Wer ist Hanna?

Ein Teenager und sein Vater werden von einer resoluten, eiskalten Geheimdienstagentin und ihren Schergen durch halb Europa gejagt. Aus dem vertrauten Grundriss bekannter Agententhriller erschafft der britische Filmemacher Joe Wright („Abbitte“) ein rasantes, verspieltes und hochemotionales Stück Kino, das sich nur schwer in die Vorgaben eines bestimmten Genres einordnen lässt. „Wer ist Hanna?“ verknüpft Elemente des Actionfilms mit Coming-of-Age-Anteilen und den Zutaten eines dunklen Märchens. Ein Erfolg auf ganzer Linie.

Webseite: www.wer-ist-hanna.de

OT: Hanna
USA/GB/D 2011
Regie: Joe Wright
Drehbuch: Seth Lochhead, David Farr
Musik: The Chemical Brothers
Darsteller: Saoirse Ronan, Eric Bana, Cate Blanchett, Tom Hollander, Olivia Williams
Laufzeit: 111 Minuten
Verleih: Sony
Kinostart: 26.5.2011

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Hanna (Saoirse Ronan) ist so ziemlich das Gegenteil eines normalen Teenagers. Dieses Anderssein erklärt sich bereits mit dem Ort, an dem sie aufwächst. Sie und ihr Vater Erik (Eric Bana) leben in einem kleinen Holzhaus mitten im Nirgendwo, genauer in den meist schneebedeckten Wäldern nahe des Polarkreises. Während andere Mädchen in ihrem Alter sich das erste Mal vorsichtig für Jungs zu interessieren beginnen, geht sie auf die Jagd nach Rentieren. Ihr Wissen über die Welt da draußen gründet sich nahezu ausschließlich auf die Erzählungen ihres Vaters. Hanna erscheint hungrig auf neue Erfahrungen und Begegnungen. Beim Anblick eines Flugzeugs packt sie endgültig das Fernweh. Sie will fort, auch wenn sie weiß, dass sie sich dadurch in große Gefahr begibt.

Die Gefahr erscheint jedoch zunächst weit weg und ist für Hanna nur in Gegenstand eines kleinen, unscheinbaren Ortungsempfängers sichtbar. Um von hier wegzukommen, muss sie dessen Peilsender aktivieren. Es ist der Beginn einer atemberaubenden, schweißtreibenden zugleich aber auch immer faszinierenden Hatz quer durch Europa, bei der sie und ihr Vater versuchen, auf getrennten Wegen an den zuvor ausgemachten Treffpunkt zu gelangen. Gejagt wird das Duo von mächtigen Verfolgern. Die resolute Geheimdienstlerin Marissa Wiegler (Cate Blanchett), die es augenscheinlich vor allem auf Hannas Vater abgesehen hat, will einen Erfolg um jeden Preis. Zu brisant erscheint das Geheimnis, dass in der DNA des Mädchens verborgen liegt.

Die Dynamik und Spannung, die Joe Wrights „Wer ist Hanna?“ von Beginn an ausstrahlt, ist selbst im Suspensekino eine Seltenheit. Dabei setzt der bislang nicht gerade im Actionfach anzutreffende Regisseur von Filmen wie „Stolz und Vorurteil“ und „Abbitte“ weniger auf aufwändige Materialschlachten denn auf faszinierende Charaktere und die Kraft einer mitreißenden, gleichwohl recht geradlinigen Story. Im Mittelpunkt steht dabei die 16-jährige Hanna. Mit einer Mischung aus Ronja Räubertochter und Lara Croft verkörpert „Abbitte“-Entdeckung Saoirse Ronan ihren physisch überaus anspruchsvollen Part. Ihr gelingt das Kunststück, dass wir das Interesse an Hanna nie verlieren. Schon in ihren Augen spiegelt sich Hannas faszinierende Wildheit und Kompromisslosigkeit, die beide als Motor und Antriebskraft des Films über die ganzen 110 Minuten hinweg glänzend funktionieren. Aber auch ihre Gegenspieler – und da vor allem Cate Blanchetts eiskalte Vater-Tochter-Jägerin – entwickeln in diesem erbarmungslos geführten, tödlichen Katz-und-Maus-Spiel eine beeindruckende Durchschlagskraft.

Meisterhaft ist schließlich auch die Verpackung. Die Ideen, die „Wer ist Hanna?“ in Bezug auf die Gestaltung von Bild, Ton und Schnitt durchziehen, sind mit dafür verantwortlich, dass sich die Geschichte so vehement in unser Gedächtnis einbrennt. Wright erschafft ein intensives Kinoerlebnis aus schnellen und bewusst entschleunigten Passagen, aus einerseits kinetischen Verfolgungssequenzen, die von den harten Bässen der „Chemical Brothers“ und einer vollkommen entfesselten Montage angetrieben werden, und andererseits ruhigen, intimen Momenten, in denen wir das Mysterium Hanna zu entschlüsseln versuchen. Die Choreografie der einzelnen, sehr harten und direkten Actioneinlagen setzt auf Handgemachtes und verzichtet gleichzeitig auf die schon länger ziemlich angesagte Wackeloptik – ein Segen und eine Seltenheit. Nicht fehlen darf bei Wright hingegen ein längerer One-Take-Shot, den man nach „Abbitte“ fast schon als sein Erkennungszeichen definieren könnte.

„Wer ist Hanna?“ ist letztlich ein Arthousefilm im Gewand eines rasanten Agententhrillers. Dort, wo andere Vertreter des Genres keinen Tiefgang, keine Seele und kein Gefühl entwickeln, schlägt hier ein vitales, sperriges und bisweilen finsteres Herz, das sich nur schwer bändigen oder in Kategorien einordnen lässt. Wrights visuell aufregender Trip quer durch Europa und Nordafrika – Hannas Abenteuer beginnt am Polarkreis und geht von dort aus über Marokko, Südspanien und Frankreich weiter bis nach Berlin – beinhaltet zwar manche Züge eines verschachtelten Geheimdienststücks, viel mehr als das ist er aber ein dunkles Märchen, in dem der böse Wolf ein besonders gerissenes Rotkäppchen jagt. Spätestens mit dem surrealen Finale in einem geschlossenen Freizeitpark dürfte klar sein, dass diese „Hanna“ mehr von den Gebrüder Grimm als von Jason Bourne in sich trägt.

Marcus Wessel

.