Wo bist du, João Gilberto?

Der Schöpfer des Bossa Nova, João Gilberto, lebt seit vielen Jahren vollkommen zurückgezogen. Georges Gachot nimmt die Spur des exzentrischen Musikers auf. Die Grundlage dafür ist ein Buch: „Hobalala“ von Marc Fischer nach einem bekannten Song von João Gilberto handelt ebenfalls von der Suche nach ihm und wird zum Dreh- und Angelpunkt eines Films über Musik, Kunst und Leidenschaft. Seit Marc Fischers Buch 2011 erschien, ist einiges im Leben von João Gilberto passiert, was hier allerdings nicht thematisiert wird. Diese zusätzlichen Informationen und insgesamt ein paar Minuten weniger Laufzeit hätten den Film perfekt gemacht. Für Musikfans ist die Dokumentation sicherlich dennoch sehenswert, auch wegen der vielen Stars aus der brasilianischen Musikszene.

Webseite: www.hobalala-film.de

Dokumentarfilm
Schweiz/Deutschland/Frankreich 2018
Regie: Georges Gachot
Drehbuch: Georges Gachot, Paolo Poloni
Musik: João Donato
108 Minuten
OmU (Deutsch/Englisch/Französisch/Portugiesisch)
Verleih: farbfilm
Kinostart: 22. November 2018

FILMKRITIK:

Als der Autor und Journalist Marc Fischer 2011 starb, wahrscheinlich durch Selbstmord, war sein Buch – „Hobalala: Auf der Suche nach João Gilberto“ – noch nicht veröffentlicht. Georges Gachot, ein Schweizer Filmemacher, der sich auf Dokumentationen über Musiker und in den letzten Jahren besonders über die brasilianische Musikszene spezialisiert hat, erhielt von Marc Fischers Familie Zugang zu den zahllosen Notizen und Fotos aus der fast einjährigen Recherche des Verstorbenen. Mit dem Buch und diesem Material in der Hand macht sich Georges Gachot auf die Reise. Zum einen will er das schaffen, was Marc Fischer nicht gelang: ein Interview oder wenigstens ein Treffen mit João Gilberto, doch es gibt noch einen anderen Grund, der etwas weniger offensichtlich ist: Georges Gachot ist fasziniert von Marc Fischers Text, von seiner literarischen Spurensuche und von der Leidenschaft und vor allem von der Sehnsucht, die in und zwischen den Zeilen deutlich wird. „Sehnsucht“ und „saudade“ – beide Wörter bedeuten etwas Ähnliches. Und „saudade“, die portugiesische Entsprechung ist eine der Grundlagen des Bossa Nova, der in den 50er Jahren von João Gilberto quasi erfunden wurde. Mit Hilfe der vorhandenen Recherchematerialien sucht Georges Gachot Fischers alte Kontakte auf. Da ist die liebenswerte Dolmetscherin Rachel, die Marc Fischers Assistentin war und von ihm „Watson“ genannt wurde, während Marc Fischer Sherlock Holmes war und sich teilweise auch so kleidete. Rachel wird nun George Gachots Assistentin. Da gibt es den Komponisten João Donato, der seinen Freund João Gilberto seit vielen Jahren nicht mehr gesehen hat. Und da ist vor allem Miúcha, die mit João Gilberto verheiratet war, eine auch heute noch bekannte Sängerin. Immer mehr eignet sich Georges Gachot Marc Fischers Texte an, während er in die Suche nach dem verschwundenen Bossa Nova-Star eintaucht. Und relativ schnell wird klar, dass einige seiner Kontakte Zugang zu João Gilberto haben, der allerdings nicht an einer Begegnung mit Georges Gachot interessiert zu sein scheint.
 
Entgegen der Annahme – und anders, als manche Pressetexte vermuten lassen – geht es hier also weniger um eine investigative Recherche, die über Kontakte und Interviews ein klares Ziel verfolgt. Oft ist George Gachots Film eher Essay als Reportage, eine auch literarische Annäherung an Marc Fischer, die über diesen Umweg, Sehnsucht und saudade inklusive, zum Bossa Nova führt und einen Weg zu João Gilberto weist. Das ist etwas kompliziert, manches zieht sich oder ist gelegentlich redundant. Doch diese Vorgehensweise hat durchaus etwas Spielerisches, ist hier und da witzig. Dennoch bleibt ein merkwürdiges Gefühl. Die eine Frage lautet: Warum einen Künstler finden, der offenbar nicht gefunden werden will? – Diese Frage wird zu Beginn teilbeantwortet. Sie hat auch Marc Fischer beschäftigt. Aber warum nur so tun, als ob man einen Künstler finden will, der nicht gefunden werden will, von dem aber eine Menge Leute wissen, wo er ist? Und warum wird nicht darüber gesprochen, was in den Jahren, seit Marc Fischer in Rio war, mit João Gilberto passiert ist? Dass er vielleicht pleite ist, weil er zum Betrugsopfer wurde, dass seine Tochter ihn hat entmündigen lassen …
 
Was Georges Gachot versucht, ist ein Balanceakt. Mit einigem Erfolg gelingt es ihm, eine literarische Reise filmisch festzuhalten. Doch dafür braucht er Marc Fischers Kontakte. Dass und wie er die Geschichte des Bossa Nova erzählt, ist spannend und interessant. Wie er mit Marc Fischers lesenswertem Buch umgeht, ist respektvoll und zugewandt. Die leise, sanfte Stimme von João Gilberto begleitet den Film, macht „saudade“ spürbar und schafft eine angenehme Stimmung, die vielleicht nicht durch die Realität gestört werden sollte. Das könnte dann auch die Erklärung sein, die dem vorhersehbaren Schluss einen Hauch existentialistischen Charmes verleiht.
 
Gaby Sikorski