seinem Drehbuchautor Bernd Lange ein präziser Blick auf das Verschweigen und Verdrängen. Seine gekonnt gedrechselten Figuren fallen rundum schlüssig und glaubhaft aus und laden so zum Mitfühlen und Wiedererkennen ein. Psychologisch bestens ausgepolstert werden alle drohenden Klischee-Klippen souverän umschifft. Wie üblich setzt Schmid auf das Weniger-ist-Mehr-Prinzip, verzichtet auf dramaturgischen Ballast oder geschwätzigen Schnickschnack und wirkt mit dieser Konzentration auf das Wesentliche umso spannender. Der Regisseur, der einst schon Franke Potente, August Diehl oder Sandra Hüller für das Kino entdeckt hat, setzt die Trüffelschwein-Tradition nun mit Sebastian Zimmler fort. Der leinwandpräsente Newcomer mit prominenter Bühnenerfahrung hält sich bestens zwischen seiner hochkarätigen Film-Familie. So bleibt „Was bleibt“ als einer der gelungensten deutschen Filme in diesem Jahrgang im Gedächtnis – bei Hans-Christian Schmid keine große Überraschung.

Dieter Oßwald

Eine halbgroßbürgerliche Allerweltsfamilie. Günter Heidtmann hat soeben seinen Verlag abgegeben und freut sich auf die Zeit, die er nun hat. Verheiratet ist er mit Gitte, die jedoch von einer nicht genau definierten mentalen Krankheit befallen ist. Und doch will sie jetzt aufhören, Medikamente zu schlucken. Sie möchte endlich für voll genommen werden.

Marco ist der eine Sohn der Heidtmanns. Seine Frau ist die Tine. Die Ehe ist mehr oder minder kaputt. Der kleine Zowie ist ihr Kind. Wohl deshalb sind sie noch zusammen.

Jakob, der andere Sohn, ist mit Ella verlobt. Seine Zahnarztpraxis läuft nicht. Er wird deshalb immer unsicherer, labiler, unerträglicher auch.

Günter hat „30 Jahre Arbeit in seine Ehe gesteckt“, wie er sagt. Nun hat er seit zwei Jahren Susanne angeschafft, mit der er nach Jordanien reisen will.

Was aber wird aus Gitte?

Ein gemeinsames Wochenende ist geplant. Die Familie will feiern. Doch es geht dramatischer und zweifelhafter zu als vorgesehen. Und es bleibt keineswegs bei dem unglücklichen Wochenende. Es geht so weiter. Marco und Tine allerdings scheinen daraus gelernt zu haben.

Hans-Christian Schmid gibt sich nicht mit leichten Stoffen ab. Seine vergangenen Filme (wie „Lichter“, „Requiem“ oder „Sturm“) beweisen es. „Was bleibt“ ist nicht weniger schwermütig. Der Film behandelt quasi amateurpsychologisch subjektive Einzelcharaktere und –probleme im familienmäßig obligatorischen Zusammenspiel. Beispielsweise in der Ehe, einer von Natur aus schwer durchlebbaren Einrichtung. Es wird gerungen, getröstet, gesucht, geliebt, verzweifelt, verloren. Ausgedacht (Drehbuch Bernd Lange) und dramaturgisch aneinander gereiht ist das gut. Allerdings keine leichte Kost – zum Teil von den Beteiligten selbst erfahren.

Selbstredend steht und fällt ein solches Psycho-Stück auch mit den Darstellern. Corinna Harfouch ist Gitte. Sie verzweifelt an ihrem Status, dem einer aus purer Rücksicht nicht für voll Genommenen. Ernst Stötzner spielt den zwischen den Stühlen sitzenden Vater. Lars Eidinger ist Marco, Sebastian Zimmler Jakob. Beide Söhne spielen ihre unterschiedlichen Rollen gut. Auch Picco von Groote als Ella. Der Rest sind kleinere Parts.

Sehr schwermütiges, in seiner Lebensrealität jedoch ernst zu nehmendes Familiendrama.

Thomas Engel