Weltstadt

Es war eine jener Taten, die den Ruf der brandenburgischen Provinz als Ort der Gesetzlosigkeit und des blühenden Rechtsradikalismus bestätigten: Zwei arbeitslose Jugendliche zündeten einen Obdachlosen an. Aus dieser Tat machte der junge Regisseur Christian Klandt seinen Abschlussfilm, der nun, nach seiner Erstausstrahlung im Fernsehen, in längerer Fassung ins Kino kommt.

Webseite: www.weltstadtderfilm.de

Deutschland 2008, 104 Minuten
Regie: Christian Klandt
Drehbuch: Christian Klandt
Darsteller: Florian Bartholomäi, Gerdy Zint, Karoline Schuch, Hendrik Arnst, Justus Carrière, Jürgen A. Verch
Verleih: X-Verleih
Kinostart: 5. November 2009
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Im Juni 2004 überfielen zwei Jugendliche einen Obdachlosen, schikanierten ihn, schlugen ihn und zündeten ihn schließlich an. Nur durch Zufall überlebte das Opfer schwer verletzt. Die Tat spielte sich in der brandenburgischen Kleinstadt Beeskow ab, die in den folgenden Tagen zu einem weiteren Symbol der Verrohung der Jugend, besonders der ostdeutschen, wurde. Zufälligerweise stammte der angehende Filmstudent Christian Klandt aus Beeskow und beschloss einen Film über die Tat zu drehen. Die Recherchen gestalteten sich jedoch schwierig: Schnell hatte sich ein Mantel des Schweigens ausgebreitet, wurden Entschuldigungen gesucht, verweigerten Bürger des Ortes jede Stellungnahme oder – noch schlimmer – zeigten keinerlei Mitleid mit dem Opfer. Der sei schließlich „nur“ ein Obdachloser gewesen und hätte dem Staat ohnehin nur auf der Tasche gelegen.

Für seinen ironisch betitelten Film „Weltstadt“ wählte Klandt eine distanzierte Herangehensweise. Er zeigt die Ereignisse am Tag der Tat, ohne zu werten, aber ohne dabei in wie auch immer geartetes Verständnis für die Tat abzugleiten. Diese Herangehensweise erinnert sicherlich nicht zufällig an Gus van Sants „Elephant“, der in auch strukturell ähnlicher Form das Schulmassaker von Littleton thematisierte. Auch Klandt beginnt mit dem Ende, dem morgen nach der Tat, als die beiden Täter ein letztes Mal telefonieren, einer langen Fahrt durch das so harmlos wirkende Dorf. Dann springt die Erzählung einen Tag zurück und beginnt eine Welt zu zeigen, in der Langeweile das Leben bestimmt, die Zukunft düster scheint. Till (Florian Bartolomäi) macht immerhin eine Lehre, erfährt aber von seinem Meister, dass er nicht übernommen wird. Sein Freund Karsten (Gerdy Zint) macht gar nichts. Die Schule hat er nicht beendet, in einem Altersheim leistet er Sozialstunden ab, sein Tag ist bestimmt vom rumlungern, trinken, Pornos schauen. Es ist ein desolates Leben, verstärkt durch die billige Digitalfilmästhetik, die alles noch grauer, noch karger erscheinen lässt. Sehr authentisch wirkt es, wie Klandt das Leben dieser Jugendlichen schildert, ihre Hoffnungslosigkeit, ihre unterschwellige Aggression, ihre Vorurteile. Wirklich Rechtsradikal sind weder Till noch Karsten, aber besonders der ältere, stärkere Karsten wirkt in seiner stets brodelnden Wut wie eine tickende Zeitbombe. Die dann aus nichtigem Anlass, gleichermaßen unvermittelt und zwangsläufig hochgeht. Ein bisschen wirkt Klandts Film wie ein hoffnungsloses Zeigen der Realität, die eben so ist, an der nichts zu ändern ist. Von einem Film wie „Weltstadt“ Lösungsvorschläge zu erwarten wäre allerdings auch verfehlt. So bleibt Christian Klandts Langfilmdebüt eine rohe, ungeschönte Bestandsaufnahme einer deutschen Realität.

Michael Meyns