Boxfilme gibt es wie Sand am Meer, man muss also einen guten Grund haben, um noch einen zu drehen. Den hat der belgische Regisseur Valéry Carnoy, denn eigentlich hat er kein wirkliches Interesse am Boxen selbst, nutzt den Sport und die mit ihm verbundenen Klischees jedoch, um in seinem Debütfilm „Wild Foxes“ auf gelungene Weise Strukturen und Folgen toxischer Männlichkeit zu sezieren.
Über den Film
Originaltitel
La Danse des renards
Deutscher Titel
Wild Foxes
Produktionsland
BEL, FRA
Filmdauer
94 min
Produktionsjahr
2026
Produzent
Esparbes, Julie / Dasi, Inès Daïen
Regisseur
Carnoy, Valery
Verleih
Grandfilm GmbH
Starttermin
07.05.2026
Camille (Samuel Kircher) ist jung und boxt. In einem Sportinternat irgendwo in der französischen Provinz lebt der Teenager und arbeitet auf seinen großen Traum hin: Für sein Land zu kämpfen, später als Profi, schon bald jedoch bei der Europameisterschaft der Amateure.
Im Ring ist Camille kaum zu schlagen, er bewegt sich gut, kann zuschlagen, vor allem aber einstecken, redet sich auf fast autosuggestive Weise ein, dass die Schläge nicht schmerzen, will immer weitermachen, um es sich und den anderen zu beweisen.
In der Kabine herrscht dementsprechend Testosteronüberschuss, Camille und die anderen, vor allem sein bester Freund Matteo (Fayçal Anaflous) posieren mit nacktem Oberkörper vor der Handykamera, reiben sich mit Öl ein, tanzen und feiern und sind sich sehr nah. Vielleicht auch, um jeden Verdacht auf homosexuelle Neigungen im Keim zu ersticken, prahlen die Teenager umso emphatischer mit angeblichen Eroberungen, reden betont vulgär von sexuellen Abenteuern, auch wenn sie – nicht zuletzt durch das zeitaufwändige Training – kaum Kontakt zum anderen Geschlecht haben.
Abwechslung bietet nur der nahegelegene Wald, in dem Camille und Matteo Füchse mit Fleischstückchen anlocken, die Stille der Natur genießen. Doch dann rutscht Camille von einem Felsplateau, wird gerade so von Matteo gerettet und kommt mit einer zwar auffälligen, aber nicht weiter dramatischen Narbe am Arm davon.
Physisch ist Camille bald wieder fit, doch seit dem Unfall hapert es psychisch: Im Ring wirkt er zurückhaltend, zeigt sich ängstlich und längst nicht mehr so aggressiv wie einst. Auch die Bekanntschaft mit Yas (Anna Heckel), einer der wenigen Mädchen im Internat, die Taekwondo lernt, aber auch gerne im Wald Trompete spielt, zeigt Camille, das es auch anderes im Leben gibt, als zu boxen.
Mann gegen Mann, in der Enge eines Boxrings. Auf den ersten Blick wirkt das wie eine ideale Metapher für die Kämpfe des Lebens, als Symbol für den Darwinismus einer Welt, in der das Recht des Stärkeren gilt. Anfangs wirkt Valéry Carnoy Debütfilm „Wild Foxes“, der letztes Jahr in Cannes seine Weltpremiere erlebte, wie eine Bestätigung dieser Tropen, doch bald unterläuft der belgische Regisseur die Erwartungen.
Er stellt einen jungen Mann, halb Teenager, halb Erwachsener, in den Mittelpunkt, der erst langsam beginnt, eigenständig zu denken. Bislang hatte Camille seinen Weg nicht aus eigenen Antrieb bestritten, sondern einfach das getan, das nachgeahmt, was die patriarchalische Gesellschaft ihm vorgelebt hat. Und das bedeutet, sich zu beweisen, seinen Körper einzusetzen, seinen Mann zu stehen, zu kämpfen.
Eine Narbe auf seinem Knie stamme von seinem Vater, erzählt Camille Yas in einem ruhigen Moment, und mehr braucht es nicht, um zu ahnen, das er zu Hause geschlagen wurde, das er die Wut über die Aggression seines Vaters nun selbst in Aggression übersetzt. Diese Muster zu erkennen sind jedoch nur der erste Schritt, wie Camille bald feststellen muss. Seine Freunde zeigen sich schnell irritiert von ihm, wollen nicht akzeptieren, dass der Starkämpfer keine Lust mehr hat zu kämpfen.
Auch dank der eindringlichen Darstellung von Samuel Kircher gelingt Valéry Carnoy ein ungewöhnlicher Boxfilm, eher ein Anti-Boxfilm, der den so cineastischen Sport und seine Männlichkeitsrituale auf interessante, sehr zeitgemäße Weise hinterfragt und dekonstruiert.
Michael Meyns







