Bekannt wurde das österreichische Regieduo Elsa Kremser und Levin Peter mit dem bildgewaltigen Dokumentarfilm „Space Dogs“, der vierbeinige Außenseiter in den Mittelpunkt stellte. Nun versucht sich das Duo zum ersten Mal an einem Spielfilm, der jedoch immer noch stark dokumentarisch geprägt ist. In Belarus“ entstand „White Snail“, erzählt erneut von Außenseitern, die sich in einer fragilen Welt gegegnseitig für Momente Stabilität verleihen.
Über den Film
Originaltitel
White Snail
Deutscher Titel
White Snail
Produktionsland
AUT, DEU
Filmdauer
115 min
Produktionsjahr
2015
Regisseur
Kremser, Elsa / Peter, Levin
Verleih
Real Fiction
Starttermin
29.01.2026
Wie eine Elfe wirkt Masha (Marya Imbro), blond, zartes Gesicht, schlank, wie sie den Anweisungen ihrer Ausbilderin folgt, sich bewegt und für die angestrebte Modelkarriere trainiert. Irgendwo am Rand der belorussischen Hauptstadt Minsk lebt das kaum 20jährige Mädchen, der Vater ist in Polen und versucht, ein Ausreisevisum für seine Familie zu bekommen. In einem gesichtslosen Plattenbau lebt Mascha mit ihrer Mutter, die wenig mehr tut, als sich Sorgen zu machen, um die Zukunft, denn auch wenn es nicht vordergründig thematisiert wird, deuten im Hintergrund wabernde Nachrichten an, dass Putins Überfall auf die Ukraine tobt, vor allem aber um Mascha, denn die hat gerade einen Selbstmordversuch überlebt.
Im Krankenhaus lag sie neben einem Mann, der des Nachts verstarb, ein Moment, der eine seltsame Faszination auf das Mädchen ausübt. Ein paar Tage später taucht sie in einem Leichenschauhaus auf und gibt vor, nach ihrem Vater zu suchen. Der gut 40jährige Misha (Mikhail Senkov) lässt sie nach kurzem Zögern rein und zeigt ihr eine Leiche.
Es ist der Beginn einer Freundschaft zwischen zwei einsamen Menschen, die sich in ihren Träumen verlieren. Mascha will nach China, um dort zu modeln, Misha malt drastische, dramatische Bilder voller morbider Motive, voller Sex und Gewalt. Noli me tangere , berühre mich nicht, hat er am Hals tätowiert, nur eine von vielen Motiven auf seinem massigen Körper. Für eine gewisse Zeit geben sich Masha und Mischa Halt, kommen sich näher, bevor sie wieder auseinandergehen.
Streunende Hunde in Moskau, Laika, die erste Hündin im Weltraum, das waren die Protagonisten von „Space Dogs“, dem großen Festivalerfolg des österreichischen Regieduos Elsa Kremser und Levin Peter. Auch bei einem Festival in Belarus waren sie mit dem Film zu Gast, doch schon Jahre zuvor hatte Peter Mikhail Senkov kennengelernt, der tatsächlich in einem Leichenschauhaus arbeitete und privat verstörende Gemälde malte. Eine offensichtliche Figur für einen Film, doch eine in erster Linie dokumentarische Arbeit sollte es diesmal nicht werden, dafür erschien Senkov zu introvertiert. Also suchten Kremser und Peter nach einem Gegenüber für Mischa, einem Doppel und fanden sie in Marya Imbro, die selbst auch Model ist und mit Depressionen zu kämpfen hat.
Aus diesen beiden realen Personen wurden also die beiden Figuren für einen Film, der sich zwischen den Polen Spielfilm und Dokumentarfilm bewegt, diesmal aber deutlich zum ersteren neigt. Doch diese Wahl führt zwangsläufig dazu, dass dramaturgische Entscheidungen getroffen werden müssen, dass eine Geschichte erzählt wird, zwar nicht so straff wie in einem Mainstream-Film, die aber doch eine Entwicklung andeutet.
Nun vermeiden Kremser und Peter viele Fallstricke, lassen ihre Geschichte nicht in absehbare Richtungen laufen, erzählen nicht von Abgründen oder gar Missbrauch in der Modelwelt, belassen die Beziehung von Masha und Mischa auch im Platonischen. Stattdessen begnügen sie sich mit Andeutungen, mit Stimmungen, die aber immer wieder ins Leere laufen.
Vieles bleibt unklar, wird nur angedeutet: Die Faszination für den Tod, aber auch für das Mystische, der Wunsch, ein Land zu verlassen, das als enger Partner Russlands im Westen Sympathien verspielt hat. Überzeugend sind neben der Präsenz der beiden Protagonisten, die hier zum ersten Mal vor der Kamera stehen, vor allem die Bilder von Mikhail Khursevich, der einem Film optisch eine Einheit gibt, die das etwas zu lose Drehbuch nicht zu geben vermag.
Michael Meyns







