White Shadow

Weil Albino-Körperteile in Tansania als magische Talismane gelten, muss der Albino-Junge Alias in der Stadt untertauchen. „White Shadow“ erzählt in düsteren, zerhackten Bildern, aber mit großem Respekt vor seinen Figuren von einer schrecklichen und menschenverachtenden Tradition.

Webseite: www.temperclayfilm.de

Deutschland, Italien, Tansania/2013
Regie: Noaz Deshe
Drehbuch: Noaz Deshe, James Masson
Darsteller: Hamisi Bazili, Salum Abdallah,  James Gayo
Filmlänge: 115 Minuten
Verleih: Temperclayfilm
Kinostart: 6. November 2014

FILMKRITIK:

Als weiße Schatten ragen Kinderhände vor verträumte Bilder ziehender Wolken. Doch der Frieden und die Ruhe dieser Bilder sind trügerisch und verkehren sich umgehend ins Gegenteil. Aus Licht wird Dunkelheit, aus Ruhe wird Chaos.

Mit einer wackelnden Handkamera, die es dem Zuschauer schwer macht, den Bildern zu folgen, fängt Regssisseur Noaz Deshe in seinem Spielfilmdebut die Geschichte des Albino-Jungen Alias (Hamisi Bazili) ein, der auf Grund seiner Hautfarbe in der Dorfgemeinschaft eine Außenseiterrolle einnimmt. Doch die Diskriminierung ist tatsächlich das kleinere Übel, denn weitaus bedrohlicher gestaltet sich der traditionelle Schamanismus, der dem Albino-Körpern magische Wirkung zuspricht. So wird Alias’ Vater brutal ermordet, um sein Herz teuer an einen Hexenmeister zu verkaufen. Damit Alias nicht dasselbe Schicksal ereilt, schickt ihn die Mutter in die Stadt zu ihrem Bruder (James Gayo), der Alias zwar als Straßenverkäufer beschäftigt, dem Jungen aber keinerlei Zuneigung oder Wärme entgegen bringt. Nur in dem Albino-Jungen Salum (Salum Abdallah) findet Alias endlich einen Freund und Vertrauten. Das Leben als Straßenverkäufer ist hart, die Zusammenarbeit mit dem Onkel von Auseinandersetzungen geprägt. Und als dieser sich überschuldet, wird Alias von eben jener Gewalt eingeholt wird, vor der er zuvor geflohen ist.

Die wackligen Bilder, das Spiel mit Unschärfe und Close-Ups sowie Zeitsprüngen erschweren es dem Zuschauer erheblich, einen Zugang zu der Geschichte und ihren Figuren zu finden. Einige Szenen spielen sich in absoluter Dunkelheit ab und oft können die Ereignisse auf der Leinwand nur mit Hilfe der Geräusche erahnt werden. Chaos dominiert diese Geschichte, die Schnitte zerhacken Bewegungsabläufe und Handlungen bis zur Unkenntlichkeit. Es scheint, als wäre die Kamera stets zu nah an ihrem Objekt. So ist auch die Erzählung schwer nachzuvollziehen, offenbart sich eher in Momentaufnahmen als in einem roten Handlungsfaden. Lange Zeit ist auch die Richtung der Geschichte unklar, wodurch sich der Film trotz aller Hektik der Inszenierung unangenehm in die Länge zieht.

„White Shadows“ scheitert zwar daran, eine nachvollziehbare und packende Geschichte zu erzählen, öffnet jedoch die Tür zu einer fremden, düsteren und doch faszinierenden Welt, in der Menschen bei Spinnenkämpfen ihr letztes Hemd verwetten, Fremde als bezahlte Trauergäste für Beerdigungen angeworben werden und die weiße Hautfarbe zugleich als unheimlich wie auch als magisch gilt. Es ist wohl gerade die zerhackte Optik, die hier einen reißerischen Exotismus verhindert: Einige Passagen des Films wirken geradezu nüchtern dokumentarisch.

„White Shadows“ zeigt ein gespaltenes Afrika, in dem die Menschen sich auf Grund von Hautfarbe oder Religionszugehörigkeit feindlich gegenüber treten. Das Christentum in der Person eines örtlichen Pfarrers versucht der Kultur den Dämon, den Schamanismus, auszutreiben, doch der Exorzismus schlägt fehl. Und wenn alle Geister, welcher Religion auch immer, versagt haben, bleibt nur noch die Selbstjustiz in Form roher Gewalt.

In Tansania, dem Ort des Geschehens, gelten Körperteile von Albinos tatsächlich als Talismane und stellen einen beträchtlichen monetären Wert dar – ein Umstand, der immer wieder zu brutalen Hinrichtungen führt. Noaz Deshe findet eine anspruchsvolle, aber auch eindrucksvolle filmische Sprache, um diese schreckliche Realität auf die Leinwand zu bannen: Die Zerstückelung der Bilder spiegelt Schmerz, Angst und auch Wut der Betroffenen, versperrt aber auch so manchem Zuschauer den Zugang zu eben jenen Inhalten.
 
Sophie Charlotte Rieger