Westwind

1988, als das Ende der DDR ein Jahr später noch nicht absehbar war, brechen die beiden ostdeutschen Zwillinge Isabel und Doreen zu ihrer ersten Auslandsreise an den ungarischen Binnensee Balaton auf. In der sommerlichen Ferienidylle verliebt sich die 17jährige Isabel in den Hamburger Arne und sorgt bei den unzertrennlichen Schwester für ungewohnte Disharmonie. Denn Arne möchte seine frisch gewonnene Liebe zur Republikflucht überreden.
Regisseur Robert Tahlheim („Am Ende kommen die Touristen“) erzählt vor dem Hintergrund der deutsch-deutschen Realität der Vorwendezeit eine universelle Liebesgeschichte. Ihm gelingt das Kunststück, in seinem Liebesdrama die deutsche Geschichte ganz beiläufig mit einfließen zu lassen. Der Film, der auf einer wahren Geschichte basiert, zelebriert sommerliche Leichtigkeit und melodramatische Gefühlsstürme. Die Schwere und der Pathos eines Mauer-Dramas bleibt dabei weitgehend außen vor.

Webseite: www.westwind-film.de

Deutschland 2011.
Regie: Robert Thalheim
Darsteller: Friederike Becht, Luise Heyer, Franz Dinda, Volker Bruch
Länge: 90 Min.
Start: 25.8.2011
Verleih: Zorro-Film

PRESSESTIMMEN:

Der Film erzählt keine Fluchtgeschichte. ‘"Westwind’ ist ein zärtliches Melodram, das Abenteuer junger Seelen, deren unbedarfte Lebenslust sich in die großen Zeitläufe verstrickt. Es war der Sommer 1988. Niemand glaubte daran, dass einmal die Mauer fallen könnte.
ARD – Titel Thesen Temperamente


FILMKRITIK:

Im Sommer 1988, ein Jahr bevor die Mauer fällt, reisen die beiden ostdeutschen Zwillinge Isabel und Doreen an den Balaton, den Plattensee. Für die talentierten Ruderinnen ist das Trainingslager an dem ungarischen See der erste Auslandaufenthalt. Entsprechend groß ist die Vorfreude. Doch am Ankunftsbahnhof verpassen die beiden Mädchen vor lauter Aufregung den Bus, der sie zum Ferienlager bringen soll. Ausgerechnet zwei junge Westdeutsche, Arne und Nico aus Hamburg, nehmen die beiden in ihrem VW-Käfer mit. Bei gleichen Musikvorlieben – aus dem Kassettendeck scheppert der New-Wave-Sound von Depeche Mode – ist das Eis zwischen den Klassenfeinden schnell gebrochen. Doch Arnes Vorschlag, sich am Abend im Ort zu treffen, wird von Isabel kategorisch abgelehnt. Westkontakt, das wird den Mädchen von ihrem Trainer Balisch bei der verspäteten Ankunft noch einmal unmissverständlich eingebläut, ist streng verboten.

Arne und Nico aber sind in Ferien- und Abenteuerlaune. Und so tauchen die beiden Wessis am nächsten Tag uneingeladen im Lager auf, um die Zwillinge wieder zu sehen. Der Besuch bleibt für die Mädchen nicht ohne Folgen, fortan dürfen die Beiden nur noch mit der Erlaubnis des Trainers das Lager verlassen. Doch die Aussicht auf einen prickelnden Abend kann auch ein Ausgehverbot nicht trüben. Nachts geht es über den Zaun, um sich heimlich mit den Jungs zu treffen. Auf das erste Treffen folgen weitere, doch während Isabel und Nico nur fröhlich flirten, funkt es bei Doreen und Arne gewaltig. Dass ihre Schwester sich ernsthaft verliebt hat, bleibt auch Isabel nicht verborgen. Ihre Sorge, das Doreen sogar die gemeinsame Zukunft der beiden Zwillinge als Leistungssportlerinnen in Frage stellt, wird zur Gewissheit, als sie von den Fluchtplänen Arnes erfährt. Gemeinsam mit Nico schlägt er den beiden Zwillingen spontan eine Republikflucht vor und sorgt bei den unzertrennlichen Schwester zum ersten Mal für Disharmonie. Eine Entscheidung muss getroffen werden, mit unabsehbaren Konsequenzen für die Zwillinge.

Vor dem Hintergrund der deutsch-deutschen Realität der Vorwendezeit erzählt Regisseur Robert Tahlheim („Am Ende kommen die Touristen“) hier eine universelle Liebesgeschichte. Die enge Bindung zweier Menschen wird durch die Begegnung mit einem Dritten auf die Probe gestellt. Der Wunsch nach Veränderung und die Sorge, Vertrautes zu verlieren, bekommt hier angesichts der historischen Begebenheiten eine ganz eigene Brisanz. In dem Film, der auf einer wahren Geschichte basiert, wird die Ost-West-Thematik in ein sommerliches Ferienszenario nach Ungarn verlagert, dabei bleibt die Schwere und der Pathos eines Mauer-Dramas weitgehend außen vor. Stattdessen herrscht hier lange der leichte, unbeschwerte Tonfall einer sich anbahnenden Sommerliebe vor, bis sich die dramatische Situation immer mehr zuspitzt.

Robert Tahlheim gelingt das Kunststück, in seinem Liebesdrama die deutsche Geschichte ganz beiläufig mit einfließen zu lassen. Dabei kann er sich auf das sensible Spiel seiner jungen Darstellerriege verlassen, bei denen vor allem Friederike Becht und Franz Dinda als deutsch-deutsches Paar den Zuschauer emotional zu berühren verstehen.

Norbert Raffelsiefen

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