Wiedersehen mit Brundibar

Im Konzentrationslager Theresienstadt wurde bis 19 44 die Kinderoper Brundibar aufgeführt. 70 Jahre später proben junge Erwachsene in einem Theaterprojekt in Berlin dieselbe Oper. Die Beschäftigung mit der Vergangenheit wird zum Anlass für Fragen über die Geschichte, über den Holocaust, über das Warum – Fragen, die auch Douglas Wolfsperger in seinem Dokumentarfilm „Wiedersehen mit Brundibar“ auf unterschwellige Weise in den Raum stellt. Und mit dem er mehr erreicht als so manches Ethikseminar.

Webseite: www.brundibar-derfilm.de

Deutschland 2014 – Dokumentation
Regie, Buch: Douglas Wolfsperger
Länge: 88 Minuten
Verleih: Wilder Süden
Kinostart: 4. Dezember 2014
 

FILMKRITIK:

Ein Theaterprojekt an der Berliner Schaubühne bemüht sich seit Jahren, Jugendlichen mit unterschiedlichen Problemen Halt zu geben. Da ist etwa Annika, die an einer Form des Tourette-Syndrom leidet, David, der schon mit Anfang 20 eine Drogenkarriere mit Suizid-Versuch hinter sich hat oder Inka, die mit dem konformistischen Leben ihrer Eltern nicht zurecht kommt. Als die Theatergruppenleiterin Uta Plate vorschlägt, die Kinderoper „Brundibar“ aufzuführen, sind die Jugendlichen noch skeptisch: Nicht schon wieder Holocaust, nicht schon wieder die deutsche Vergangenheit, über die sie in der Schule schon alles gelernt zu haben glauben.

Doch die Beschäftigung mit der Oper selbst, vor allem aber mit den Umständen der Aufführung öffnet Raum für Fragen und Gedanken, denen sich die Jugendlichen bislang nicht gestellt hatten. Denn „Brundibar“ ist eine Oper, die vom tschechischen Komponisten Hans Krasa zwar nicht explizit für eine Aufführung in Theresienstadt geschrieben wurde, die aber zwischen 1942 und 1944 immer wieder an dem Ort aufgeführt wurde, der von den Nazis als „Musterghetto“ inszeniert wurde. Im Propagandafilm „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“ sind Aufnahmen von einer Aufführung von „Brundibar“ erhalten und somit auch von Greta Klingsberg, einer 1929 in Wien geborenen Jüdin, die den Holocaust überlebte und nun in Israel lebt. Als 13jährige spielte sie die Hauptrolle in der Oper, die Rolle die nun, 70 Jahre später, die junge deutsche Annika spielt.

Bei einem Besuch in Berlin lernen sich die Überlebende und die Jugendlichen kennen, finden erstaunlich schnell ein Miteinander, tauschen sich aus und kommen ganz beiläufig auf vielfältige Fragen zu sprechen. Erst recht, als man gemeinsam das ehemalige Ghetto von Theresienstadt besucht, einen Ort, der so gar nichts mit Oper zu tun hat, an dem die regelmäßigen Aufführungen von „Brundibar“ den Kindern aber doch – zumindest für kurze Zeit – eine andere Welt geöffnet haben.

All das beobachtet Douglas Wolfsperger mit der nötigen Distanz, zeigt die Begegnungen der Generationen, in denen sich das Nachdenken über die Vergangenheit ganz selbstverständlich entwickelt. Und darum geht es dem Regisseur, der sich dezidiert nicht zu den Deutschen zählt, die sich einen Schlussstrich unter der Vergangenheit wünschen. Doch wie soll das Denken, das Andenken vonstatten gehen, wie soll über den Holocaust berichtet werden, ohne das ein Gefühl von Übersättigung und vor allem zwanghaftem Gedenken entsteht? Nicht zuletzt durch Zeitzeugen, die allerdings unweigerlich in wenigen Jahren nicht mehr da sein werden, doch auch durch eine Form der Erinnerung, die nicht aus Zwang besteht, sondern aus Anregung zum Nachdenken. So wie „Wiedersehen mit Brundibar“, der in seinen kaum 90 Minuten Länge mehr erreicht als so manches Ethikseminar.
 
Michael Meyns