Wilde Unschuld

Es ist die Chronik einer wahren Katastrophe. Verpackt in elegante Bilder und basierend auf dem Tatsachen-Roman von Howard A. Rodman erzählt "Wilde Unschuld/Savage Grace" von einer unglücklichen Ehe, zerstörerischen Abhängigkeiten und einer inzestuösen Mutter-Sohn-Beziehung. Das Familiendrama rund um den schwerreichen Baekeland-Clan wäre heutzutage ein gefundenes Fressen für Paparazzis und Yellow Press.

Webseite: www.ifcfilms.com

OT: SAVAGE GRACE
USA 2007
Regie: Tom Kalin
Drehbuch: Natalie Robins, Stephen M. L. Aronson nach dem Tatsachenroman von Howard A. Rodman
Mit Julianne Moore, Stephen Dillane, Eddy Redmayne, Elena Anaya, Hugh Dancy, Anne Reid
Laufzeit: 96 Minuten
Verleih: Concorde
Kinostart: 8.5.2008

PRESSESTIMMEN:



 

 

FILMKRITIK: 

Basierend auf der Geschichte der Industriellen-Familie Baekeland hat Tom Kalin ein aufwändig ausgestattetes, aber inhaltlich wenig schlüssiges Melodrama inszeniert. Julianne Moore gibt die psychisch labile Schauspielerin Barabara Daly, die der reichen Gesellschaft ihres Mannes nicht gewachsen ist. Nach der Trennung flüchtet sie sich  immer mehr in ein inzestuös enges Verhältnis zu ihrem homosexuellen Sohn Toby.

Die Story von WILDE UNSCHULD basiert auf der wahren Geschichte der Industriellen-Fanilie Baekeland deren Reichtum auf der Erfindung des Bakelit-Werkstoffes gründet. Brooks Baekeland (Stephen Dillane), der Sohn des Erfinders, heiratet 1940 die Schauspielerin  Barbara Daly (Julianne Moore). Die beiden haben einen gemeinsamen Sohn Tony (Eddie Redmayne), der nach dem Zerbrechen der Ehe bei seiner Mutter aufwächst. Mutter und Sohn sind psychisch außerordentlich labil und entwickeln eine ungewöhnlich enge Beziehung, die inzestuöse Züge hat. Am 11. November 1972 ersticht Antony Baekeland seine Mutter.

Der Film setzt kurz nach der Geburt des Sohnes Tony ein, als die Entfremdung der Eheleute schon mit Händen zu greifen ist. Daheim gibt Julianne Moore das süßlich zwitschernde, dabei aber eiskalt kontrollierende Püppchen, auf Partys stellt sie ihren Ehemann bloß und bemüht sich nicht einmal ihre sexuellen Eskapaden zu verbergen. In lose verknüpften sechs Akten, die jeweils an einer anderen pittoresken Location –  New York, Paris, Cadaques, Mallorca und London – spielen, erzählt Regisseur Tom Kalin wie die Ehe rapide zerbröselt. Als der Vater die Familie verlässt, bleibt Tony, immer schon Muttersöhnchen, bei der Selbstmord gefährdeten Barbara.

Zwischen Mutter und Sohn entwickelt sich ein übergriffiges, latent erotisches Verhältnis, dem Tony sich nicht entziehen kann und dem Regisseur Tom Kalin größte Aufmerksamkeit widmet. In der genussvollen Inszenierung verbotener Intimität findet der Film sein eigentliches Thema. Das beginnt mit geflüsterten Geheimnissen, kuscheligen Frühstücken im Bett und Begegnungen im Badezimmer, führt über geteilte Lover und endet schließlich in der großen perversen Inzestszene in der Julianne Moore ihrem Sohn einen runterholt und sich selbst an ihm befriedigt.

Dabei stört die Drastigkeit der Szene weniger als die kunsthandwerkliche Begeisterung mit der Kalin sie inszeniert. Sein Interesse scheint vor allem den Äußerlichkeiten des Melodrams zu gelten: der opulenten Dekoration, dem Farbspiel, den wechselnden Kleidern Barbaras, den glamourösen Locations, der skandalösen Story. Jede Episode ist äußerst aufwendig in Szene gesetzt und lässt einen doch kalt. Einzige Ausnahme sind die kleinen pikant-peinlichen Grenzüberschreitungen, die sich Barbara in Gesellschaft leistet und in denen man etwas über die Verzweiflung Barbaras und die Grausamkeit der Regeln, denen sie nicht entsprechen kann, begreift. Wie in der Szene als literarischer Besuch da ist und sie dem kleinen Tony ein Buch in die Hand drückt. Er soll beweisen, wie gut er Französisch kann. Tony weigert sich, vorzulesen – das Buch ist „Justine“ vom Marquis de Sade.

Aber das sind kleine Lichtblicke in einem Film, der überwiegend planlos vor sich hin meandert.  WILDE UNSCHULD findet hübsche Bilder für eine spekulative Geschichte – eine innere Logik, ein Anliegen, ein Interesse an psychologischen oder gesellschaftlichen Zusammenhängen ist dabei nicht zu erkennen.

Hendrike Bake

Das Leben schreibt immer noch die unglaublichsten Geschichten. Dabei ist die Tragödie, die das drei Dekaden umspannende Familiendrama "Wilde Unschuld" vor dem Zuschauer ausbreitet, durch zahlreiche Zeugenaussagen und Briefe der Beteiligten bis ins Detail verbürgt. Die Katastrophe nimmt ihren Lauf, als die hübsche Möchtegern-Schauspielerin Barbara Daly (Julianne Moore) in die hoch angesehene Baekeland-Dynastie einheiratet. Ihr Mann Brooks (Stephen Dillane) ist der Enkel des aus Belgien stammenden Chemikers Leo Hendrik Baekeland, der Anfang des 19. Jahrhunderts mit der Entwicklung des nach ihm benannten Kunststoffes Bakelite ein Vermögen machte.
Die Ehe ist nur nach außen perfekt. Beide haben Affären. Barbara sucht zudem verzweifelt nach Anerkennung und Bestätigung, was ihr im Kreis der High Society aber zumeist verwehrt bleibt. Auch die Geburt des gemeinsamen Sohnes Antony und der Umzug nach Europa ändern nichts an dieser Situation. So vergehen die Jahre, in denen sich die Eheleute immer weiter voneinander entfremden. Während Antony (Eddy Redmayne) allmählich erwachsen wird und seine eigene Sexualität entdeckt – schnell wird klar, dass er eigentlich Männer liebt –, zieht Brooks einen Schlussstrich unter die Beziehung zu Barbara. Sein Herz gehört einer Jüngeren. Bianca (Elena Anaya), ausgerechnet ein früherer Urlaubsflirt seines Sohnes, ist fortan die Frau an seiner Seite.

 

Man ahnt, dass diese Geschichte kein Gutes Ende nehmen wird. Von den ersten Minuten an liegt eine erdrückende Last auf den opulenten Bildern des High Society-Lebens, das bereits damals erschreckend genau den von Boulevard-Blättern kolportierten Klischees des modernen Jetsets entsprach. Kameramann Juan Miguel Azpiroz packt den verschwenderischen Luxus in stilvolle, bisweilen gar stilisierte Aufnahmen. Dabei ist die Idylle an Urlaubsorten wie der Costa Brava oder Mallorca stets zu perfekt, als dass man ihr auch nur für einen Moment trauen könnte, zumal der an klassische Suspense-Filme angelehnte Score die düstere Vorahnung noch befeuert.

Ein Hauch von Shakespeare umweht Tom Kalins tragische Familien-Chronik, die von selbstzerstörerischen, neurotischen und psychisch schwer gestörten Charakteren förmlich zu bersten scheint. Und vermutlich ist das auch der größte Haken an Wilde Unschuld. Denn es fällt trotz der durchweg erstklassigen Besetzung schwer, sich für diesen Haufen – pardon – arroganter Schnösel zu interessieren, deren einziger Zeitvertreib die Zurschaustellung der eigenen Eitelkeit zu sein scheint. Lediglich für Julianne Moores einsame Society-Lady lässt sich so etwas wie Verständnis aufbringen. Dabei beeindruckt die Moore einmal mehr in einer dramatischen Rolle, deren distinguierte Eleganz gewisse Parallelen zu Todd Haynes Douglas Sirk-Hommage Dem Himmel so fern offenbart.

Leider trägt das mondäne Setting nicht über die gesamte Laufzeit. So kann auch die ausgeklügelte Ästhetik das mitunter deutlich spürbare inhaltliche Vakuum nicht kaschieren. Denn obwohl "Wilde Unschuld" innerhalb seiner 96 Minuten vieles behandelt – angefangen von einer unglücklichen Ehe, über einen Coming-of-Age-Subplot bis hin zu einer inzestuösen Mutter-Sohn-Beziehung–, geht der Film nur selten in die Tiefe. Es mag zwar konsequent sein, einen oberflächlichen Film über vermeintlich oberflächliche Menschen zu drehen, wirklich zufriedenstellen kann diese Analogie letztlich jedoch nicht.

Marcus Wessel

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Ein biographisch wie formal besonderer Film. Biographisch, weil er das extravagante Leben der reichen Erben des Bakelit-Erfinders Baekeland schildert, formal, weil er in sehr typisch-gezielten Schlüsselmomenten das Dasein einer scheinbar gehobenen Gesellschaft in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts veranschaulicht. 

Barbara will vor allem eines: in der Gesellschaft weiterkommen und etwas gelten. Nicht zuletzt deshalb heiratet sie den begüterten Brooks, den Sohn des genannten Erfinders. Zusammenpassen tun die beiden nicht, und daher muss nach vielen Jahren die Ehe schließlich scheitern – und zwar weil Brooks sich mit Blanca, der Freundin des gemeinsamen Sohnes Anthony, aus dem Staub macht. 

Warum Blanca nicht bei Anthony bleibt, wird bald klar: Der ist homosexuell, zum Inzest mit der eigenen Mutter fähig, nach guten, sogar poetischen Anfängen verzogen und verwöhnt, müßiggängerisch dekadent, zum Töten bereit. 

Die Mutter steht ihm in nichts nach. Kapitelweise wird deren Tun und Lassen an den verschiedenen, von der High Society bevorzugten Orten aufgezeigt – vom Triumph bis zum Scheitern, vom Sein bis zum Nichtmehrsein, von der persönlichen Verantwortung bis zur Selbstzerstörung.

Der Narzissmus dieser Menschen, deren psychischer Zustand, deren Begriff von Liebe, deren seelische Extreme, deren Ambivalenz, aber auch deren positive Seite, emotionale Tiefe und Größe, das alles wird hier mit charakteristischen Dialogen, auffallenden Auftritten, speziell festgehaltenen Momenten, ausgesuchten Bildkompositionen, Lichteffekten und Locations dargestellt. Von der erzählerischen wie von der bildlichen Art her schon etwas Beachtliches.

Die Höhepunkte beschert Julianne Moore als Barbara. Sie gibt die ehrgeizige, nach dem offenbar Unmöglichen strebende, verzweifelte und auch dekadente Lady mit einer mannigfaltigen Präsenz, die den Film anhebt und bereichert. 

Thomas Engel