William S. Burroughs: A Man Within

Eine beeindruckende Riege von Zeitzeugen und Bewunderern hat Regisseur Yony Leyser für seine Dokumentation „William S. Burroughs – A Man Within“ vor die Kamera bekommen, von Punkstars über Filmemachern bis hin zu Intellektuellen. Zusammen mit spannenden Archivaufnahmen lässt er ein vielschichtiges Bild eines der bedeutendsten amerikanischen Literaten des 20. Jahrhunderts entstehen.

Webseite: www.neuevisionen.de

USA 2011 – Dokumentation
Regie, Buch: Yony Leyser
Länge: 87 Minuten
Verleih: Neue Visionen
Kinostart: 12. Januar 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Neben Allen Ginsberg und Jack Kerouac gilt er als Begründer der Beat-Literatur, die in den 50er Jahren begann, die literarische Szene Amerikas umzuwälzen: William S. Burroughs, 1914 in eine wohlhabende Familie hineingeboren, Absolvent der Elite- Universität Harvard, später bekennender Drogensüchtiger, der im Rausch seine Frau erschoss und daraufhin einige der einflussreichsten Werke der jüngeren Literaturgeschichte verfasste.
Allein die Riege seiner Freunde und Bekannten aufzuzählen oder die zahllosen von Burroughs und seinen Werken beeinflussten Filme, Bücher, Bands und Songs, würde jeden Rahmen sprengen. Insofern kann man es Autor und Regisseur Yony Leyser kaum verdenken, dass er in seinem Debütfilm streng genommen kaum mehr tut, als berühmte Zeitgenossen zu Wort kommen zu lassen und das Material chronologisch anzuordnen. Angesichts des enorm reichen Lebens, das Burroughs geführt hat, den erstaunlichen Geschichten und Legenden, die sich um seine Werke ebenso ranken wie um sein Privatleben und seinen Drogenkonsum, wäre mehr in einer 90minütigen Dokumentation auch kaum möglich gewesen.

Besonders das starke autobiographische Element in Burroughs Werk, der seine lebensbestimende Drogensucht in stakkatohaften, ungeschönten Zeilen thematisierte, beeinflusste Punk-Musiker wie Patti Smith, Iggy Pop oder Thurston Moore. Die Regisseure Gus van Sant und John Waters wiederum beschreiben Burroughs Bedeutung für die langsame öffentliche Akzeptanz von Homosexuellen. Burroughs selbst lebte bis Mitte der 50er Jahre mit Frauen zusammen, hatte einen Sohn, der ebenso jung starb wie seine Mutter.

Während der Sohn einer Alkoholvergiftung erlag, fand seine Mutter – Burroughs zweite Frau Joan Vollmer – ein tragischeres Ende. Vermutlich bei dem Versuch, Wilhelm Tell nachzustellen, erschoss Burroughs Vollmer in Mexiko City, verbrachte etliche Zeit im Gefängnis, bis er in die USA zurückkehren konnte. Das ihn erst dieses Unglück zum Schreiben über sich und seine Drogenerfahrungen brachte, ihn also der Tod seiner Frau zu dem berühmten Autor machte, der er werden sollte, scheint Burroughs den Rest seines Lebens belastet zu haben. Der aus dem Unglück entstandene Roman hieß „Naked Lunch“, wurde zu einem der berühmtesten Texte der Beat-Literatur und schließlich 1991 von David Cronenberg verfilmt.

Bisweilen fällt es schwer nachzuvollziehen, welche Bedeutung die Beat-Literaten und besonders ihr exponiertester Vertreter William Burroughs in den 50er Jahren gehabt haben müssen. Die Mauern, die Burroughs einriss, die Tabus die er zu brechen half, die Liberalisierung der Gesellschaft, zu der er beitrug; vieles davon muss man sich selbst vor Augen führen. Auf eine Einordnung von Burroughs Leben in die größeren gesellschaftlichen Entwicklungen seiner Zeit verzichtet diese Dokumentation, was angesichts der Fülle der faszinierenden Archivaufnahmen von Burroughs und den vielen interessanten Gesprächen mit Zeitzeugen zu verschmerzen ist. „William S. Burroughs: A Man Within” ist vor allem eine spannende Einführungen in Leben, Werk und Einfluss von William S. Burroughs, die Lust macht, sich anschließend intensiver mit diesem bedeutenden Künstler zu beschäftigen.

Michael Meyns

Es gibt die allgemeine Kultur, aber auch die Subkultur, die Nebenkultur, die Gegenkultur , die Widerstandskultur, die Rebellenkultur, die Wandlungskultur, die Fortschrittskultur. Der amerikanische Schriftsteller William S. Burroughs war nicht ein Vertreter der allgemeinen Kultur, aber aller anderen genannten kulturellen Strömungen.

Und er war der Mentor vieler, die noch bis weit in die Mitte des 20. Jahrhunderts mit der Spießigkeit in Amerika, mit der gebieterischen Regierungspolitik, mit der ungerechten Verteilung des Vermögens im Land, mit der Benachteiligung der Schwarzen, mit dem Militarismus, mit dem extremen Kapitalismus, mit der Missachtung der Homosexuellen nichts zu tun haben wollten, dagegen kämpften.

Es gibt in diesem Dokumentarfilm zwei Passagen, in denen Burroughs – der übrigens aus Versehen seine Frau erschoss – in einer eindrucksvollen Art „Gebet“ all diese Missstände deklamatorisch und bitter anklagend aufzählt.

Dem Regisseur dieses Films ist es gelungen, wichtiges Archivmaterial und Gespräche mit dem Schriftsteller selbst sowie Interviews mit einer Menge von Freunden des Autors zusammenzutragen, in denen viel Erhellendes gesagt wird. Bewunderer, Kritiker, Weggefährten, Jünger, alle sind versammelt. Die Gesamtheit der Aussagen ergibt so etwas wie die Vorwegnahme geistiger Strömungen, die dann im dritten Drittel des vorigen Jahrhunderts konkret wurden. Es geht um Individualismus und Abhängigkeit, um die Freiheit von der Politik, um die geschlechtliche Selbstbestimmung oder um die Aufhebung aller Einschränkung, was Drogen betrifft. Charakteristisches für das Letztgenannte ist vor allem sein berühmtes Buch „Naked Lunch“.

Ein absolut vorrangiges Thema der Gespräche mit den Freunden war die Homosexualität, auch die eigene. Die Hippies, die Punks, die Künstler, sie nahmen Burroughs’ Thesen mit Begeisterung auf. Vieles hat sich durchgesetzt, ist heute gängig.

Andy Warhol, Allen Ginsberg, Gus van Sant, John Waters, Jack Kerouac , Patti Smith, Iggy Pop, Genesis P-Orridge oder Laurie Anderson und Amiri Baraka oder David Cronenberg hießen die Freunde und Gesprächspartner.

Wer sich für die fruchtbare und folgenreiche amerikanische Anti-Kultur des vergangenen Jahrhunderts interessiert, ist in diesem sein Anliegen gut treffenden, ziemlich umfassenden und sehenswerten Dokumentarfilm goldrichtig.

Thomas Engel