Man muss nicht jedes Mal das Rad neu erfinden, manchmal reicht auch die Variation von bekannten Mustern. In diesem Sinne überzeugt Jean-Pierre Amery „Wie das Leben manchmal spielt“ weniger durch seine Originalität, als durch seine beiden Hauptdarsteller, die zwei völlig unterschiedliche Figuren spielen, die überraschende Gemeinsamkeiten finden. Eine nach holprigem Start doch noch berührende Tragikomödie.
Über den Film
Originaltitel
Marie-Line et son juge
Deutscher Titel
Wie das Leben manchmal spielt
Produktionsland
FRA
Filmdauer
103 min
Produktionsjahr
2023
Regisseur
Améris, Jean-Pierre
Verleih
24 Bilder Film GmbH
Starttermin
02.10.2025
In Le Havre an der Atlantikküste fristet die 25jährige Marie-Line (Louane Emera) ein tristes Dasein. Mit ihrem seit einem Unfall am Bein amputierten Vater lebt sie in ärmlichen Verhältnissen und finanziert sich mit wechselnden Jobs. Aktuell bedeutet das Kellnern in einem Bistro, wo ihr eines Tages der Student Alexandre (Victor Belmondo) über den Weg läuft.
Eine Affäre beginnt, die schnell ihr Ende findet, denn Alexandre stellt auf einmal fest, das es so gar keine Interessen zwischen den Beiden gibt: Während er fast nur über das Kino nachdenkt und gerne aus Truffaut-Filmen zitiert, hat Marie-Line eigentlich gar keine Interessen.
Dass sie nun zur Seite geschoben und geghosted wird verletzt sie natürlich dennoch, sie will nicht von Alexandre lassen und wartet nachts auf ihn. Die Unterhaltung wird lauter, in ihrer Wut stößt Marie-Line Alexandre gegen ein Auto. Während Alexandre im Krankenhaus landet, findet sich Marie-Line vor Gericht wieder. Der zuständige Richter Gilles (Michel Blanc) erkennt zwar die Umstände an, verurteilt Marie-Line aber dennoch zu einer Geldstrafe, die sie nicht abbezahlen kann.
Flehend wendet sie sich an den Richter ihr zu helfen und der hat zufällig eine Idee: Da er gerade keinen Führerschein besitzt, engagiert er Marie-Line als Fahrerin, auch wenn deren baufälliges Auto wenig Verlässlichkeit ausstrahlt. Aus der Zweckgemeinschaft zwischen der ziellos durchs Leben taumelnden jungen Frau und dem griesgrämigen Richter, der wenig Spaß am Leben hat, entwickelt sich im Lauf von vielen Autofahrten eine innige Beziehung, an deren Ende beide voneinander profitiert haben.
Das sich Gegensätze Anziehen ist einer dieser Allgemeinplätze, aus denen das Kino ein eigenes Genre gemacht hat: Zwei völlig unterschiedliche Menschen, die durch bestimmte Umstände zusammengebracht werden, sich zusammenraufen müssen – und im Laufe des Films entdecken, dass sie doch mehr Gemeinsamkeiten haben, als es ihnen Anfangs bewusst war.
So bekannt wirkt dieses Muster inzwischen, das Autoren und Regisseure inzwischen dazu neigen besonders dick aufzutragen: So extrem werden die Unterschiede zwischen zwei Figuren inzwischen gerne ausgemalt, dass es dann oft schwer zu glauben fällt, dass diese beiden Menschen Gemeinsamkeiten finden.
In diesem Sinne entwirft auch Jean-Pierre Amery in „Wie das Leben manchmal spielt“ ein nur bedingt glaubwürdiges Konstrukt, entwirft zwei Figuren aus völlig unterschiedlichen Welten, die sowohl äußerlich als auch intellektuell nichts gemeinsam haben – nur um sie dann doch zu Vertrauenspersonen werden zu lassen.
Man sollte dieses Konstrukt aber schlucken, sollte die Unglaubwürdigkeiten der Handlung akzeptieren, denn dann wird man – ein wenig überraschenderweise – doch noch mit einer anrührenden Tragikomödie belohnt. Denn nach holprigem Beginn konzentriert sich Amerys Film ganz auf seine beiden Hauptfiguren, lässt den beiden Darsteller viel Raum: Michel Blanc als lebensmüder Anwalt, der im Beruf für Gerechtigkeit sorgen möchte, aber die Grenzen seines Tun nur zu gut erkennt und Louane Emera als junge Frau, die sich damit abgefunden hat, nicht mehr von sich und dem Leben zu fordern, als ihr auf Grund ihre gesellschaftlichen Klasse scheinbar zusteht. In pointierten Szenen kollidieren diese beiden Charaktere, entdecken langsam Gemeinsamkeiten, lernen von der intellektuellen und der emotionalen Erfahrung des jeweils anderen.
Was als allzu gewollte Konfrontationen zweier konträrer Figuren begann, entwickelt sich schließlich doch noch zu einer berührenden Tragikomödie an deren Ende beide Figuren aneinandergewachsen sind.
Michael Meyns