Wintermärchen

Schwer zu ertragen ist Jan Bonnys „Wintermärchen“, was auch ein Kompliment ist. Zwei Stunden lang blickt der Regisseur mit unerbittlicher Schärfe in die Strukturen einer dreiköpfigen Terrorzelle, die sich mehr mit persönlichen Scharmützeln beschäftigt als mit tatsächlichen Anschlägen. Ohne zu werten und zu urteilen zeigt Bonny diese Dynamik, was alles andere als schön ist, aber wuchtiges, eindrucksvolles Kino.

Webseite: www.wfilm.de/wintermaerchen/

Deutschland 2018
Regie: Jan Bonny
Buch: Jan Bonny & Jan Eichberg
Darsteller: Thomas Schubert, Ricarda Seifried, Jean-Luc Bubert, Peter Eberst, Lars Eidinger, Kazim Demirbas
Länge: 125 Minuten
Verleih: wfilm
Kinostart: 21. März 2019

FILMKRITIK:

Becky (Ricarda Seifried) und Tommi (Thomas Schubert) leben im Untergrund und träumen vom Kampf gegen Ausländer. Doch weder Anschläge klappen, noch der Sex zwischen dem Paar, das offenbar schon länger zusammenlebt und es kaum noch zusammen aushält. Zwar hält sich Tommi für den Anführer, doch Becky lässt keine Gelegenheit aus, ihn spüren zu lassen, für was für ein Weichei sie ihn hält.
 
Die Dynamik ändert sich, als Maik (Jean-Luc Bubert) dazu stößt und aus dem Duo ein Trio wird, das sich schnell in einer toxischen Dreiecksbeziehung wiederfindet. Angesichts des selbstbewussten, virilen Maik, der schnell mit Becky im Bett landet, findet sich Tommi zunehmend in der Rolle des Beobachters wieder, eine Rolle, die ihm, dem latent masochistischen durchaus gefällt.
 
Nach ersten Anschlägen, Überfällen und Morden steigert sich das Trio in immer neue Exzesse, feiert ausgelassen und hemmungslos und spielt unterschiedliche Beziehungsformen durch. Schließlich haben auch Tommi und Maik Sex, was wiederum Becky stört und fast zum Auseinanderbrechen der Terrorzelle führt.
 
Jan Bonny hat es seinem Publikum noch nie leicht gemacht. Leichte, sympathische Filme dreht er nicht, schon sein Debüt „Gegenüber“ sezierte auf schonungslose Weise die Beziehung zwischen einem Polizisten und seiner Frau, auch sein jüngster Polizeiruf „Das Gespenst der Freiheit“ – zum Teil eine Vorstudie für „Wintermärchen“ – lotete den Zusammenhang zwischen Sex und Gewalt aus, doch so weit wie hier ist er noch nie gegangen. Vor allem, dass er die Exzesse der Terrorzelle, ihre Ausländerfeindlichkeit, ihre Morde an willkürlichen Personen neutral und ohne moralische Wertung zeigt, dürfte auf einigen Widerstand stoßen.
 
Doch gerade der Versuch, zu verstehen, wie es innerhalb einer so speziellen Struktur wie einer Terrorzelle zugeht, wie sich drei äußerlich ganz durchschnittliche Menschen in einen Rausch steigern, der Tote fordert, ist ein künstlerisch ebenso spannendes wie ambitioniertes Unterfangen. Für das es mutige Darsteller bedarf, denn über die zwei Stunden des Films hält die Kamera von Benjamin Loeb unerbittlich auf das Trio drauf, filmt in langen Einstellungen Unterhaltungen, Gewalt, Sex, die zunehmende Selbstzerfleischung. Mit größter Offenheit, die manchmal hart an die Grenze des Exhibitionismus stößt, spielt das Hauptdarstellertrio, füllt ihre Rollen bis an die Schmerzgrenze aus und manchmal auch darüber hinaus. Ein bisschen zu oft arten die Diskussionen dabei in hysterisches, unverständliches Geschreie aus, doch vielleicht ist auch dies nur ein weiteres Mittel, den Zuschauer mit Szenen zu konfrontieren, die man eigentlich nicht freiwillig sehen will. Angenehm anzusehen ist „Wintermärchen“ in keinem Moment, aber in seiner wuchtigen, intensiven Art ein ebenso ungewöhnliches wie herausragendes Stück Deutsches Kino.
 
Michael Meyns