Wilson – Der Weltverbesserer

Dieser Mann lässt einen weder in Ruhe pinkeln noch alleine Zug fahren. Mit anderen Worten: Wilson ist eine Nervensäge. Um nach dem Tod seines Vaters seiner Einsamkeit zu entfliehen, sucht er seine verflossene Liebe wieder auf. Und erfährt, dass er Vater einer 17-jährigen Tochter ist. Ein filmischer und sehr lustiger Schelmenroman mit drei höchst komplizierten Charakteren, die nach Nähe, Liebe und einem Platz im Leben suchen. Woody Harrelson hat in der Titelrolle sichtlich Spaß an dem Unfug, den er auf Kosten anderer treiben darf.

Webseite: www.wilson-derfilm.de

OT: Wilson
USA 2017
Regie: Craig Johnson,
Darsteller: Woody Harrelson, Laura Dern, Isabella Amari
Länge: 94 Min.
Verleih: Fox
Kinostart: 29.6.2017

FILMKRITIK:

So einen wie Wilson hat vielleicht jeder von uns in seinem Bekanntenkreis: laut, aufdringlich, ehrlich, neurotisch, vulgär, immer bestrebt, das letzte Wort zu behalten. Woody Harrelson spielt diesen Wilson augenzwinkernd, mit schüchternem Lächeln und großer Brille. Er hat Spaß an dieser Rolle. In leeren Zugabteilen setzt er sich zielsicher neben den einzigen Reisenden, um ihm ein Gespräch aufzuzwingen. Egal ob seine Mitmenschen schlafen oder sich mit Kopfhörern abschotten – Wilson sucht Anschluss. Schon das Filmplakat zeigt ihn, wie er sich auf der Toilette dem Herrn rechts neben ihm zuwendet, obwohl links noch zwei Pissoirs frei sind. Sehr lästig. Aber Wilson hat keine Scheu vor Nähe.
 
Die Handlung kommt in Gang, als sein Vater überraschend stirbt. Plötzlich wird Wilson bewusst, wie einsam er ist. „Ich habe niemanden mehr, mit dem ich meine Erinnerungen teilen kann“, sagt er einmal. Was für ein trauriger Satz! Um nicht ganz allein dazustehen, macht er seine Ex-Frau Pippi, gespielt von Laura Dern, ausfindig – obwohl sie ihn vor 17 Jahren rüde sitzen ließ. Jetzt erfährt er endlich, dass er sogar Vater ist – Pippi hatte das Baby damals zur Adoption freigegeben. Wilson überzeugt seine Ex, ihre fast erwachsene Tochter Claire (Isabella Amari) zu suchen. Doch kaum haben sich die drei kennen gelernt, will Wilson „seine Familie“ nicht mehr loslassen…
 
  „Wilson – Der Weltverbesserer“ ist so etwas wie ein filmischer Schelmenroman. Wie ein Pikaro hält die Titelfigur den Menschen den Spiegel vor und wirft ihnen ungefragt die Wahrheit an den Kopf. Die Leute reagieren auf seine spitzen, ungehobelten Bemerkungen mal natürlich, mal überrascht, mal abwehrend, mal irritiert. Seine brutale Ehrlichkeit führt dabei zu amüsanten Dialogen, die immer auch eine Erkenntnis für den Zuschauer bereithalten.
 
Und noch etwas erinnert an den Schelmenroman: Episodenhaft hangelt sich Wilson von kleinem Abenteuer zu kleinem Abenteuer, und weil dies auch ein Roadmovie ist, auch von Ort zu Ort, von Begegnung zu Begegnung. Das soziale Umfeld, mit dem er in Berührung kommt, entlarvt er kritisch. Immer wieder reibt sich Wilson, wie ein altmodischer Dinosaurier, an Erfindungen wie Handys, sozialen Medien und dem Internet. Aber auch er ist lernbereit: Ohne Internet-Recherche hätte er Pippi nicht gefunden, ohne Skype könnte er nicht seine Tochter sehen, während er mit ihr telefoniert. So ist der Film, inszeniert von Craig Johnson, immer auch in der Realität verwurzelt, obwohl das Drehbuch von Daniel Clowes auf seiner eigenen Graphic Novel beruht.
 
Diese Wirklichkeitsnähe gilt auch für die Figur der Pippi, eine Träumerin und Pessimistin, die – früher einmal eine drogenabhängige Prostituierte – einfach nur ihr Leben wieder auf die Reihe kriegen will. Laura Dern spielt sie bravourös mit der ihr eigenen Nervosität und Hibbeligkeit. Wilson, Pippi und Claire – drei komplizierte Charaktere, die nach Nähe, Liebe und einem Platz im Leben suchen. Ihre manchmal vergeblichen Anstrengungen machen den ganz eigenen Ton dieses Films aus.
 
Michael Ranze