Winterschlaf

Der Cannes-Siegerfilm 2014 ist eine Charakterstudie, die sich viel Zeit nimmt: zum Hinschauen und Hinhören, zum Verharren und zum Nachdenken. Dabei geht es weniger um Entwicklungen als um Enthüllungen. Der anfangs so sympathische Held – ein Ex-Schauspieler, der ein Hotel in Kappadokien führt – entpuppt sich als Tyrann. Sein Geld und seine Sprache sind die Machtmittel, mit denen er andere lockt, verführt und beherrscht. Es lohnt sich, drei Stunden zu investieren, um diesen Film zu "erfahren", die ausgefeilten Dialoge, seine faszinierenden Bilder und nicht zuletzt die Hinterlist, mit der Nuri Bilge Ceylan dem Publikum sein Bild eines charmanten Despoten unterjubelt.

Webseite: www.winterschlaf.de

Originaltitel: Kış Uykusu
Land: Türkei/Deutschland/Frankreich
Regie: Nuri Bilge Ceylan
Buch: Ebru Ceylan, Nuri Bilge Ceylan
Darsteller: Haluk Bilginer, Melisa Sözen, Demet Akbag, Ayberk Pekcan, Serhat Mustafa Kiliç, Tamer Levent, Nejat İşler, Nadir Saribacak, Mehmet Ali Nuroglu
Länge: 196 Minuten
Verleih: Weltkino
Kinostart: 11. Dezember 2014
 

FILMKRITIK:

Aydin war Schauspieler, offenbar recht bekannt und mit einer noch immer vorhandenen Fangemeinde. Der hoch gebildete, weltgewandte Mann ist sehr wohlhabend und führt nun ein Hotel im malerischen Kappadokien, mitten in den Bergen, dort, wo die Häuser als Höhlen in die weichen Felsen hineingebaut wurden. Charmant plaudert Aydin mit seinen internationalen Gästen, die allerdings einer nach dem anderen abreisen, denn es wird Winter. Als Gesprächspartner bleiben Aydin, der die Kunst der gepflegten Konversation pflegt, nur seine viel jüngere Ehefrau Nihal und seine Schwester Neçla, die seit ihrer Scheidung hier wohnt. Zum Zeitvertreib schreibt er Kolumnen für die lokale Tageszeitung, aber eigentlich plant Aydin das große Standardwerk über das türkische Theater, wovon er schon seit Jahren träumt, aber dafür fehlt ihm die Zeit. Denn Aydins Tagesablauf wird ständig gestört – entweder von seinen Angestellten oder von Bittstellern, von seiner Frau, die ihr Leben der Wohltätigkeit gewidmet hat, oder von Necla, die ihrer gescheiterten Ehe hinterhertrauert.
 
Was zunächst wie das beinahe langweilige Leben eines freundlich jovialen Privatiers anmutet, entwickelt sich in dramatischer Langsamkeit zur Geschichte eines eitlen Egomanen, der – ganz nach Gutsherrenart – seine Umgebung ausnutzt und unterdrückt. Immer mehr entlarvt sich Aydin als intriganter Zyniker, der vielleicht aus Langeweile, vielleicht aus Gewohnheit jeden Menschen in seiner Nähe gegen sich aufbringt und niedermacht. Erst am Ende scheint es, als würde sich der Machtmensch besinnen.
 
Haluk Bilgener als Aydin legt seine Darstellung eines Fieslings wunderbar fintenreich an. Raffiniert spielt er mit Erwartungshaltungen – ein jovialer, älterer Herr, der so freundlich und sympathisch wirkt, dass es eine Weile dauert, bis die Abgründe seiner Bosheit offenkundig werden. Melisa Sözen spielt sehr eindringlich Aydins seelisch verkümmerte Frau Nihal, eine engagierte Wohltäterin, die mehr aus Angst als aus Bescheidenheit im Hintergrund bleiben möchte. Sie setzt dem redegewandten Ehemann und Patriarchen ihr Schweigen entgegen, aber vergeblich: Aydin zwingt sie in Gespräche, in denen sie ihm unterliegen muss. Der Philosoph und Theoretiker besiegt die praktisch Begabten, die sich durch ihre Taten hervortun – ebenso geht es Neçla (Demet Akbag) und allen anderen, die meinen, sich gegen Aydin behaupten zu können.
 
Die Bilder, oft tableauartig und in weichen Farben, sind von einer merkwürdig melancholischen Schönheit, gelegentlich blitzt Humor auf, so bei den Jägern im Tiefschnee oder beim Besäufnis der alten Herren. Ruhig und sparsam ist die Musik. Insgesamt geht es weniger um eine in sich geschlossene Geschichte als um Entwicklungen und Konflikte. Sie ergeben sich aus den Charakteren der Hauptfiguren, deren unvereinbare Gegensätzlichkeit von Minute zu Minute deutlicher wird. Als roter Faden zieht sich Aydins Auseinandersetzung mit einem verarmten Schuldner und dessen Familie durch die Handlung, aber dieser Erzählstrang dient mehr der subtilen Deutung von Abhängigkeiten als einer offenkundigen Dramatik. Der Philosoph wird zum Diktator, er hat das Geld und damit die Macht, alle anderen zwingt er in seine Abhängigkeit und damit in die Unterwerfung.

So betrachtet, ist den Ceylans wieder ein durchaus politischer Film gelungen, in dem sie Themen wie Macht, Verantwortung und Barmherzigkeit in beinahe aufreizender Ruhe behandeln. Ihr Höhlenhotel in den Bergen ist mindestens so bizarr und verwinkelt wie Aydins Seelenleben und ein Sinnbild für widerstreitende menschliche Befindlichkeiten. Ein bisschen Anton Tschechow, ein bisschen Ingmar Bergman – beinahe distanziert in der Darstellung, aber mit derselben Weisheit und zusätzlich mit dem rauen Charme Kappadokiens.
 
Gaby Sikorski