Wiedersehen mit Brideshead

Typischer als „Wiedersehen in Brideshead“ kann ein englischer Film kaum sein. Basierend auf dem allseits verehrten Roman von Evelyn Waugh führt Julian Jarrolds Film junge, schöne, überaus distinguiert agierende Vertreter Britanniens durch die mächtigen Gebäude Oxfords, herrschaftliche Landsitze und die malerischen Gassen Venedigs, stets auf der Suche nach sich selbst und der Liebe. All das ist wunderbar gefilmt, malerisch, schwelgerisch, allerdings auch eine Spur leblos.

Webseite: www.bridesheadrevisited-themovie.com

OT: Brideshead Revisited
Großbritannien 2007
Regie: Julian Jarrold
Buch: Jeremy Brock, Andrew Davies, nach dem Roman von Evelyn Waugh
Darsteller: Matthew Goode, Ben Whishaw, Hayley Atwell, Emma Thompson, Michael Gambon, Greta Scacchi
133 Minuten, Format: 1:2,35 (Scope)
Verleih: Concorde
Kinostart: 20. November 2008

PRESSESTIMMEN:

…auf film-zeit.de

FILMKRITIK:

Erzähler und Zentrum des Films ist der angehende Maler Charles Ryder (Matthew Goode), ein Vertreter der Mittelschicht, der, von seinem Vater mit einem äußerst knappen Stipendium bedacht, zum Studium nach Oxford aufbricht. Dort lernt er schnell den dandyhaften Sebastian Flyte (Ben Whishaw) kennen, der seinen Reichtum ebenso zur Schau trägt wie seine Homosexualität. Doch während sich Sebastian tatsächlich in Charles verliebt, ist Charles vor allem in das verliebt, was Sebastian repräsentiert: Die distinguierte, Champagner trinkende, verschwenderische Oberschicht. 

Symbol des Wohlstands ist das prachtvolle Herrenhaus Brideshead, zu dem die Erzählung immer wieder zurückkehrt. Mit den Augen Charles wird der Zuschauer durch das Haus geführt, vorbei an antiken Statuen und kostbaren Möbeln, durch endlose Zimmerfluchten, die vor allem leblos sind. Charles und Sebastian verbringen unbeschwerte Tage in Brideshead, sehr zum Unwillen von Sebastian Mutter Lady Marchmain (Emma Thompson). Diese ist eine geradezu fanatische Katholiken, die an der Homosexualität ihres Sohnes verzweifelt. Und auch ihre leichtlebige Tochter Julia (Hayley Atwell), in die sich Charles wirklich verliebt, bereitet ihr Kummer. So findet sich der junge, leicht naive Charles in einer Welt wieder, die ihn fasziniert, deren Teil er sein möchte, die er aber nicht mal ansatzweise durchschaut.

Das es ähnlich auch dem Zuschauer geht, liegt in der Natur der Sache: der Komprimierung eines vielschichtigen Romans auf etwas mehr als zwei Stunden. Die erste Verfilmung, eine BBC-Fernsehserie von Anfang der 80er Jahre (damals mit Jeremy Irons in seiner ersten großen Rolle) nahm sich satte elf Stunden Zeit, die komplexen Figurenverhältnisse, vor allem aber auch die zahlreichen Subtexte zu schildern. Denn der Roman ist weit mehr als die Geschichte einer unglücklichen Dreiecksbeziehung, als die der Film über weite Strecken erscheint. Angesiedelt in der kurzen Zeit zwischen den Weltkriegen, zeigt er die gesellschaftlichen Veränderungen, denen sich besonders der Adel ausgesetzt sah. Die Durchlässigkeit der Gesellschaft nahm zu, die Privilegien des Adels verschwanden sukzessive, dazu der alte neue Konflikt zwischen der anglikanischen Kirche und Rom. All diese Themen deutet der Film nur an, zuviel bloße Handlung will abgehakt werden, als das Zeit bliebe, wirklich in die Tiefe zu gehen. Besonders in der zweiten Hälfte des Films rast die Entwicklung nur so dahin, wird im Minutentakt geheiratet und gestorben. Da bleibt dann selbst für stillvolles Rauchen kaum noch Zeit, eine Tätigkeit die Anfangs noch in aller Ausführlichkeit ausgekostet wurde.

Auch wenn „Wiedersehen mit Brideshead“ unabhängig vom letztjährigen „Attonement“ produziert wurde, sind die Ähnlichkeiten nicht zu übersehen, was die Stärken, aber auch die Schwächen anbelangt. Komplexe Romane voller Liebe und Krieg auf das Nötigste reduziert, schöne elegante Menschen in ebensolchen Kostümen bewegen sich durch wunderbare Gebäude und Landschaften, agieren distinguiert und plagen sich mit der Liebe. Auch in „Wiedersehen mit Brideshead“ ist das hervorragend gemacht, aber letztlich unterscheidet sich dieser Film in nichts von allen anderen ebenso typischen Vertretern des distinguierten britischen Kostümfilms.

 

Michael Meyns

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Die Verfilmung des berühmten gleichnamigen Romans von Evelyn Waugh. Es geht darin um die alte exzentrische englische Adelsfamilie der Marchmains, um das Eindringen des Bürgerlichen Charles Ryder in diese Welt, um die Freundschaft des jungen Sebastian Marchmain zu Charles, um dessen unglückliche Liebe zu Julia Marchmain, um den unüberbrückbaren Gegensatz zwischen Atheismus und fanatischer katholischer Religiosität.

Charles freundet sich mit Sebastian in Oxford an. Sebastian, der Labile, der Homosexuelle, der Alkoholiker, der von der in seinem heimatlichen Palast Brideshead herrschenden bigotten Atmosphäre Angeekelte, will Charles nur noch für sich haben. Doch während einer gemeinsamen Reise nach Venedig, wohin sich Lord Marchmain mit seiner Geliebten Cara abgesetzt hat, kommen sich Julia und Charles näher. Sebastian ist entsetzt, flieht nach Marokko, taucht unter und geht unter.

Lady Marchmain hat für Julia andere Pläne. Diese muss den reichen, zum Katholizismus konvertierten kanadischen Geschäftsmann Rex Mottram heiraten. Charles, der Maler ist, hat in seinen Bildern den Dschungel zum Thema gemacht und schließlich ebenfalls geheiratet.

Weder Julia noch Charles sind in ihrer Ehe glücklich.

Nach Jahren begegnen sich beide wieder. Mottram würde seine Frau freigeben – doch Julia fühlt sich nicht frei sondern schuldig. Als der Lord zum Sterben nach Brideshead zurückkehrt, wird deutlich, dass die extreme Religiosität der inzwischen toten Mutter das Leben sowohl Sebastians als auch Julias total unfrei machte, ja eigentlich zerstörte.

Das Verhalten des Menschen wird durch sein Milieu bestimmt – nichts Neues. Wenn aber ein Milieu, noch dazu in Adelskreisen, gesellschaftlich wie religiös derart verkrustet ist, wie es in diesem in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts spielenden Roman am Beispiel der Marchmains gezeigt wird, gehen die Menschen kaputt. Dazu kommt hier noch die unvermeidliche Konfrontation mit einer anderen sozialen Schicht. Das Drama, ja die Tragödie, ist programmiert. 

In dem – den Roman bis zu einem gewissen Grade abwandelnden – Film wird das subtil und dramaturgisch schlüssig deutlich gemacht. Ein plausibles, sehr ausladendes Gesellschaftsbild sowie emotionale Persönlichkeitsbilder sind entstanden – Regie, Kamera, Ausstattung und Musik auf gleicher, ziemlich beachtlicher Höhe.

Und wenn man die Liste der Darsteller betrachtet, leuchtet das auch rasch ein: Emma Thompson – souverän – (Lady Marchmain), Ben Whishaw – besonders gut – (Sebastian), Greta Scacchi (Lara), Michael Gambon (Lord Marchmain), Matthew Goode – ausgezeichnet – (Charles), Hayley Atwell (Julia), alle agieren mit Niveau.

Thomas Engel