Was du nicht siehst

Der Frankreich-Urlaub des 17-jährige Anton mit seiner Mutter Luzia und deren Liebhaber Paul entwickelt sich durch die Begegnung mit einem provokanten und mysteriösen Pärchen zu einem Thriller zwischen äußeren Bedrohungen und inneren Verführungen. Das Spielfilm-Debüt von Wolfgang Fischer gefällt durch ausgeprägten Stil und seine dichte Atmosphäre

Webseite: www.was-du-nicht-siehst.de

BRD 2009
Regie: Wolfgang Fischer
Buch: Wolfgang Fischer
Darsteller: Ludwig Trepte, Frederick Lau, Alice Dwyer, Bibiana Beglau, Andreas Patton
Länge: 89 Min.
Verleih: W-Film
Kinostart: 7.7.2011

PRESSESTIMMEN:

Stimmungsvoller Kunstkino-Mix aus Psychothriller, Mystery, Pubertätsdrama und Familientragödie.
KulturSPIEGEL

FILMKRITIK:

Die Fahrt in den Urlaub. Das Auto komprimiert auf französischen Landstraßen Erwartungen und andere Gefühle der kleinen Patchwork-Familie. Luzia will mit dem fast erwachsenen Sohn Anton noch einmal gemeinsam in die Ferien. Dabei tragen beide schwer am plötzlichen Tod von Ehemann beziehungsweise Vater. Luzias neuer Freund Paul wird von Anton ebenso skeptisch betrachtet wie der große schwarze Hund, den der Neue mitbringt. Dann fliegt aus Versehen der Zigarettenanzünder aus dem Autofenster und bleibt gefährlich in Großaufnahme vor der Kamera liegen. Ein mit vielen Reizen aufgeladenes Psycho-Spiel deutet sich nicht nur an.

Auf der Toilette einer Raststätte taucht hinter dem Sprung im Waschbecken-Spiegel ein junger Mann hinter Anton auf. Das provokante Lächeln unter leicht krummer Nase lässt den Jungen irritiert zurück, während der andere mit einer attraktiven Beifahrerin stilvoll in einen Citroen DS wegrast. Kurz darauf erlebt Anton einen weiteren seltsamen und erschreckenden Moment mit einem teerverschmierten Straßenarbeiter, der ihm Unverständliches zubrüllt.

Die endlich erreichte, schicke Ferienwohnung im Pinienwald verspricht Ruhe und Klarheit. Mit Blick aufs Meer ist sie an den Außenwänden komplett verglast. Nur ein innerer Kern lässt sich nicht durchschauen. Eine Situation, die vor allem nachts nach anonymen Anrufen immer bedrohlicher wird. Doch auch Anton lugt heimlich durch die Gardinen auf das schlafende Paar nebenan. Denn ausgerechnet dort ist das Pärchen von der Raststätte eingezogen. Anton lernt die Deutschen David und Katja bei einer Reihe ungewöhnlicher Treffen kennen. Mal als verführerische Frau im Pool. Mal beim erschreckend brutalen Auftreten Davids gegenüber aggressiven französischen Jugendliche. Anton steigt direkt in das Spiel von Anziehung und Abstoßung ein, läuft David wie ein Hund hinterher. Zu dritt erleben sie einen Pilztrip im benebelten Wald, zwischen Spiel und Ernst wirft man sich in einen Teich und Anton darf den beiden, die sich auch mal als verwaiste Geschwister ausgeben, bei sehr feuchten Küssen (neu-)gierig zuschauen.

Der – vielleicht etwas zu alt gecastete – Protagonist Anton steht zwischen naivem Kind, das in alten Urlaubserinnerungen mit der behütenden Mutter schwelgt, und einem (erstaunlich) unerfahrenen Jugendlichen, der eine verführerische, aber auch scheinbar gefährliche Art des Lebens ohne Eltern entdeckt. Ein Hauch von Rebellion gegen das Etablierte, gegen „die Familie“ lebt hier direkt nebenan. Eine reizvolle Alternative zum schwierigen Arrangieren mit Mutters Neuem. Anton verliert sich im immer weiter verschwimmenden Wechsel zwischen Surrealem und klaren Ereignissen. Nicht alles ist eindeutig einzuordnen, doch das angedeutete Untergehen wird im dramatischen Finale wohl tödlicher Ernst.

Wolfgang Fischer, der Film und Video an der Kunstakademie in Düsseldorf und auch an der Kunsthochschule für Medien Köln studierte, wollte mit seinen Spielfilm-Debüt „Was du nicht siehst“ einen „sehr archaischen und emotionalen Film (…) voller dunkler und rätselhafter Momente“ realisieren. Das ist ihm mit einen deutlichen Stil, mit eindringlicher Atmosphäre, perfekten Sets und guter Schauspielführung durchaus gelungen. Die psychologische Grundkonstellation des suchenden Antons ist klar. Die Situation einer vom virilen Fremden und inneren Zweifeln bedrohten Familie, die man aus einigen amerikanischen Filmen kennt, gewinnt hier durch viele inszenatorische und Ausstattungs-Ideen einen eigenen Charakter. Bedeutungsschwere Hinweise wie das ins Gebüsch weggeknickte „Zu vermieten“-Schild vor dem benachbarten Ferienhaus unterfüttern klassisch den Thriller, der am Ende gar einen Hauch von Horror bekommt. Das Ensemble spielt hervorragend, angefangen bei der auch zurückhaltend sehr charismatischen Bibiana Beglau („Die Stille nach dem Schuss“) als Mutter Luzia. Die stimmungsvollen, interessanten Bilder (Kamera: Martin Gschlacht) und die schwere Musik (Wilhelm Stegmeier) verstärken eine dichte Spannung. Auch wenn Fischers Wille zu einem eigenen Stil unübersehbar ist, blitzen Erinnerungen an Dominic Senas blutigen amerikanischen Reise-Trip „Kalifornia“, an Jan Krügers bedrohlichen Polen-Urlaub „Unterwegs“ oder auch an „Der junge Törless“ mit seinen Sado-Maso-Spielchen auf. Ob das alles, was man von Wolfgang Fischers Filmkönnen sieht, vielleicht zu offensichtlich ausgestellt ist, bleibt Geschmackssache. Dass man schon diesen, ersten Spielfilm nicht übersehen sollte, ist ganz klar.

Günter H. Jekubzik

Anton ist 17. Seinen Vater hat er quasi verloren, denn seine Mutter Luzia ist mit ihrem neuen Partner Paul zusammen. Offenbar hat Anton den Verlust des Vaters nicht ohne weiteres verschmerzt.

Die drei fahren in die Bretagne. Sie wollen sich erholen. Doch scheint in diesem Fall weder die Jahreszeit noch der Urlaubsort sehr geeignet.

Anton, der einen eher unreifen, unausgeglichenen sowie passiven Eindruck macht und sich mit Paul alles andere als wohl fühlt, lernt den Nachbarn David kennen, einen robusten, etwas unberechenbaren und im Umgang mit Anton ziemlich grobschlächtigen Kerl, der aber doch ein Gutes hat, nämlich seine attraktive Freundin Katja, in die Anton sich bald verliebt.

Antons Seelenzustand ist kritisch. Erholung und Frieden, wie ursprünglich geplant, findet er kaum. Ein Todesfall. Die französische Polizei registriert ihn als Unfall. Oder steckt ein Verbrechen dahinter? Und hat all dies mit Antons labiler psychischer Verfassung zu tun – etwas, „Was du nicht siehst“?

Der Urlaub ist zu Ende. Luzia und Anton kehren zurück. Was ist nun genau mit Paul geschehen? Hier ist auch Interpretation gefragt.

Ein schwermütiger, strikter, trister, unheilbeladener und stimmungsgeladener Film. Die durch Handlung und Thema gegebene mentale Schwere durchzieht das ganze Stück.

Konsequenter sehr beachtlicher Stil, ästhetisch bebildert, aber schwere Kost.

Die Rolle des Anton war sicherlich nicht einfach zu verkörpern. Nachwuchsmann Ludwig Trepte versucht sein Bestes. Gut auch Bibiana Beglau als Luzia, Frederick Lau als David sowie Alice Dwyer als Katja.

Thomas Engel